US-Vorkämpferin für Abtreibungsrecht »Roe v. Wade«-Anwältin Sarah Weddington ist tot

Die Juristin Sarah Weddington setzte 1973 vor dem Supreme Court der USA das Recht auf Abtreibung durch. Nun ist sie gestorben. Ihr Lebenswerk ist derzeit in Gefahr – wieder vor dem Obersten Gericht.
Weddington im Jahr 1978: Als 27-jährige argumentierte sie vor dem Supreme Court

Weddington im Jahr 1978: Als 27-jährige argumentierte sie vor dem Supreme Court

Foto:

Barry Thumma / AP

Die texanische Anwältin Sarah Weddington ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Im Jahr 1973 hatte sie vor dem Supreme Court in den USA Norma McCorvey vertreten, die damals unter dem Pseudonym »Jane Roe« gegen das Abtreibungsverbot geklagt hatte. Sie bekam vor dem Obersten Gericht der USA recht, ihre Anwältinnen waren Sarah Weddington und Linda Coffee. Weddington und Coffee hatten die Klage intiiert, Weddington argumentierte vor dem Obersten US-Gericht. Roe v. Wade wurde zum Symbol für liberale Rechtssprechung in den USA, seitdem sind Schwangerschaftsabbrüche legal. In den vergangenen Jahren aber wurde das Recht immer strenger ausgelegt.

Weddington hatte diese Entwicklung vorausgesehen. In einem Interview mit der britischen Zeitung »Guardian« im Jahr 2017 sagte sie, ein weiterer konservativer Supreme-Court-Richter würde die Entscheidung Roe v. Wade nicht rückgängig machen. »Ein Richter wird nicht unbedingt den großen Unterschied machen«, sagte sie. »Zwei oder drei könnten es aber schon«. Während der Amtszeit von Donald Trump wurden zwei konservative Richter und eine konservative Richterin an den Obersten Gerichtshof der USA berufen: Neil Gorsuch, Brett Kavanaugh und Amy Coney Barrett.

Recht auf Schwangerschaftsabbrüche könnte bundesweit eingeschränkt werden

Momentan befasst sich das Gericht mit dem Gesetz zu Schwangerschaftsabbrüchen aus dem Bundesstaat Mississippi. Dort sind Schwangerschaftsabbrüche bis zur 15. Woche erlaubt. Es gibt nur noch eine Abtreibungsklinik im gesamten Bundesstaat. Sollten die Richter zu der Auffassung gelangen, dass dieses Gesetz verfassungsgemäß ist, könnte das die bisherige bundesweite Regelung deutlich einschränken.

Seit dem Präzedenzfall Roe v. Wade gilt bundesweit, dass Abtreibungen bis zu dem Zeitpunkt erlaubt sind, an dem der Fötus auch außerhalb des Mutterleibs lebensfähig ist. Aus medizinischer Sicht ist dies etwa zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche der Fall. Erlauben die Richter des Obersten Gerichts nun jedoch die Rechtssprechung in Mississippi, wäre ein zentraler Bestandteil des historischen Urteils ausgehebelt.

Roe v. Wade ist eines der umstrittensten Urteile, das der Supreme Court je gesprochen hat. Befürworter sehen darin einen Meilenstein in der Geschichte liberaler Rechtssprechung in den USA. Seit Jahrzehnten versuchen allerdings insbesondere erzkonservative Abtreibungsgegner, die Regelung zu Fall zu bringen und Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich verbieten zu lassen. Das striktere Gesetz in Mississippi wurde von den Republikanern auf den Weg gebracht.

Das strengste Abtreibungsrecht hat inzwischen der Bundesstaat Texas. Es verbietet Schwangerschaftsabbrüche ab dem Zeitpunkt, zu dem der Herzschlag des Fötus festgestellt werden kann, also etwa ab der sechsten Schwangerschaftswoche. Viele Frauen wissen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass sie schwanger sind. Selbst im Fall einer Vergewaltigung oder bei Inzest sieht das Gesetz keine Ausnahmen vor.

Gegner des sogenannten Heartbeat Bills, also des »Herzschlag-Gesetzes« konnten vor Gericht einen Teilerfolg erstreiten. Der Supreme Court hat Klagen von Abtreibungskliniken gegen die umstrittene Gesetzgebung des Bundesstaates für zulässig erklärt. Acht der neun Richter des konservativ geprägten Supreme Courts sprachen sich am Freitag dafür aus, dass entsprechende Beschwerden vor einem Bundesgericht verhandelt werden sollten. Das weitgehende Abtreibungsverbot in dem US-Bundesstaat bleibt aber vorerst in Kraft.

Sarah Weddington im Jahr 2013 bei einer Demonstration für Frauenrechte

Sarah Weddington im Jahr 2013 bei einer Demonstration für Frauenrechte

Foto: Mike Groll / AP

Um das Abtreibungsverbot in Texas ging es auch 1973. Norma McCormack alias Roe kam aus Texas. Weddington sagte im Interview mit dem »Guardian« 2017, sie sei vor der Verhandlung Anfang der Siebzigerjahre sehr nervös gewesen. Es sei »unmöglich« gewesen, etwas aus den Gesichtern der Richter herauszulesen. Am 22. Januar 1973 habe das Telefon in ihrem Büro geklingelt, es sei ein Reporter der »New York Times« gewesen. Ob sie ein Statement zur Roe-v.-Wade-Entscheidung habe, wollte er von ihrer Assistentin wissen. Warum, habe diese gefragt, sollte sie? Dann bekamen sie ein Telegramm und erfuhren, dass McCormack, also Roe, gewonnen hatte. Sieben von neun Richtern sprachen sich für Roe aus. »Ich war ekstatisch, und mehr als 44 Jahre später reden wir noch immer darüber«, sagte Weddington dem »Guardian«.

höh