Jörg Schindler

Unschuldslamm Boris Johnson Er weiß, dass er nichts weiß

Jörg Schindler
Ein Kommentar von Jörg Schindler
Ein Kommentar von Jörg Schindler
Niemand meint es besser mit sich – und uns – als der britische Regierungschef. Und niemand wird seit Jahren so gründlich missverstanden. Zeit für eine Ehrenrettung.
Allein im Unterhaus: Regierungschef Johnson

Allein im Unterhaus: Regierungschef Johnson

Foto: Jessica Taylor / UK Parliament / EPA

Vielleicht ist es auch mal an der Zeit, Boris Johnson in Schutz zu nehmen. Jetzt, wo wieder alle auf ihm rumhacken , nur weil an seinem Dienst- und Wohnsitz während des striktesten britischen Lockdowns rauschende Feste gefeiert wurden. Weil in der britischen Regierungszentrale gesoffen, gekotzt und gerangelt wurde, während Minister im Nebenraum den 65 Millionen anderen Briten erklärten, warum sie ihre todkranke Oma leider nicht mehr besuchen können.

Unschön, das alles. Und, ja, auch gesetzwidrig. Aber was kann Johnson dafür?

Er hat das doch erst am Mittwoch wieder in der Mutter aller Parlamente erörtert: dass er dabei war bei dem einen oder anderen illegalen Dämmerschoppen, vielleicht auch ein Gläschen Schampus geleert hat. Aber doch nur kurz! Und als alle Untergebenen noch halbwegs geradeaus gucken konnten.

»Die Kolumnen über ›Negerkinder‹ und Burkaträgerinnen, die aussehen wie ›Briefkastenschlitze‹: Kann man ahnen, dass das Menschen, Nicht-Weiße zum Beispiel oder Muslimas, vergrätzt?«

Er ist dann immer schnell wieder gegangen. Regieren. Oder schlafen. Und hat nichts mitbekommen von den Rollkoffern voller Alkohol und der Karaoke-Sause ein paar Meter entfernt von seinem Schreib- oder Nachttisch.

Wie konnte er? Er weiß, dass er nichts weiß.

Niemand hat ihm was gesagt

Deswegen hat er auch nicht gelogen, als er in den vergangenen sechs Monaten beteuerte, dass in Downing Street stets »alle Richtlinien vollständig eingehalten wurden« bzw. dass es »keine Party« gab bzw. dass es vielleicht doch eine Party gab, er selbst aber gewiss »keine Regeln gebrochen« hat bzw. dass er eventuell gegen sein eigenes Pandemiegesetz verstoßen hat, aber doch – wenn überhaupt – nur, »weil niemand mir gesagt hat, dass das etwas ist, das gegen die Regeln verstößt«.

So war das immer schon bei Johnson. Er meint es gut mit uns. Und sich. Aber die anderen meinen es nicht gut genug mit ihm. Das ging ja schon los, als er noch Reporter war. Wenn ihm damals jemand gesagt hätte, dass man zwar als Romancier, nicht aber als Journalist Zitate erfinden darf – was wäre ihm und der Welt womöglich erspart geblieben?

Auch dass man seinen Parteichef nicht unbedingt über eine außereheliche Affäre belügen sollte – schon gar nicht, wenn praktisch jeder darüber Bescheid weiß: Woher hätte er es wissen sollen?

Die Kolumnen über »Negerkinder« und Burkaträgerinnen, die aussehen wie »Briefkastenschlitze« : Kann man ahnen, dass das Menschen, Nicht-Weiße zum Beispiel oder Muslimas, verletzt?

Leichen vom Strand räumen

Ebenso wenig hat 2016, als Theresa May ihn hinterhältigerweise zum Außenminister ernannte, irgendjemand darauf hingewiesen, dass man als Chefdiplomat Ihrer Majestät eine gewisse – nun ja – diplomatische Zurückhaltung pflegen sollte. Nie hätte Johnson sonst im libyschen Sirte gesagt, was für eine schöne Stadt das doch sein könnte, wenn jemand mal die Leichen vom Strand räumen würde.

Und schon gar nicht hätte er im Fall der iranischstämmigen Britin Nazanin Zaghari-Ratcliffe den Mund aufgemacht, die 2016 in Iran wegen angeblicher Spionage verhaftet worden war. Dass sie dort geholfen haben soll, Journalisten auszubilden, hat sie stets bestritten – bis der britische Außenminister ausplauderte, sie habe dort doch nur ein paar Journalisten ausgebildet. Hat Zaghari-Ratcliffes Auslieferung mutmaßlich um ein paar Jahre verzögert.

Aber Johnson trifft ganz sicher keine Schuld daran. Seine Worte, so hat er es selbst gesagt, seien »missinterpretiert« worden. Und außerdem hatte wieder mal niemand gemahnt, dass er besser geschwiegen hätte.

Zollgrenze kam völlig überraschend

Es muss schwer sein, im Kreis verstockter Untergebener zu regieren. Man sollte da Nachsicht üben. Das gilt selbstverständlich auch für das andere heikle Thema dieser Tage: die Lage in Nordirland.  Hand aufs Herz: Als Johnson 2019 mit der EU einen Vertrag schloss, der eine Zollgrenze zwischen Großbritannien und Nordirland vorsieht, wäre doch kein Mensch darauf gekommen, dass da plötzlich eine Zollgrenze in der Irischen See entsteht.

Das hat er ja auch den Ex- und Importeuren immer wieder eingetrichtert: alles – wie beim Brexit – Angstmacherei! Sollte irgendjemand irgendetwas kontrollieren wollen oder von irgendwem irgendwelche Formulare einfordern: »Nur über meine Leiche.« Kann’s nicht geben. Wird’s nicht geben.

»Jetzt gibt es eine Zollgrenze. Aber nur, weil die EU so kleinlich ist, auf die Einhaltung völkerrechtlich verbindlicher Verträge zu pochen.«

Gibt es jetzt, nun gut. Aber nur, weil die EU so kleinlich  ist, auf die Einhaltung völkerrechtlich verbindlicher Verträge zu pochen. Frechheit, so was. Er lässt seine Leute deswegen gerade an einem Gesetz schreiben, das den Vertrag mit Brüssel pulverisieren könnte.

Dass Washington, Brüssel, Dublin, ja sogar viele eigene Leute seit Wochen lautstark warnen, er setze damit den wackligen Frieden in Nordirland aufs Spiel? Ist ihm noch nicht zu Ohren gekommen.

Und wenn am Ende in Belfast oder Derry wirklich wieder Busse in Flammen aufgehen sollten? Dann können diejenigen endlich mal etwas erleben, die ihn seit Jahren ein ums andere Mal ins offene Messer laufen lassen.