Gewaltexzesse beim US-Grenzschutz Menschenjagd am Rio Grande
Migranten aus Haiti versuchen im September 2021, den Rio Grande nach Texas zu überqueren – ein berittener Grenzschützer versucht sie zu stoppen
Foto: Paul Ratje / AFP
In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.
Berittene US-Grenzpolizisten jagten im September Menschen aus Haiti in der Nähe des Grenzortes Del Rio zwischen den USA und Mexiko hinterher, kesselten sie ein oder drängten sie in den Grenzfluss Rio Grande zurück. »Wir wurden zusammengetrieben wie Vieh und gefesselt wie Kriminelle«, sagte ein Mann aus Haiti dem »Guardian «.
Die Szenen der weißen Cowboys, die ihre Zügel schwangen und schwarze Menschen drangsalierten, erinnerten viele US-Beobachter an Szenen aus der Sklaverei .
Die Grenzschützer sollen die Menschen »wie Vieh« zusammengetrieben haben
Foto: John Moore / Getty ImagesUS-Heimatschutzminister Alejandro Mayorkas kündigte nach dem öffentlichen Aufschrei über das brutale Vorgehen der berittenen Border Patrol eine schnelle Untersuchung an. Die Horrorbilder würden nicht widerspiegeln, »wer wir als Land sind, und sie spiegeln nicht wider, wer der Grenzschutz der Vereinigten Staaten ist«, versicherte er . Die Ermittlung werde »in Tagen und nicht in Wochen abgeschlossen sein«.
Doch bis heute, fast zwei Monate später, liegen keine Ergebnisse vor – und Whistleblower und Menschenrechtsorganisationen zeichnen in Interviews mit dem SPIEGEL und in Dokumenten das Bild einer Skandaltruppe, die agiert, als stünde sie über dem Gesetz.
Die Vorfälle aus Del Rio wirken dabei nur wie die Spitze des Eisbergs: Rassismus, exzessive Gewalt, aber auch sexuelle Übergriffe gegen Migranten sowie Kolleginnen und Kollegen gehören offenbar in der Grenzpatrouille zur Alltagskultur. Kontrollinstanzen werden ignoriert oder schauen weg, Kritiker werden bedroht oder gefeuert – und geheime Grenzschutzteams sollen Beamten dabei helfen, Fehlverhalten und Verbrechen zu verschleiern.
Die Border Patrol wird seit Jahren von Skandalen erschüttert – ohne Konsequenzen
Foto: Gregory Bull / APIn Del Rio hätten die Grenzschützer getan, »wofür sie ausgebildet sind«, sagt die ehemalige Border-Patrol-Beamtin Jenn Budd dem SPIEGEL – »nämlich Migranten wie Tiere zu treiben«. Sie habe die Reiterstaffel bereits in den 1990er-Jahren bei solchen Aktionen beobachtet – es sei auch vorgekommen, dass Menschen mit den Zügeln geschlagen wurden.
Jenn Budd ist aber auch überzeugt, dass der Grenzschutz mit diesen Szenen eine Botschaft senden wollte: »Sie wollten der Biden-Regierung vermitteln, dass nicht sie die Grenze kontrolliert, sondern die Border Patrol«, glaubt die 50-Jährige, die in San Diego lebt. »Sie wussten, dass es dort Kameras gibt.«
»Das ist der Sound, den Taschenlampen machen, wenn man Migranten damit auf den Kopf schlägt«
Die Grenzpolizei wurde 1924 gegründet, in ihrer Geschichte beruft sie sich auf die Texas Rangers – eine 1823 entstandene Milizentruppe, die sich dem Schutz weißer Siedler verschrieben hatte, Massaker an der indigenen Bevölkerung , aber auch an Mexikanern beging und Sklaven einfing. Zu den ersten Border-Patrol-Rekruten zählten Militärs, Texas Rangers, County Sheriffs – einige waren auch Mitglieder beim Ku-Klux-Klan .
Als Jenn Budd 1995 nach ihrem Bachelor in Strafrecht beim Grenzschutz anheuerte, wusste die 25-Jährige nicht, was sie erwartete. Während ihrer viermonatigen Ausbildung an der Akademie in Glynco, Georgia, habe sie »viel Propaganda« erlebt. Die Trainer hätten den Neulingen eingebläut, »wie ehrenhaft und großartig die Border Patrol ist«.
Jenn Budd heuerte mit 25 Jahren bei der Border Patrol an – damals wusste sie noch nichts über die Einheit
Foto: privatSie schärften den Auszubildenden ein, die meisten Migranten seien kriminell; die Rekruten sollten sie als »illegal aliens«, illegale Einwanderer, bezeichnen – oder als »Tonk«. »Das ist der Sound, den Taschenlampen machen, wenn man Migranten damit auf den Kopf schlägt«, sagt Budd.
Ältere Kolleginnen warnten die Neulinge vor Vergewaltigungen, Drinks mit Betäubungsmitteln – und dem »Game of Smiles«: Eine betäubte oder mit Alkohol abgefüllte Anwärterin wird dabei unter einen Tisch gezwungen. Die Männer sitzen mit ausgezogenen Hosen um sie herum und zwingen die Frau zum Oralsex. Wer als Erster lacht, verliert – und muss mehr trinken.
Die Border-Patrol-Führung weiß seit Jahren von dem Ritual – ohne Folgen. Hinweisen auf sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen von Migrantinnen ebenso wie Kollegen und Kolleginnen wurden meist nicht nachgegangen . Budd zufolge hätten Vorgesetzte Frauen davon abgeraten, die Täter anzuzeigen; wer sich getraut habe, sich zu beschweren, wurde demnach aus anderen Gründen gefeuert. Sie erzählt, dass sie selbst von einem Kollegen vergewaltigt und verprügelt worden sei. »Ich brauchte den Job, also hielt ich den Mund.«
Budd wurde dann in der Nähe von San Diego, in der Campo Station, stationiert. Als sie zum ersten Mal eine Gruppe von Migranten stellte, durchsuchte sie sie akribisch nach Waffen und Drogen, wie sie es gelernt hatte – bis ihr Kollege sie stoppte. Sie hatten nur eine Familie vor sich; Eltern, Großeltern, Teenager, ein Neugeborenes. »Ich fühlte mich wie ein Nazi«, sagt sie.
Sie wanderte bei ihren Einsätzen zehn, manchmal fünfzehn Stunden pro Tag durch abgelegene Regionen; verfolgte Migranten, die über Felsen und Berge kletterten. Manchmal fand sie Tote. »Die Bedingungen dort sind extrem«, erinnert sich Budd. »Im Sommer sterben sie an Dehydrierung und im Winter erfrieren sie.«
Menschenrechtsgruppen werfen den US-Grenzschützern vor, regelmäßig Wasserkanister, Lebensmittel und Decken zu zerstören, die dort von Hilfsorganisationen für Flüchtlinge deponiert werden und mutwillig deren den Tod in Kauf zu nehmen. Auch Budd vernichtete die Güter, wie es ihr beigebracht worden war – bis ihre Einheit einmal ein zehnjähriges Mädchen fand, das drei Tage lang allein herumgeirrt war und nur überlebt hatte, weil sie Wasser und Tortillas gefunden hatte.
Freiwillige von NGOs wie Border Angels verteilen Wasser für Migranten – häufig zerstören US-Grenzschützer die Vorräte
Foto: Apu Gomes / The Washington Post via Getty ImagesIm Training hatte Budd gelernt, auf Migranten zuzurennen, sie anzuschreien, doch in dem unwegsamen Gelände gewöhnte sie sich irgendwann an, langsam auf sie zuzugehen. »Wenn eine Gruppe einfach drauflos rennt, kann das gefährlich sein, weil die Menschen von Klippen stürzen können, vor allem mitten in der Nacht«, weiß Budd.
Manchmal sei es vorgekommen, dass Kollegen Migranten geschlagen hätten. Nachdem sie einen Kollegen deshalb bei Vorgesetzten gemeldet hatte, hätten Border-Patrol-Agenten überall, wohin sie kam, BHs und Slips aufgehängt – als Anspielung auf ihre Vergewaltigung und als Drohung. Wie bei den sogenannten »Rape Trees «: Sträuchern oder Bäumen in Grenzregionen, auf die Unterwäsche vergewaltigter Migrantinnen drapiert wird wie Trophäen.
»Sie hatten jetzt das Gefühl, dass sie mit allem durchkommen können«
Als Budd schließlich die Drogenschmuggel-Operationen ihres Chefs in Campo Station aufdecken wollte, boten ihr Vorgesetzte eine Beförderung an – für ihr Schweigen. »Wenn man im Management bleiben oder aufsteigen will, muss man bereit sein, seinen Mund zu halten und alles unter den Tisch zu kehren«, sagt Budd. Als sie sich weigerte, habe ihr korrupter Chef sie bedroht und sie zur Patrouille in eine Region geschickt, in der sie beschossen worden sei. 2001 verließ Budd die Border Patrol, nach knapp sechs Jahren.
Nach den 9/11-Terroranschlägen wurden Border Patrol und Zoll in der Behörde U.S. Customs and Border Protection (CBP) vereint, die wiederum dem 2002 neu geschaffenen Heimatschutzministerium unterstellt ist. Im Kampf gegen den Terror sei »eine sehr gut finanzierte Behörde entstanden, bei der aber nicht angemessen in Kontrollmechanismen investiert wurde«, sagt Clara Long, stellvertretende Direktorin von Human Rights Watch USA. »Es ist also nicht verwunderlich, dass keine Aufsicht stattfindet.«
Verfolgungsjagden und Unfälle: Die Border Patrol jagt Migranten mit gefährlichen Praktiken
Foto: David Peinado / NurPhoto / Getty ImagesAls Wurzel der exzessiven Gewalt betrachtet sie das Selbstverständnis der Einheit: »Die Grenzpatrouille ist zu einem großen Teil mit humanitären Maßnahmen befasst und muss sich um Familien in prekären Situationen kümmern, sieht sich aber in erster Linie als Anti-Terror-Kommando«, kritisiert Long. Die Border Patrol wurde auf heute rund 20.000 Beamte verstärkt und militarisiert.
Jenn Budd hielt weiter Kontakt mit Ex-Kollegen; die schwärmten davon, wie sie Schmuggler und Migranten mit dem Auto jagen könnten, bis zum Crash, im Namen der nationalen Sicherheit. »Sie hatten jetzt das Gefühl, dass sie mit allem durchkommen können«, so Budd.
Border-Patrol-Agenten nutzen ihre Geländewagen teils wie eine Waffe, sie fahren Migranten an oder überfahren sie, um sie an der Flucht zu hindern. In Textnachrichten an Kollegen bezeichnete ein Grenzschützer Migranten 2017 als »widerlichen, untermenschlichen Scheiß« und »hirnlose, mordende Wilde« – wenig später fuhr er einen Mann aus Guatemala von hinten aggressiv mit seinem Pick-up-Truck an und verletzte ihn schwer.
Im vergangenen Jahr verfolgten mehrere Mannschaften einen Wagen mit Hochgeschwindigkeit bis in die Innenstadt von El Paso – als das Fahrzeug in einen geparkten Anhänger krachte, starben sieben Insassen, drei wurden schwer verletzt.
»Es macht mich fertig, wenn ich sehe, wie die Grenzschützer herumrennen, als wären sie in einem Kriegsgebiet«, sagt Jenn Budd. Die Grenzpatrouille sei einer der sichersten Jobs in den USA: »Die meisten Migranten wollen keine Probleme, es kommt nur selten vor, dass Steine geworfen werden.« Sie sei früher nur mit Revolver, Schlagstock und Funkgerät ausgerüstet gewesen; heute würde der Grenzschutz selbst Kleingruppen mit berittenen Einheiten, Helikoptern und Quads zugleich jagen.
Dem Menschenrechtsbündnis Southern Border Communities Coalition (SBCC) zufolge wurden seit Anfang 2010 mehr als 150 Menschen von Grenzschützern durch Schüsse, Erstickung, Taser, Schläge und bei Verfolgungsjagden mit Fahrzeugen getötet oder starben aufgrund fehlender medizinischer Versorgung – und »kein einziger Beamter wurde wegen eines Tötungsdelikts im Dienst erfolgreich verurteilt«.
2010 erschoss ein US-Grenzschutzbeamter den 15-jährigen Sergio Adrián Hernández Güereca. Er hatte an der Grenze mit Freunden gespielt; als ihm der Beamte ins Gesicht schoss, befand er sich auf mexikanischem Boden. Im vergangenen Jahr entschieden konservative Richter am Obersten Gerichtshof , dass die Eltern nicht vor US-Gerichten klagen dürfen – mit Verweis auf die Gefährdung der Grenzsicherheit.
Dem Whistleblower James F. Tomsheck zufolge würden Grenzschützer immer wieder Fakten verdrehen, um tödliche Schüsse angemessen erscheinen zu lassen. Tomsheck war acht Jahre lang Leiter der Abteilung für interne Angelegenheiten bei der US Customs and Border Protection; 2014 wurde er seines Postens enthoben.
Unter der Trump-Regierung wurde Rassismus zur Regierungslinie
Foto: MANDEL NGAN / AFPDie Trump-Ära hat dem US-Grenzschutz Rückendeckung von ganz oben verschafft: Hetze gegen Migranten wurde zur Regierungspolitik, Gewalt offiziell normalisiert – der ehemalige US-Präsident Donald Trump schlug etwa vor, Migranten, die Steine werfen, in die Füße zu schießen . Die Grenzschutz-Gewerkschaft hatte Trump auch im Wahlkampf unterstützt – als ersten Präsidentschaftskandidaten in ihrer Geschichte.
Human Rights Watch hat kürzlich interne Dokumente des Heimatschutzministeriums zu mehr als 160 Fällen von Fehlverhalten und Machtmissbrauch zwischen 2016 und 2021 ausgewertet. Sie offenbaren, dass schwere Misshandlungen, sexueller Missbrauch und Diskriminierung von Migranten durch US-Grenzschützer »ein offenes Geheimnis« innerhalb des Heimatschutzministeriums sind.
Ebenso ist auch rassistischer Jargon Alltag: Fast 10.000 Grenzschützer teilten in einer geheimen Facebookgruppe , die 2019 öffentlich wurde, rassistische Memes, machten sich über den Tod von Migranten lustig, posteten obszöne Darstellungen von Alexandria Ocasio-Cortez oder stellten Sex-Akte nach. Die Führung wusste seit 2016 von der Gruppe; die meisten Beamten arbeiten einem Bericht des Aufsichtsausschusses des US-Abgeordnetenhauses von Oktober 2021 zufolge heute weiter mit Migranten.
SPIEGEL-Anfragen zu den Vorwürfen ließen Heimatschutzministerium und Grenzschutz (CBP) bisher unbeantwortet.
Ausgeliefert: Misshandlungen von Migranten durch Grenzschützer sind seit Jahren »ein offenes Geheimnis«
Foto: EDGARD GARRIDO / REUTERSClara Long von Human Rights Watch fordert, dass die US-Regierung endlich eingreift. »Es muss eine umfassende Überprüfung der Kontrollmechanismen und der Kultur stattfinden, die sich innerhalb der Agentur entwickeln konnte«, sagt sie. Sie spricht sich auch dafür aus, den Grenzschutz künftig durch das Justizministerium kontrollieren zu lassen – denn das Heimatschutzministerium habe völlig versagt.
Demokratische Abgeordnete haben das Justizministerium jetzt auch aufgefordert, eine Untersuchung der »Schattenpolizeieinheiten« einzuleiten, die der Grenzschutz seit Ende der 1980er-Jahre unterhält. Die Southern Border Communities Coalition (SBCC) hatte die Existenz der geheimen Critical Incident Teams (BPCIT) Ende Oktober in einem Schreiben an das US-Abgeordnetenhaus angeprangert. Die »Vertuschungseinheiten« würden Beweise zurückhalten, zerstören und Zeugen manipulieren; Insider und Whistleblower wie Jenn Budd stützen die Vorwürfe.
Jenn Budd hilft heute, den Machtmissbrauch des US-Grenzschutzes anzuprangern und aufzuklären
Foto: privatDie Einheiten seien »niemandem Rechenschaft schuldig außer den Chefs der Grenzpatrouille«, heißt es. »Mit jedem Tag, an dem die BPCITs weiter bestehen, werden Missbräuche unkontrolliert fortgesetzt und Beamte kommen mit Mord davon.«
Mehr als ein Dutzend Grenzschützer hatten 2010 Anastasio Hernández Rojas zu Tode geprügelt, einen 42-jährigen Mexikaner, der mit seiner Familie in San Diego lebte – dann zerstörten Beamte Videomaterial und manipulierten Zeugenaussagen . Menschenrechtler hoffen, dass der Fall neu aufgerollt wird; im kommenden Jahr soll eine Anhörung vor der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte stattfinden.
Auf den Tag genau elf Jahre, bevor Rojas von Grenzschützern erschlagen wurde, hatte Jenn Budd ihn festgenommen und damals nach Mexiko zurückgeschickt. »Ich habe ihn nicht zu Tode geprügelt, aber ich habe das System mit aufgebaut, das ihn umgebracht hat«, sagt sie. Sie hat eine Kopie des Protokolls von damals rahmen lassen, es steht auf ihrem Schreibtisch – um sie immer an ihre Rolle zu erinnern.
Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft
Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
Eine ausführliche FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.