Foto:

Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Ralf Neukirch

Die Lage: USA 2020 Trump fürchtet die Niederlage

Ralf Neukirch
Aus Washington berichtet Ralf Neukirch

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

heute beschäftigen wir uns mit einem politischen Phänomen, das mehr über den Stand des Wahlkampfs aussagt als alle Umfragen. Außerdem loben wir einen republikanischen Senator für seine Offenheit.

Es ist nicht immer einfach, den Auftritten von Donald Trump etwas Positives abzugewinnen, aber eins muss man ihm lassen: Der Mann spricht aus, was ihm durch den Kopf geht.

Betrachtet man seine letzten großen Wahlveranstaltungen, dann ist das vor allem eine Sache: seine drohende Niederlage. Es ist eigentlich ein ehernes Gesetz der Politik, dass Kandidaten vor einer Wahl das Wort Niederlage nicht einmal in den Mund nehmen. Trump scheint seit Kurzem aber von dem Thema besessen zu sein. "Wenn ich verliere, dann habe ich gegen den schlechtesten Kandidaten in der Geschichte der Präsidentschaftswahlen verloren", erklärte er einer verblüfften Zuhörerschaft in Wisconsin. In Georgia wurde er noch deutlicher. "Wenn ich verliere, muss ich vielleicht das Land verlassen."

Warum redet der Präsident über sein mögliches politisches Ende? Die Antwortet ist einfach: Weil er es fürchtet. Weil es aus seiner Sicht unmittelbar bevorsteht. Wie gesagt, Trump kann nicht anders, als zu sagen, was ihn gerade beschäftigt.

Sein Gerede über eine bevorstehende Niederlage sagt mehr über den Stand des Wahlkampfs aus, als die unzähligen Umfragen, die derzeit täglich veröffentlicht werden. "Wenn ich gegen ihn verliere, dann weiß ich nicht, was ich mache", sagte Trump in North Carolina. "Ich werde nie wieder zu euch sprechen." Was als Drohung gemeint war, könnte für viele ein Ansporn sein, jetzt erst recht die Demokraten zu wählen.

Aber wer glaubt, Präsidentschaftswahlen sollten durch Mehrheiten entschieden werden, kennt die Republikaner schlecht. Ich bin gerade über einen Tweet des republikanischen Senators Mike Lee aus Utah gestolpert, den er Anfang des Monats abgesetzt hat: "Wir sind keine Demokratie", behauptete er.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wem das merkwürdig vorkam, der sollte sich von Lauren Culp, dem Gouverneurskandidaten der Republikaner im Staat Washington erklären lassen, was er unter Demokratie versteht: "Demokratie ist Herrschaft des Mobs", sagte Culp. "Mao Zedong und Michail Gorbatschow liebten die Demokratie, weil Demokratie ein Schritt in Richtung Sozialismus ist." Ich habe Lauren Culp beim Wahlkampf beobachtet und mich länger mit ihm unterhalten. Er findet auch, ein Polizist müsse Gesetze nur durchsetzen, wenn er sie für verfassungsgemäß hält.

Kurz gesagt kann man das Credo der Republikaner wohl so zusammenfassen: Demokratie ist gut, wenn wir die Mehrheit haben. Sonst führt sie zum Sozialismus. Es ist gut, dass Lee das einmal offen ausgesprochen hat.

Die Umfragewerte

Herzlich
Ihr Ralf Neukirch

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.