Klimapionierin So kämpft Eleni Myrivili darum, dass Athen bewohnbar bleibt

Wie kaum eine andere europäische Metropole leidet die griechische Hauptstadt unter den Klimawandel-Folgen. Als erste Chief Heat Officerin soll Eleni Myrivili dafür sorgen, dass sie trotz Hitzerekorden eine Zukunft hat.
Von Jan Petter und Nikos Pilos (Fotos), Athen
Eleni Myrivili ist Europas erste Chief-Heat-Officerin

Eleni Myrivili ist Europas erste Chief-Heat-Officerin

Foto: [M] Atlantic Council
Globale Gesellschaft

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Sie war gerade frisch im Amt, da musste Eleni Myrivili ihre erste Niederlage einstecken. Es war Anfang August dieses Jahres, eine historische Hitzewelle rollte über den Süden Europas, fast überall brannten die Wälder. Die Temperaturen in Athen kletterten auf bis zu 44 Grad. Selbst nachts waren es noch 28. Irgendwann beschlossen Myrivili und ihr Mann, sich eine Klimaanlage zu kaufen. »Das Monster« nennt sie das graue unauffällige Gerät, wenn sie heute im Schlafzimmer davor steht. Es war ein Akt der Verzweiflung.

Klimaanlagen sind so etwas wie die Ursünde des Klimaschutzes, eine Parabel des kollektiven Scheiterns, wenn man so will. Anstatt ein erkennbares Problem zu lösen, wird es vor die Haustür transportiert. Die Geräte arbeiten mit Wärmeaustausch, mit jedem Grad mehr Kühle drinnen steigt draußen zusätzlich die Temperatur. Dazu kommt astronomischer Ressourcenverbrauch. In Athen wurden die Folgen schon vor Jahren bis auf die Nachkommastelle erfasst: Pro zusätzlichem Grad Hitze steigt der Stromverbrauch um 4,1 Prozent.

»Es geht schon jetzt darum, Leben zu retten«

»Wenn wir nur neue Klimaanlagen kaufen, ist unsere Stadt verloren«, sagt Myrivili. Dennoch glaubt die 60-Jährige, dass es in den kommenden Jahren nicht ohne zusätzliche Geräte gehen wird. »Wir reden beim Klimaschutz viel über die Zukunft, aber die die Probleme sind längst da. Wir können den Klimawandel nicht einfach ausknipsen«, sagt sie. »Es geht schon jetzt darum, Leben zu retten. Jedes Jahr sterben Tausende Menschen an den Folgen.«

Die Athener Innenstadt soll in den kommenden Jahren grüner und verkehrsberuhigter werden. Doch inzwischen leiden auch die Bäume unter der Hitze, Pilzbefall und Krankheiten nehmen zu

Die Athener Innenstadt soll in den kommenden Jahren grüner und verkehrsberuhigter werden. Doch inzwischen leiden auch die Bäume unter der Hitze, Pilzbefall und Krankheiten nehmen zu

Foto: Nikos Pilos / DER SPIEGEL

Nun will sie die Stille durchbrechen. Seit Juli ist Myrivili Athens »Chief Heat Officer«, die erste in ganz Europa. Sie soll das Hitzeproblem sichtbar machen, verhindern, dass die Stadt in wenigen Jahrzehnten womöglich teilweise unbewohnbar wird. Die griechische Hauptstadt ist im Sommer schon jetzt regelmäßig die heißeste des Kontinents, die Temperatur liegt bereits heute oft sieben bis zehn Grad höher als im Umland. Dieser Sommer war der heißeste. Bislang.

Ihre Freunde und ihren amerikanischen Ehemann bezeichnet sie als Hippies

Myrivili war Professorin für Anthropologie, Grünen-Vorsitzende, bis 2019 amtierte sie als Vizebürgermeisterin. Die Anpassung an den Klimawandel war schon damals ihr Thema. Nun soll sie für den konservativen Amtsinhaber das Thema vorantreiben. Kostas Bakoyannis, Neffe des amtierenden Premierministers Kyriakos Mitsotakis, inszeniert sich als moderner Bürgerlicher, der den Klimaschutz ernst nimmt. Die Hitzebeauftragte soll dabei helfen. Unterstützt wird die Arbeit vom Adrienne Arsht-Rockefeller Foundation Resilience Center, einem Thinktank, der ähnliche Projekte in anderen Weltregionen fördert.

Dass sie nun den Bürgermeister berate, habe manche in ihrem Umfeld verstört, sagt Myrivili. Ihre Freunde und ihren amerikanischen Ehemann bezeichnet sie als Hippies. Sie selbst sieht sich als linke Grüne, eher Akademikerin als Politiker. Die Kritik scheint sie indes nicht besonders anzufichten, aus ihrer Sicht ist der Schritt nur konsequent. »Köpfe sind wichtiger als Parteien. Dass wir bei jedem Regierungswechsel alles austauschen, hat uns in Griechenland in diese Situation gebracht.«

Schon 2017 veröffentlichte sie als Vizebürgermeisterin Athens ersten Klimaplan. Darin verpflichtete sich die Stadt, den Ausstoß von Treibhausgase bis 2030 um 40 Prozent zu senken. Der Bericht beschrieb auch nachdrücklich, wozu die Hitze bereits heute führt: Für jedes zusätzliche Grad über 31 Grad Celsius steige die Sterblichkeitsrate um fünf Prozent.

Manche Maulbeerbäume wirken wie abgebrannt, weil ihren Wurzeln das Wasser fehlt

Seitdem ist manches passiert, es gibt beispielsweise »Extrema«, eine eigene App gegen die Hitze. Wer Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen eingibt, soll von ihr über persönliche Risiken informiert werden. Bislang fristet die Anwendung noch ein Schattendasein, doch Städte wie Paris, Lissabon, Mailand oder Rotterdam haben sie bereits übernommen. Umgekehrt, sagt Myrivili, könne Athen von anderen Metropolen lernen.

Myrivili am »Great Walk« (Megalos Peripatos) – seitdem die Hauptstraße um drei Spuren reduziert wurde, hat sich der Fahrradverkehr im Zentrum verdreifacht

Myrivili am »Great Walk« (Megalos Peripatos) – seitdem die Hauptstraße um drei Spuren reduziert wurde, hat sich der Fahrradverkehr im Zentrum verdreifacht

Foto: Nikos Pilos / DER SPIEGEL

Myrivili war bis vor wenigen Tagen bei der Weltklimakonferenz in Glasgow, sie pflegt ein dichtes Netzwerk in andere Städte und Länder. Zu ihrer Ernennung ließ sich Paris’ Bürgermeisterin Anne Hidalgo, selbst Galionsfigur für grünere Städte, lobend zitieren. »Die Probleme, vor denen wir stehen, betreffen viele Ballungsräume«, findet Myrivili. »In den Städten passiert heute oft mehr als auf staatlicher Ebene.«

Gleichzeitig fehle es vor Ort oft an Wissen. Nicht zuletzt haben 10 Jahre Austerität ihre Spuren hinterlassen. In Athen hatte das Grünflächenamt unter ihr noch gut 400 Mitarbeitende – zehn Jahre zuvor seien es noch etwa 1500 gewesen. »Wenn ich wissen will, wie wir Athen grüner machen wollen, ist es heute oft einfacher, jemanden aus Sydney einzufliegen, als hier jemanden zu finden«, sagt Myrivili bei einem Gang durch die Innenstadt.

Die Vorboten des Klimawandels sind jetzt schon vielerorts zu erkennen. Manche Maulbeerbäume wirken wie abgebrannt, weil ihren Wurzeln das Wasser fehlt. Andere leiden unter Pilzen und Käfern, die es bis vor einigen Jahren nur weiter südlich gab. In den kommenden Jahren sollen die Grünflächen nun gezielt ausgebaut werden. Rund um das Zentrum sind mehrere Kilometer lange grüne Korridore geplant, wie sie in Singapur oder Paris bereits existieren. Sie sollen dabei helfen, die Stadt im Sommer besser zu kühlen. Kleinere Parks sollen die Lebensqualität im Zentrum erhöhen. In den 1980er-Jahren wurden Stadtteilcafés für Senioren errichtet, die künftig auch als gekühlte Aufenthaltsräume dienen könnten.

Der Kampf gegen die zunehmende Hitze ist nicht zuletzt eine soziale Frage

Myrivili vorrangige Aufgabe ist es, das breite Interesse an mehr Klimaschutz in Unterstützung für konkrete Vorhaben umzuwandeln. Sie kann vor allem mahnen, nerven und loben. Sie hat im Rathaus ein Büro, aber keinen Stab. Ihre größte Stärke ist, dass ihr zuverlässig zugehört wird. Internationale Medien berichten über ihre Arbeit. Dafür sorgen, dass Athen sich grundlegend verändert, müssen jedoch andere.

Myrivili in ihrem Homeoffice: »Städte sind heute wichtiger als nationale Regierungen oder Parteien. Wir müssen uns austauschen, um die Zukunft zu verändern«

Myrivili in ihrem Homeoffice: »Städte sind heute wichtiger als nationale Regierungen oder Parteien. Wir müssen uns austauschen, um die Zukunft zu verändern«

Foto: Nikos Pilos / DER SPIEGEL

Wer mit Myrivili durch die Straßen geht, versteht, dass der Kampf gegen die zunehmende Hitze nicht zuletzt eine soziale Frage ist. Mehr als 90 Prozent der Athenerinnen und Athener leben in Mehrfamilienhäusern. Die Polykatoikia, eilig errichtete Gebäude aus der Nachkriegszeit, sind das graue Erbe der Moderne. Sie sind nicht schön, sorgten lange Zeit aber dafür, dass die Stadt einigermaßen bunt durchmischt blieb. Doch zugleich staut sich in den engen Gassen die Hitze, viele Häuser sind heruntergekommen.

Wer Geld hat, ist oft bereits in die Vororte geflohen. Wer arm ist, bleibt zwischen dünnen Wänden zurück. Im Winter riecht es inzwischen oft nach Holz – die Krise hat in vielen Innenstadtvierteln für eine Rückkehr billiger Öfen gesorgt. Umgekehrt staut sich im Sommer hier auch nachts noch die Wärme. »Wir wissen, was die Folgen sind. Bei jeder Hitzewelle steigt die Zahl psychischer Probleme. Depressionen und psychotische Schübe nehmen zu, wenn der Körper nicht abkühlen kann«, sagt Myrivili. »Innerhalb weniger Tage sterben die ersten Menschen, vor allem die Alten.«

Die Hitze ist ein leiser Killer, ihre Spuren finden sich in kaum einer Todeserklärung. Herzinfarkt, Schlaganfall, natürlicher Tod steht dann auf dem Papier, wenn draußen die Luft brennt und in den Krankenhäusern und Altenheimen wieder einmal Hunderte Menschen mehr gestorben sind, als es eigentlich zu erwarten wäre. Laut offiziellen Zahlen lag die Übersterblichkeit allein in den ersten beiden Augustwochen dieses Sommers bei 2300 – die Corona-Toten bereits herausgerechnet. Myrivili fordert deshalb, von der Corona-Pandemie zu lernen und gezielt die Übersterblichkeit in den Sommermonaten zu erfassen.

Für Hitzewellen fordert sie die Einführung eigener Namen, wie es bei Stürmen und Unwettern längst üblich ist. Am liebsten wäre ihr eine Skala, die die Entwicklung sichtbarer macht.

Die sogenannten Polykatoikia prägen das Zentrum von Athen. Die großen Mehrfamilienhäuser sind das graue Erbe der Moderne, ihre Enge erschwert den Wandel im Zentrum

Die sogenannten Polykatoikia prägen das Zentrum von Athen. Die großen Mehrfamilienhäuser sind das graue Erbe der Moderne, ihre Enge erschwert den Wandel im Zentrum

Foto: Nikos Pilos / DER SPIEGEL

Am wichtigsten seien für das Verständnis aber praktische Veränderungen. Bereits im vergangenen Jahr wurden im Zentrum mehrere Straßen abgesperrt, um den Verkehr zu reduzieren. Der »Great Walk«, der Megalos Peripatos, verbindet nun die Akropolis unter Platanen mit mehreren Museen. Die Zahl der Radfahrer verdreifachte sich seitdem laut einer Studie.

Kürzlich ließ die Stadt neue Karten erstellen. Satellitenbilder zeigen, wo das Hitzeproblem am dringlichsten ist. Die Daten sollen jetzt dafür sorgen, den Ausbau der Solaranlagen in der Stadt zu forcieren. Wer besonders unter den Temperaturen leidet, soll demnach mehr Subventionen für Solarpaneels auf dem Dach bekommen als Anwohner in grünen, gut gekühlten Vorortsiedlungen. Es ist noch ein vager Plan, konkrete Zahlen fehlen. Doch der richtige Ansatz sei es allemal, lobt Eleni Myrivili. Besser als nur Klimaanlagen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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