Urban Farming in der Favela Dieser Garten ist ein Paradies – aber anders, als Sie denken

Wie eine urbane Farm in Rio de Janeiro vielen Menschen zu einem besseren Leben verhilft.
Aus São Paulo berichten Nicola Abé und Ian Cheibub (Fotos)
Der Gemüsegarten in der Favela Manguinhos ist so groß wie drei Fußballfelder und befindet sich unter einer Stromtrasse

Der Gemüsegarten in der Favela Manguinhos ist so groß wie drei Fußballfelder und befindet sich unter einer Stromtrasse

Foto: Ian Cheibub / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Wenn er nicht hier arbeiten würde, wäre er längst tot. Davon ist Leonardo Ferreira überzeugt. Er stützt sich auf einen Rechen, ein junger Mann mit buschigen Brauen in Kapuzenpulli, grünem T-Shirt und Flip-Flops. Dann kehrt er ein paar Blätter zusammen. Vögel zwitschern, es riecht nach Zitronenmelisse. Eine Katze schleicht durch die Gemüsebeete.

Seit rund sieben Jahren ist Ferreira, 24, Gärtner. Davor arbeitete er seit seinem zwölften Lebensjahr für eine Drogengang. »Mein Job war es, auf Polizisten zu schießen«, sagt er und grinst verschämt. »Ich danke Gott, dass ich da rausgekommen bin, bevor es zu spät war.«

Leonardo Ferreira arbeitete ab seinem zwölften Lebensjahr für eine Drogengang in Manguinhos und schaffte den Ausstieg. Jetzt ist er Gärtner

Leonardo Ferreira arbeitete ab seinem zwölften Lebensjahr für eine Drogengang in Manguinhos und schaffte den Ausstieg. Jetzt ist er Gärtner

Foto: Ian Cheibub / DER SPIEGEL

Die Farm, wo Ferreira jetzt jeden Morgen um acht Uhr auftaucht, liegt inmitten der Favela Manguinhos im brasilianischen Rio de Janeiro, umrandet von unverputzten, chaotisch zusammengezimmerten Häusern mit Wellblechdächern, von engen Gassen, an deren Enden junge Männer Kokain verkaufen, neben einem Fluss, der als Kanalisation genutzt wird, und einer Zugstrecke. Manguinhos hat rund 50.000 Einwohner. Regelmäßig taucht hier die Polizei auf, schießt aus gepanzerten Wagen oder Hubschraubern.

Und doch ist diese Farm ein friedlicher Ort, ein grüner Ruhepunkt, so groß wie drei Fußballfelder.

Sie ist die größte von 49 sogenannten Hortas Cariocas und Teil eines Projektes der Stadtverwaltung von Rio de Janeiro. Die Farmen schaffen nicht nur Jobs für Aussteiger aus dem Drogenmilieu, für Arbeitslose, Alleinerziehende und Rentnerinnen, sie versorgen die Menschen in den Armenvierteln auch mit Lebensmitteln.

Als während der Pandemie viele Bewohnerinnen und Bewohner der Favelas ihre Jobs verloren, die Regierung nach ein paar Monaten die Nothilfezahlungen einstellte und die Lebensmittelpreise stark anstiegen, produzierten die Farmen Obst und Gemüse aus biologischem Anbau und gaben sie an die Ärmsten – mehr als 80 Tonnen im vergangenen Jahr, ohne dafür Geld zu verlangen. Mehr als 20.000 Familien profitierten davon.

Entwickelt hat das preisgekrönte Konzept der Hortas Cariocas vor rund 15 Jahren ein Mann namens Julio Cesar Barros, der in der Umweltabteilung der Stadtverwaltung arbeitet. Als Kind arbeitete er auf den Feldern der Farm seines Großvaters, er habe dort mehr gelernt als in seinem Studium, sagt er.

Viele urbane Gemüsegärten seien ab den Fünfzigerjahren beim Ausbau der Stadt zerstört worden. Es gehe ihm auch darum, das bäuerliche Wissen und die Tradition des Gemüseanbaus in Rio de Janeiro zu erhalten. Vor allem aber glaubt Barros an ein »Menschenrecht auf gesunde Ernährung«. Mit rund einer Million Real (rund 160.000 Euro) jährlich ist das Programm vergleichsweise günstig, von dem Geld werden die monatlichen Zahlungen für die Gärtner, ihre Ausbildung, Geräte und Materialien wie etwa Benzin bezahlt.

Daniele da Silva Dias, 33, alleinerziehende Mutter und Gärtnerin, arbeitet seit sieben Jahren auf der Farm, am liebsten kocht sie die selbst angebauten Okraschoten mit Hühnchen und Reis

Daniele da Silva Dias, 33, alleinerziehende Mutter und Gärtnerin, arbeitet seit sieben Jahren auf der Farm, am liebsten kocht sie die selbst angebauten Okraschoten mit Hühnchen und Reis

Foto: Ian Cheibub / DER SPIEGEL

Insgesamt sind 216 Gärtner als Freiwillige bei den Hortas Cariocas beschäftigt. Sie beziehen 500 Real monatlich; das sind weniger als 100 Euro und entspricht knapp der Hälfte des Mindestlohnes in Brasilien. In normalen Zeiten verdienen sie zusätzlich, indem sie Obst und Gemüse auf den Märkten verkaufen.

»Es ist ungewöhnlich, dass Projekte in Armenvierteln so erfolgreich sind«, sagt Barros, »der Trick ist: Man muss die Dinge simpel halten.« So wie Gärtnern. Und die Menschen müssen es auch selbst wollen. Letztendlich sei es einfach, in der Favela zu arbeiten; die Menschen seien vielleicht anfangs etwas misstrauisch, aber im Grunde sehr zugänglich. »Sie sind unglaublich dankbar, man muss nur korrekt mit ihnen umgehen.«

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"Ohne die Farm wäre ich nicht hier, ich wäre tot"

Foto: Ian Cheibub / DER SPIEGEL

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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