Papst Franziskus und seine Moralpredigt für den Glasgow-Gipfel Ein Radikaler im Vatikan

Umweltthemen fand er früher »lästig«. Jetzt prangert Franziskus die »unersättliche Gier« der Menschen an. Mit anderen Religionsführern formuliert er einen flammenden Appell.
Von Frank Hornig, Rom
Franziskus, 84, Klimapapst

Franziskus, 84, Klimapapst

Foto: Giulio Origlia / Getty Images

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Der grüne Fußabdruck des Papstes ist gar nicht so schlecht. Meistens fährt er in Kleinwagen wie einem Fiat 500 L oder einem Ford Focus zu Terminen und nicht in schweren Limousinen wie seine Vorgänger.

Bescheiden ist auch sein persönlicher Flächenverbrauch angesichts der ihm zur Verfügung stehenden Paläste: Franziskus lebt in drei Zimmern im Gästehaus Santa Marta – und verzichtet auf die großzügigen päpstlichen Gemächer im Palazzo Apostolico. In seinem winzigen Kirchenstaat gibt es keine Autobahn, kein Kohlekraftwerk und keine Stahlfabrik.

Kurz: Als kleinstes Land der Welt mit 453 Einwohnern ist es für den Vatikan nicht so schwer, Klimaziele einzulösen. Auf der Audienzhalle wurden Solaranlagen montiert, und in der Sixtinischen Kapelle gibt es jetzt nachhaltige Erleuchtung: Mit neuen Strahlern haben seine Leute den Energieverbrauch um 60 Prozent reduziert.

Energiesparprojekt Sixtinische Kapelle: Nachhaltig erleuchtet

Energiesparprojekt Sixtinische Kapelle: Nachhaltig erleuchtet

Foto: Maria Laura Antonelli / UIG / IMAGO

Franziskus, 84, ist ein Klimapapst, was im Wirbel um katholische Missbrauchsskandale manchmal untergeht. Wie keiner seiner unmittelbaren Vorgänger tritt er als Mahner für die Umwelt auf.

Papst Franziskus fordert mehr Tempo, um den Klimawandel zu stoppen

Wer den Pontifex in diesen Tagen trifft, bekommt ein Gespür dafür, wie sehr ihn die administrative Müdigkeit besorgt, mit der die Staaten die Pariser Beschlüsse von 2015 verwalten. Franziskus fordert ein schnelles Tempo, um den Klimawandel zu stoppen beziehungsweise, wie es auf katholisch heißt, die Schöpfung zu bewahren. Eigentlich wollte der 84-Jährige deshalb selbst in Glasgow auftreten, nun schickt er seinen vatikanischen Regierungschef Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin nach Schottland. Eine ungeduldige Moralpredigt für die Mächtigen hat er sich trotzdem vorgenommen.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Eine Kostprobe gab Franziskus am 7. Oktober vor dem Kolosseum in Rom. Vertreter der großen Weltregionen hatten sich zum Friedensgebet der katholischen Bewegung Sant'Egidio vor der antiken Arena versammelt, ein Groß-Imam aus Ägypten war angereist, Buddhisten, Hindus, Juden und Sikhs waren gekommen. Die prominenteste Zuhörerin saß in der ersten Reihe, Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vorher war sie schon zur Privataudienz im Vatikan, jetzt konnte sie sich öffentlich anhören, wie der Papst ihr und den Verantwortlichen in aller Welt ins Gewissen redete.

Im Vatikan unterschrieben die Vertreter der großen Weltreligionen einen Appell an die COP26-Konferenz in Glasgow

Von einer »unersättlichen Gier« , sprach Franziskus, einer Gier, »deren Narben die Erde, auf der wir herumtrampeln, trägt, während die Luft, die wir atmen, voller giftiger Stoffe und arm an Solidarität ist«. Es gebe ein »geschädigtes Klima«, in dem »wir die Verschmutzung unserer Herzen auf die Schöpfung übertragen«.

In derselben Woche hatte er sich mit etwa 40 Vertretern der großen Weltreligionen im Vatikan versammelt, um nach monatelangen Vorbereitungen einen Appell für das COP26-Treffen zu unterzeichnen. Die Staaten müssten die CO₂-Emissionen schnellstmöglich auf null bringen, die reichsten Länder hätten dabei die Initiative zu übernehmen, heißt es darin: »Wir haben einen Garten geerbt. Unseren Kindern dürfen wir keine Wüste hinterlassen.«

Vor vielen Jahren, als Franziskus noch Jorge Mario Bergoglio hieß und in Buenos Aires lebte, waren ihm ökologische Themen lange »lästig«, er haben sie »nicht kapiert«, wie er später in Interviews erklärte. »Ich habe die Dringlichkeit nicht begriffen.« Doch dann berichteten ihm lateinamerikanische Bischöfe von ihren Umweltproblemen zum Beispiel am Amazonas und änderten so die Meinung des damals schon über 70-jährigen.

Franziskus und Greta Thunberg trafen sich in Rom – und verstanden sich bestens

Nach seiner Papstwahl im März 2013 setzte Bergoglio das Klimathema bald auf die Agenda. Er schrieb eine Umwelt-Enzyklika (»Laudato si'«), die heute als Schlüsseldokument gilt. 2017, als Donald Trump noch im Weißen Haus saß, sagte er, wer den Klimawandel leugne, solle »bitte zu den Wissenschaftlern gehen und sich bei ihnen informieren  – die reden sehr klar und präzise«. 2019 rief er dann den »Klimanotstand« aus.

Im selben Jahr traf er auf dem Petersplatz Greta Thunberg. Der über 80-jährige Kirchenfürst und die damals 16-jährige Schülerin verstanden sich bestens. Franziskus dankte der Gründerin von Fridays for Future für ihr Engagement. Und sie hielt ihm lächelnd ein Schild entgegen. »Mach mit beim Klimastreik«, stand darauf.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der Papst im Streik, ein Sit-in auf dem Petersplatz, so weit ist Franziskus am Wochenende vor dem Glasgow-Gipfel nicht gegangen. In einer Ansprache  am Freitagmorgen, die einer Moralpredigt glich, machte er trotzdem klar, was er von den Mächtigen auf dem COP26-Gipfel erwartet – nämlich handfeste Politik statt weiterer nutzloser Appelle. Sie sollten jetzt endlich »effiziente Antworten auf die ökologische Krise« geben, sagte der Pontifex, und »radikale Entscheidungen« treffen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.