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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Roland Nelles

Die Lage: USA 2020 Trumps größter Feind ist jetzt die Zeit

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute beschäftigen wir uns mit Donald Trumps verzweifelten Versuchen, aus der Defensive zu kommen, mit einer Seniorenkolonie in Florida, die plötzlich ungemein wichtig ist - und mit dem Privathaus von Joe Biden.

Der Präsident spielt den wilden Mann

Für US-Präsident Donald Trump wird es langsam aber sicher eng. Wenn die derzeitigen Umfragen zutreffen, droht ihm am 3. November eine derbe Niederlage gegen seinen Herausforderer Joe Biden. In dieser Endphase des Wahlkampfs ist deshalb die Zeit Trumps größter Feind, er muss das Rennen noch irgendwie drehen, sonst kann er im Weißen Haus womöglich die Koffer packen.

Eine Gelegenheit bietet sich ihm am Donnerstag beim zweiten und letzten TV-Duell. In Nashville, Tennessee, werden die beiden Kontrahenten aufeinandertreffen. Ob Trump die Gelegenheit nutzen kann, unentschlossene Wähler zu überzeugen, ist ungewiss. Erstens gibt es offenbar kaum noch Wähler, die nicht wissen, wen sie wählen sollen. Und zweitens hat Trumps letzter, reichlich missratener Duellauftritt, am Stand des Rennens auch kaum etwas geändert.

So könnte sich zeigen: Geschichte wiederholt sich eben doch nicht. 2016 konnte Trump mit einer legendären Aufholjagd seine damalige Rivalin Hillary Clinton auf den letzten Metern überrunden. Trump und seine Leute wollen diesen Last-minute-Swing wieder schaffen, aber mit jedem Tag, der vergeht, erscheint das Unterfangen aussichtsloser.

US-Präsident Donald Trump spricht an Bord der "Air Force One" mit Reportern

US-Präsident Donald Trump spricht an Bord der "Air Force One" mit Reportern

Foto: Alex Brandon / AP

Trump ist die Wut über seine Lage anzumerken. Er schlägt wild um sich, wie die berühmte "Lose Kanone", die sich beim Sturm auf dem Schiffsdeck losreißt.

Er attackiert den Pandemie-Experten Anthony Fauci, obwohl der im Volk äußerst angesehen ist. Er stilisiert sich selbst wieder einmal zum Opfer übler Machenschaften, indem er den unparteiischen Organisatoren der TV-Debatte vorwirft, sich gegen ihn verschworen zu haben (was nicht stimmt). Und er fordert seinen Justizminister William Barr auf, gegen Biden Ermittlungen wegen Korruption einzuleiten (wofür es keine Grundlage gibt). Auf solche Ideen kommen in Wahlkämpfen sonst eigentlich nur Leute wie Wladimir Putin oder Diktatoren in drittklassigen Bananenrepubliken.

Wird das alles Trump retten? Bei den Demokraten warnen Strategen, man solle nicht unterschätzen, wie knapp das Rennen noch werden könne. Dort ist man traumatisiert von 2016 und fürchtet, dass Trump es doch wieder schaffen könnte, zu gewinnen.

Fest steht: In vielen Bundesstaaten haben die Wahlen bereits begonnen. Es gibt für die Bürger die Möglichkeit, die Stimme schon vor dem 3. November abzugeben, nicht nur per Brief, sondern auch persönlich. Die Wahlbehörden melden täglich neue Beteiligungsrekorde. Trump hofft, dass es seine Fans sind, die da begeistert zu Hunderttausenden zu den Wahlurnen strömen. Es kann aber auch genau umgekehrt sein.

Im Biden-Lager werden schon die Jobs verteilt

Was Trump alles anstellen würde, wenn er wieder gewählt wird, kann man sich ungefähr vorstellen. Es ginge vermutlich genauso weiter wie bisher, nur schlimmer. Aber angenommen, Biden würde die Wahl gewinnen, wie würde seine Regierung aussehen?

Biden hat bislang seinen gesamten Wahlkampf mit dem Versprechen bestritten, ein Präsident "für alle Amerikaner" zu sein. Er will das Land einen. Für eine mögliche Biden-Regierung bedeutet dies: Er könnte ein äußerst buntes Kabinett zusammenstellen, das alle möglichen Gruppen einschließt - auch Republikaner.

Schon werden erste Namen für die neue, parteiübergreifende Regierung gehandelt, darunter John Kasich. Der frühere republikanische Gouverneur von Ohio, der seine Unterstützung für Biden beim Parteitag der Demokraten öffentlich gemacht hat, ist laut "Politico"  in der engeren Wahl. Ebenso Jeff Flake, ein ehemaliger republikanischer Senator aus Arizona, der mit Donald Trump im Streit liegt.

John Kasich war einst Gouverneur des Bundesstaates Ohio

John Kasich war einst Gouverneur des Bundesstaates Ohio

Foto: Michael Reynolds/ dpa

Natürlich müsste Biden aber auch die Parteilinke und Minderheiten einbinden, die linke Senatorin Elizabeth Warren ist deshalb ebenso für einen Kabinettsposten im Gespräch wie die Bürgerrechtlerin Stacey Abrams aus Georgia. Auch Pete Buttigieg wird für eine Position gehandelt. Der frühere Bürgermeister von South Bend im Bundesstaat Indiana steht für eher moderate politische Positionen. Für den Job der Außenministerin ist Susan Rice im Gespräch, ehemals Nationale Sicherheitsberaterin unter Präsident Barack Obama.

 

Was die Umfragen sagen

Es hört nicht auf: Derzeit kommen fast jeden Tag zwei, drei, vier neue Umfragen. Am allgemeinen Trend verändert sich aber wenig. Joe Biden liegt im Durchschnitt aller Umfragen beim Umfrageportal FiveThirtyEight  weiterhin deutlich vor Donald Trump. Er führt aktuell mit 10,3 Prozentpunkten. Unter den vielen schlechten Umfragen für Trump aus den vergangenen Tagen gab es nur eine, die ihm ein wenig Hoffnung machen könnte. Das Institut IDB/TIPP sieht einen deutlich geringeren Abstand zwischen den Kontrahenten. Hier führt Biden "nur" mit 49 Prozent, Trump erreicht immerhin 46 Prozent.

Trump kann noch gewinnen, sagen die Auguren von FiveThirtyEight. Seine Chance auf den Sieg sei nur leicht geringer als die Wahrscheinlichkeit, bei einem sechsseitigen Würfel auf Anhieb die Eins zu werfen. Anders gesagt: Trumps Aussichten auf den Sieg stehen etwas besser als die Chance, dass es in der Innenstadt von Los Angeles regnet. Es regnet dort nur an 36 Tagen im Jahr.

Die Wahlkampffigur der Woche

Zu den vielen spannenden Experten, denen man als Interessierter in diesem Wahlkampf unbedingt bei Twitter folgen sollte, gehört Dave Wasserman, ein Umfrageexperte vom "Cook Political Report" . Er taucht stets tief ein in die Umfrageergebnisse an der Basis, in den Bundesstaaten bis hin zu einzelnen Landkreisen. Er riecht Trends, und er bekommt Veränderungen in der politischen Stimmung sofort mit.

Eine von Wassermans interessanten Beobachtungen aus diesen Tagen: Er orakelt, dass sich am Abend des 3. November mithilfe eines Wahlergebnisses womöglich der gesamte Wahlausgang sehr früh erahnen lässt. Es geht um einen Landkreis in Florida namens Sumter County. Dort liegen Teile der gigantischen Seniorenresidenz "The Villages", einer eigenen Stadt für Rentner mit Villen, Golfplätzen und Shoppingmalls.

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Wassermans Tipp geht nun so: Trump muss Florida gewinnen, wenn er Präsident bleiben will. In Sumter County sind die Republikaner traditionell stark, auch Trump schnitt bei der Wahl 2016 gut ab. Allerdings bröckelt Trumps Unterstützung bei der wichtigen Wählergruppe der Senioren laut Umfragen in diesem Jahr, unter anderem wegen seiner Corona-Politik.

Ein Großteil der Stimmen in Sumter wird am Wahlabend früh ausgezählt, kurz nach 19 Uhr (Ortszeit) kann es bereits Zahlen geben. Trump wird dort sicher gewinnen, doch wenn sich die Margen im Vergleich zur letzten Wahl zu seinen Ungunsten verändern, wäre das ein schlechtes Vorzeichen für ihn.

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Wassermans Vorhersage für Sumter County: Bei 66 Prozent Trump und 33 Prozent Biden wäre ein knappes Rennen in ganz Florida zu erwarten. Bei 60 Prozent Trump und 39 Prozent Biden wäre dies ein frühes Alarmsignal für katastrophale Verluste für Trump in der Gruppe der weißen Senioren - und damit ein Zeichen, dass Biden der Gesamtsieg winkt, also in Florida und im ganzen Land.

Was passiert auf Social Media?

Der Schwachsinn in diesem Wahlkampf kennt manchmal leider keine Grenzen, vor allem dann nicht, wenn der Name Trump darin vorkommt und das Wort Twitter. Das zeigt diese Geschichte: Alles begann damit, dass Eric Trump, der Sohn des Präsidenten, das Luftbild einer ansehnlichen Villa in Delaware postete, von der er behauptete, sie gehöre Joe Biden. Die Sub-Botschaft war klar: Biden ist korrupt, er wohnt in einem teuren Haus, das er sich nur mit Schmiergeldern erkaufen konnte.

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Das Problem an der Sache: Es gibt keinerlei Belege, dass Biden korrupt ist. Und das Haus, in dem er angeblich wohnen soll, gehört ihm seit Jahren nicht mehr. Biden hatte es in den Siebzigerjahren für gerade einmal 185.000 Dollar gekauft und viele Jahre später für 1,2 Millionen Dollar verkauft. Eine hübsche Summe, aber für einen langjährigen US-Politiker auch nichts Außergewöhnliches.

Nun nehmen die Demokraten Eric Trump auf den Arm und posten scherzhaft Bilder von Häusern, in denen Joe Biden angeblich wohnt. Darunter das Biltmore Estate der Vanderbilt-Dynastie in North Carolina, das Schloss aus Disney World in Orlando und das Taj Mahal in Indien. Ein bisschen Spaß muss schließlich sein.

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 Unsere US-Storys der Woche

Diese beiden Geschichten aus unserem US-Wahlkampfteam der letzten Tage möchte ich Ihnen ans Herz legen:

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzlich

Ihr

Roland Nelles

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