Welternährungsprogramm erhält Friedensnobelpreis Die Sattmacher

Der Friedensnobelpreis 2020 geht an das Uno-Welternährungsprogramm. Damit rücken die Hungerkrisen weltweit in den Blick - und die Bedeutung globaler Zusammenarbeit.
Essen für die Ärmsten: Ein Arbeiter verteilt Hilfsrationen in Kenia

Essen für die Ärmsten: Ein Arbeiter verteilt Hilfsrationen in Kenia

Foto: imago stock&people / imago images/Xinhua

Fast 700 Millionen Frauen, Männer, Kinder sind weltweit akut mangelernährt, leiden Hunger.

Zum Beispiel in Syrien: In der Stadt Azaz, nahe der türkischen Grenze, durchwühlen Menschen den Müll, sie suchen dort nach Essbarem, sie betteln. Es gibt Familien, die Mahlzeiten ausfallen lassen. Für Millionen Syrerinnen und Syrer ist das Alltag. In der Coronakrise stieg der Preis für Lebensmittel in dem Bürgerkriegsland zuletzt so stark, dass sich viele ihr tägliches Brot nicht mehr leisten konnten.

Oder im Jemen. Das Land ist zerstört vom Krieg, das Gesundheitssystem liegt in Trümmern, Ärzte sind geflohen. Die Menschen müssen sich verschulden, um noch Nahrungsmittel einkaufen zu können. Fleisch, Milchprodukte, Obst, Gemüse kommen fast nirgends mehr auf den Tisch. 20 Millionen Jemeniten sind geschwächt, akut mangelernährt, anfällig für Krankheiten wie die Cholera - und das Coronavirus.

Oder in der Sahelzone. In Burkina Faso, Mali und Niger sind knapp eine Million Menschen vertrieben, Extremisten führen in der Region seit Jahren Krieg gegen die nationalen Armeen, die Menschen müssen fliehen vor Gewalt, sie verarmen. Dazu kamen in den vergangenen Jahren immer wieder Dürren, Ernteausfälle, Hungersnöte.

Nun hat eine Organisation den Friedensnobelpreis erhalten, die sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Hunger zu beenden, und das bis zum Jahr 2030: Das Nobelkomitee zeichnete am Freitag in Oslo das Welternährungsprogramm WFP der Vereinten Nationen aus.

Es gehe darum, Aufmerksamkeit auf Millionen Menschen zu richten, die Hunger leiden oder von Hunger bedroht sind, sagte die Vorsitzende des Komitees, Berit Reiss-Andersen. Hunger und bewaffnete Konflikte seien in einem "Teufelskreis" miteinander verbunden: Krieg und Konflikte könnten Hunger auslösen, eine schlechte Lebensmittelversorgung und Hunger könnten zu Konflikten führen. Hunger zählt zu den ältesten Kriegsmitteln der Welt.

Die Corona-Pandemie habe den Hunger in vielen Ländern noch vergrößert. In Ländern wie dem Jemen oder dem Südsudan habe die Kombination aus einem gewaltsamen Konflikt und der Pandemie die Zahl der Menschen, die "kurz vor dem Hungertod stehen", dramatisch erhöht.

Kriege, Klimawandel und Corona lassen die Hungrigen leiden

"Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich sprachlos bin. Das ist unglaublich", sagte WFP-Chef David Beasley in einem Video auf Twitter. "Wow! Wow! Wow!" Die Uno-Unterorganisation  wurde 1961 gegründet und sitzt in Rom.

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Auf seiner Website schreibt das WFP, es sei die führende humanitäre Organisation im Kampf gegen den weltweiten Hunger und habe 2019 insgesamt 97 Millionen Menschen in 88 Ländern erreicht. Die Helfer des WFP unterstützen Opfer von Krieg, Dürre, Sturm und Erdbeben, sie sind in der Nothilfe aktiv, in der Entwicklungszusammenarbeit.

Mit dem "Zero Hunger"-Projekt soll der Hunger beendet und außerdem erreicht werden, dass Menschen sich besser ernähren, sie leichter Zugang zu Nahrungsmitteln bekommen. Dass die lokale Landwirtschaft in den Ländern gefördert wird, damit Regionen weniger abhängig sind von überteuerten Importen.

Auszeichnung ist Appell für mehr Multilateralismus

Es kann als deutliches Zeichen gedeutet werden, dass das Welternährungsprogramm nun die Auszeichnung erhält - in einer Zeit, in der Organisationen wie die Uno oder die WHO immer mehr unter Druck geraten und von Politikern wie US-Präsident Donald Trump mit Missachtung gestraft und verächtlich gemacht werden.

Reiss-Andersen vom Nobelkomitee appellierte in ihrer Rede an die Staatengemeinschaft: Multilaterale Zusammenarbeit sei absolut notwendig, um globale Herausforderungen anzugehen, auch wenn sie einen schweren Stand habe. Einige Nationen würden gerade vor allem auf sich selbst achten. Auch Uno-Generalsekretär António Guterres sprach von einem "Hunger der Welt nach Kooperation", den das WFP versuche zu stillen.

Reiss-Andersen sagte, der Preis für das WFP sei damit auch ein Aufruf an die Weltgemeinschaft, dem Programm ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. "Es ist in unseren Augen eine Pflicht aller Staaten der Welt, sicherzustellen, dass Menschen nicht verhungern", sagte sie. Erst im Juni warnte das WFP , dass ihm das Geld auszugehen drohe. Die Auszeichnung dürfte auch auf dieses Problem neue Aufmerksamkeit lenken.

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