Klimapioniere So kämpft Ma Jun gegen die Luftverschmutzung in China

China ist für gut ein Viertel aller Treibhausgase verantwortlich. Der führende Umweltschützer Ma Jun erklärt, weshalb sich das bald ändern kann.
Von Georg Fahrion, Peking
Umweltschützer Ma: »Bei der Luft sind alle gleich«

Umweltschützer Ma: »Bei der Luft sind alle gleich«

Foto: [M] Robin Utrecht / action press

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Im Besprechungsraum seiner Organisation hat Ma Jun die IPE-Website  an eine Leinwand projiziert, einen im chinesischen Internet einmaligen Fundus an Umweltdaten. Er klickt sich durch eine Karte, man kann sie nach Wasserqualität sortieren, nach PM 2,5-, PM 10- oder CO₂-Belastung, bis auf das Level einzelner Fabriken herunterzoomen. »Heute verfolgen wir jeden Tag 5000 verschiedene Quellen und erhalten so drei Millionen Datensets verschiedener Unternehmen«, sagt Ma, »denn inzwischen ist China das erste Land, das seine größten Verschmutzer verpflichtet, stündlich ihre Messwerte zu veröffentlichen.«

Zur Person

In Umweltfragen ist Ma Jun eine Autorität in China, kein Apologet oder Spindoktor der Partei. Ganz im Gegenteil gibt es in ganz China wohl niemanden, der die Führung in Sachen Luftqualität so konsequent und beharrlich vor sich hergetrieben hat wie er. Einen Namen machte er sich als Investigativjournalist in den Neunzigerjahren, als er zu Umweltthemen recherchierte. Sein Buch »China's Water Crisis«, veröffentlicht 1999, gilt als bahnbrechend. 2006 gründete er das Institute of Public & Environmental Affairs (IPE) in Peking, eine NGO mit heute 70 Mitarbeitern, die er seither leitet.

Es ist das vorläufige Resultat eines langen Kampfes. Zuerst sammelte Ma nur Daten, die die Regierung selbst veröffentlicht hatte, »denn Umweltdaten können sensibel sein, jedenfalls damals«. Das IPE aggregierte sie und lud sie in eigens entwickelte Apps, die jeder Chinese sich auf seinem Smartphone installieren konnte, um die Belastungen seiner Umwelt dort als Karte visualisiert abzulesen. Die Transparenz sorgte für ein steigendes öffentliches Problembewusstsein – und politischen Druck.

China zeichnet für mehr als ein Viertel der Treibhausgase verantwortlich

Im Jahr 2019 zeichnete China für 27 Prozent der globalen Treibhausgase verantwortlich, mehr als die USA, Indien, die gesamte EU und Brasilien zusammengenommen.

Über die Hälfte des in der Volksrepublik verbrauchten Stroms kommt aus der Kohle. Eine Abkehr von dieser Energiequelle schien lange Zeit in weiter Ferne: Die Hälfte der Kohlekraftwerke, die sich weltweit im Bau befinden, wird in China hochgezogen. 2020 hat das Land mehr neue Kohlekraftwerke genehmigt als 2018 und 2019 zusammen. Und auch an den Landesgrenzen machte die Bauwut nicht halt: Laut einer Studie  der Denkfabrik European Council on Foreign Relations finanzieren chinesische Banken 70 Prozent aller Kohlekraftwerke außerhalb Chinas.

Damit soll jedoch bald Schluss sein: Ende September versprach Staats- und Parteichef Xi Jinping vor der Uno-Generalversammlung, China werde künftig keine neuen Kohlekraftwerke im Ausland mehr finanzieren. Und im Oktober kündigte er einen massiven Ausbau der Solar- und Windenergie in den Wüsten des Landes an. Eines dieser Megaprojekte befinde sich bereits im Bau, bei Fertigstellung werde es eine installierte Kapazität von hundert Millionen Kilowatt aufweisen. Laut der »South China Morning Post« ist das mehr als das gesamte Erneuerbaren-Portfolio des regionalen Rivalen Indien.

Pekings Anstrengungen haben einen bitteren Hintergrund. Laut der WHO starben allein 2016 mehr als eine Million Chinesinnen und Chinesen an den Folgen von Atemwegserkrankungen, die von Luftverschmutzung herrührten. »Die Verschmutzung der Luft unterscheidet sich grundlegend von der des Bodens oder des Wassers«, sagt Ma Jun. »Wenn du dem Wasser nicht traust, trinkst du eben welches aus Flaschen. Aber bei der Luft sind alle Menschen gleich – ob sie auf dem Dorf leben oder in Zhongnanhai«, dem parkähnlichen Komplex neben der Verbotenen Stadt in Peking, der die Staats- und Parteiführung beherbergt.

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Auch dem autoritären China ist die Gesundheit seiner Bevölkerung wichtig

Es ist ein Fehlschluss zu glauben, dass das autoritäre China die Anliegen seiner Bevölkerung nach Belieben ignorieren kann – jedenfalls, wenn sie eine kritische Masse erreichen und dabei nicht einfach als ideologisch feindselig abgetan werden können. Im Fall von Umweltverschmutzung ist das für die Kommunistische Partei kaum möglich, erstrebt sie ihrem eigenen Narrativ zufolge doch nichts mehr als ein besseres Leben für das chinesische Volk: »Wenn du ein höheres Einkommen und bessere Lebensqualität haben willst, aber deine Gesundheit nicht zulässt, all das auch zu genießen – was soll dann all das Wachstum und all die Entwicklung?«, sagt Ma.

Für die Partei war es daher wichtig, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen. Nach einem besonders üblen Smogwinter 2013 beschloss sie, nicht nur die Feinstaubbelastung zu veröffentlichen, sondern verabschiedete auch einen 200 Milliarden Euro schweren Aktionsplan gegen Luftverschmutzung. Zu Mas Erstaunen erfüllte das Umweltministerium schon 2014 die Forderung, große Emittenten zur Publikation ihrer Messdaten in Echtzeit zu verpflichten. 2020 wurde das Umweltschutzgesetz um einen Passus erweitert, der die Beteiligung der Öffentlichkeit vorschreibt.

»Dieser Grad an Transparenz und Engagement mit multiplen Stakeholdern ist nicht gerade der traditionelle chinesische Weg«, sagt Ma. »Es ist etwas ganz Neues. Und der Grund, weshalb sich das ausgerechnet auf dem Feld des Umweltschutzes vollzieht, scheint mir darin zu liegen, dass es hier einen wohl stärkeren Konsens gibt als in allen anderen Fragen.«

Im Besprechungsraum des IPE klickt Ma sich weiter durch seine Statistiken. Im Verlauf der Jahre sinken die Balken, wird das Violett auf den Karten zu Rot, zu Orange, zu Gelb, hier und da sogar zu Grün. Die Luftqualität in Chinas Städten hat sich spürbar verbessert. Ma sagt, die vielen neuen Kohlekraftwerke bereiteten ihm Sorge. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass sie wesentlich sauberer seien als die alten, die nach und nach vom Netz genommen werden.

China hat große Klima-Ambitionen – hält sich aber nicht immer daran

Trotz der Fortschritte nimmt China bei internationalen Verhandlungen die Position ein, dass den Entwicklungsländern höhere Emissionsrechte zustünden als den alten Industriestaaten. Diese belasteten schließlich schon seit zwei Jahrhunderten massiv die Umwelt und nicht erst seit einigen Jahrzehnten. Seit 1992 steht dieses Prinzip der »gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung« in der Uno-Klimarahmenkonvention. Ma ist der Ansicht, dass Peking vor allem deshalb daran festhält, um anderen Schwellenländern faire Entwicklungschancen zu sichern – nicht so sehr, weil die Volksrepublik selbst danach zu verfahren gedenke. Xi hat versprochen, dass China bis 2030 seinen maximalen CO₂-Ausstoß erreichen und bis 2060 CO₂-neutral sein wird.

»Was China wirklich geholfen hat, diesen Weg einzuschlagen, ist unser Eigeninteresse«, sagt Ma. »Das geschieht für unsere Leute, für die Gesundheit des chinesischen Volkes.«

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Vielleicht möchte Ma aber auch ein wenig zu sehr an den Erfolg des eigenen Kampfes glauben. Nicht nur, dass die Stromknappheit ab September dazu geführt hat, dass China derzeit die Kohleförderung wieder hochfährt. Schon zuvor schielten viele Lokalregierungen danach, die Umweltvorschriften lockerer zu handhaben. Um nach dem pandemiebedingten Konjunktureinbruch Anfang 2020 die Wirtschaft anzukurbeln, winkten sie viele Projekte auch in verschmutzungsintensiven Branchen durch.

Und so hat der vergangene Winter China erneut eine höhere Smogbelastung beschert als in den Jahren zuvor. Anlässlich der Sitzungen des Nationalen Volkskongresses und der Konsultativkonferenz, die Anfang März in Peking stattfinden, werden traditionellerweise die am stärksten rauchenden Fabriken und Kraftwerke in der Hauptstadt abgeschaltet. Abgeordnete und Bürger erfreuen sich dann an einem strahlenden Himmel, dem sogenannten »lianghui lan«, dem »Blau der zwei Sitzungen«. Doch in diesem Jahr versank Peking selbst während dieser wichtigen politischen Termine in einer grauen Suppe.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, Chinas habe 2019 mehr Treibhausgase ausgestoßen als die sieben nächstgrößen Emittenten USA, Indien, EU, Indonesien, Russland, Brasilien und Japan zusammengenommen. Richtig ist, dass die USA, Indien, die EU und Brasilien zusammen auf ein etwas geringeres Volumen kamen als China.

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