Edel Rodriguez / DER SPIEGEL

Roland Nelles

Die Lage: USA 2020 Donald Trump allein im Weißen Haus

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute beschäftigen wir uns mit Donald Trumps Einsamkeit im Weißen Haus, mit den Zukunftsplänen seiner Tochter Ivanka – und mit den außenpolitischen Problemen, die Joe Biden erwarten.

Die letzten Tage von Donald Trumps Präsidentschaft sind angebrochen. Der Mann, der bislang unter Freunden und Feinden Angst und Schrecken verbreiten konnte, versteckt sich die meiste Zeit im Weißen Haus. Sein offizieller Terminkalender ist fast leer. Die Mitarbeiter schauen sich nach neuen Jobs um. Nur manchmal taucht Trump unerwartet aus der Versenkung auf, dann geht er entweder zum Golfspielen oder twittert Verschwörungsmythen über die Wahl.

Nachdem das Electoral College, das Wahlleutegremium, Joe Biden offiziell zum nächsten Präsidenten bestimmt hat, berichten US-Medien von einer »depressiven Stimmung« im Weißen Haus. Trumps Gefühlslage schwanke zwischen Niedergeschlagenheit, Wut und Rachegelüsten, heißt es.

Besonders bitter für den Nochpräsidenten: Sogar seine eigenen Parteifreunde lassen ihn im Stich. Nach langem Zögern und Zaudern hat der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, Joe Biden und Kamala Harris offiziell zur Wahl gratuliert. Seine Parteifreunde im Senat ermahnte McConnell nach Medienberichten, bei der Zertifizierung des Wahlergebnisses am 6. Januar im Kongress kein politisches Theater zu veranstalten. Sprich: Sie sollten die Ernennung Bidens nicht noch unnötig aufhalten. Damit ist Trumps politisches Ende besiegelt.

Ein Bild aus besseren Tagen: Nun hat auch der Senatsführer der Republikaner, Mitch McConnell, die Niederlage von Donald Trump bestätigt

Ein Bild aus besseren Tagen: Nun hat auch der Senatsführer der Republikaner, Mitch McConnell, die Niederlage von Donald Trump bestätigt

Foto:

Olivier Douliery / UPI Photo / imago images

Wie in einem Brennglas zeigt sich in diesen Tagen, dass Trumps viel beschworene politische Zauberkraft letztlich doch begrenzt war. Die Zahl seiner Fehleinschätzungen überwog die seiner richtigen Entscheidungen bei Weitem. Das selbst ernannte »stabile Genie« Trump pokerte gern hoch – und verlor dabei häufiger, als er gewann.

Zu guter Letzt scheiterte nun auch sein Plan, die eigene Wahlniederlage durch Lügen über angebliche Manipulationen rückgängig zu machen. Außer den vollkommen Verblendeten wollte dabei niemand mehr mitmachen. Die Gerichte nicht, die Republikaner in Georgia und Michigan nicht – und selbst Trumps eigener Justizminister William Barr verweigerte dem Präsidenten die Gefolgschaft. Er entzog sich der Sache durch vorzeitigen Rücktritt.

Von wegen Genie: Trump ist – wenn überhaupt – ein instabiles Genie. Seine Fähigkeit, mit Propaganda und Unwahrheiten die Massen zu manipulieren, hat ihm 2016 den Wahlsieg beschert. Er erwies sich als Meister darin, allgemeinen Unmut und xenophobe Stimmungen in Teilen der Bevölkerung für sich zu nutzen. Zudem konnte er sich viele Funktionäre in seiner eigenen Partei so zu Untertanen machen. Das war es dann aber auch.

Wäre Trump ein echtes politisches Talent, hätte er es geschafft, für volle acht Jahre Präsident im Weißen Haus zu bleiben. Er hätte Bündnisse geschmiedet, die über seine eigene Basis hinausgehen. Doch Trump ist an dieser Herausforderung gescheitert. Er hat es nie geschafft, eine Mehrheit der Amerikaner für sich zu gewinnen.

Was nun? Es ist kaum vorstellbar, dass Trump bei der Wahl 2024 ein großes Comeback gelingen wird. Er mag davon träumen, genauso wie seine treuesten Anhänger. Mit Bettelmails sammelt er immer noch viele Millionen Spendendollar für seine politische Kriegskasse bei seinen Fans ein.

Doch vermutlich wird Trumps Rückkehr ins Weiße Haus in vier Jahren ein Traum bleiben. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass früher oder später andere, jüngere Kandidaten, an seine Stelle treten werden. Leute wie Tom Cotton aus Arkansas oder Nikki Haley aus South Carolina. Sie werden die Rückkehr des Alten 2024 schlicht nicht zulassen. Indem Trump am Ende so spektakulär gescheitert ist, hat er ihnen das stärkste Argument für den Neuanfang geliefert. Echte politische Genies vermasseln nicht ihre eigene Wiederwahl.

Was plant Ivanka Trump?

Dass Trumps politische Karriere vermutlich zu Ende ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass dies auch für seine Kinder gilt. Trumps Sohn Donald Junior werden Ambitionen auf eine mögliche Präsidentschaftskandidatur 2024 nachgesagt. In Florida überschlagen sich die Spekulationen, dass Trumps Tochter Ivanka versuchen könnte, in dem Sonnenstaat einen Senatssitz zu erobern.

Ivanka Trump bei einem Wahlkampfauftritt im November

Ivanka Trump bei einem Wahlkampfauftritt im November

Foto: BRENDAN SMIALOWSKI / AFP

Noch ist nichts ausgemacht, doch ein mögliches Ziel der Präsidententochter könnte der Posten von Senator Marco Rubio sein. Er steht 2022 zur Wiederwahl und müsste seinen Job dann in der republikanischen Vorwahl gegen Ivanka Trump verteidigen. Sollte es so weit kommen, wäre das sicher nicht ohne Ironie: Rubio war 2016 einer der lautesten Gegner von Donald Trump, damals wollte er noch selbst Präsidentschaftskandidat der Republikaner werden. Nachdem Trump dann gewonnen hatte, wandelte sich Rubio zu einem loyalen Anhänger des Präsidenten.

Ivanka Trump und ihr Mann Jared Kushner sollen bereits in Miami für 30 Millionen Dollar ein Grundstück gekauft haben, das sie schon bald mit einer Villa bebauen könnten. Das Anwesen liegt demnach in der exklusiven Gegend »Indian Creek Islands«, die auch »Billionaire's Bunker« genannt wird, weil dort so viele Superreiche abgeschottet leben.

Joe Biden und die Russen-Hacker

Amerika ist in diesen Tagen sehr mit sich selbst beschäftigt. Das Wahl-Chaos, 300.000 Tote in der Coronakrise, schwere wirtschaftliche und soziale Probleme, das alles sorgt dafür, dass das Land mehr denn je nach innen blickt.

Der neue Präsident Joe Biden dürfte nach seiner Amtseinführung am 20. Januar aber zugleich auch sehr schnell mit den außenpolitischen Realitäten konfrontiert werden. Dass ihm Russlands Präsident Wladimir Putin erst in dieser Woche offiziell zum Wahlsieg gratuliert hat, erinnert daran, welche Probleme Biden erwarten. Russland, China, Nordkorea, Iran sind vier schwierige Rivalen und Gegner, die ihn bald testen werden.

Bald-Präsident Joe Biden

Bald-Präsident Joe Biden

Foto: MIKE SEGAR / REUTERS

Anders als Trump könnte Biden vor allem gegenüber Russland härter auftreten, was zu neuen Spannungen zwischen den beiden Mächten führen dürfte. Einen ersten möglichen Anlass gibt es bereits: Erst in dieser Woche wurden massive Hackerangriffe aus Russland auf US-Einrichtungen bekannt. Betroffen sind unter anderem das Finanzministerium, das Außenministerium und die Gesundheitsbehörde CDC.

Im Wahlkampf hatte Biden angekündigt, dass er Russland für derartige Einmischungen in US-Angelegenheiten abstrafen werde. Denkbar sind zum Beispiel neue Sanktionen. Bidens Warnung im Oktober an Moskau war klar und unmissverständlich: »Nach meiner Wahl werden sie dafür einen Preis bezahlen.«

Fox News unter Druck

Zu den kuriosen Begleiterscheinungen des Trump-Niedergangs zählt, dass nun auch sein bisheriger Lieblingssender Fox News unter Druck gerät. Weil einige Fox-News-Moderatoren aus dem Nachrichtenprogramm des Senders in den vergangenen Monaten deutlich auf Distanz zu Trump gegangen sind, hat der Präsident damit begonnen, seinen Anhängern andere rechte Sender zu empfehlen. Namentlich Newsmax und One America News Network (OAN).

Die beiden Sender sind im Vergleich zu Fox immer noch klein. Doch immerhin konnte Newsmax unlängst einen symbolischen Erfolg verbuchen: Die Sendung »Greg Kelly Reports« lag in den Einschaltquoten an einem Abend in der wichtigen Zuschauergruppe im Alter zwischen 25 und 54 Jahren vor Fox News. Moderator Greg Kelly ist ein Hit bei den treuen Trump-Fans. Er verkündet am liebsten, die Wahl sei immer noch nicht gelaufen. Trump müsse Präsident bleiben. Es sind eben genau die Dinge, die Trump und seine Anhänger so gern hören.

Fox News Moderatorin Laura Ingraham

Fox News Moderatorin Laura Ingraham

Foto: J. Scott Applewhite/ AP

Sowohl Newsmax als auch OAN hoffen nun, ihr Geschäft weiter ausbauen zu können. Es gibt zudem Spekulationen, dass sich Donald Trump nach seinem Ausscheiden aus dem Amt bei einem der beiden Sender einkaufen könnte. Der Chef von Newsmax, Christopher Ruddy, ist mit Trump befreundet.

Auch von anderer Seite droht Fox Ungemach: Die Konkurrenten CNN und MSNBC konnten während der Wahl ihre Quoten deutlich verbessern. Vor allem CNN feierte Quotenrekorde.

Bei Fox News bleiben sie aber wohl dennoch relativ entspannt: Der stramm konservative Sender, der seit Jahren Marktführer im Segment der Nachrichtenkanäle ist, setzt darauf, dass Stars aus dem Abendprogramm wie Laura Ingraham, Sean Hannity und Tucker Carlson weiter für hohe Quoten beim treuen Stammpublikum sorgen werden. Zumal jetzt, da sie sich an einem neuen Präsidenten der Demokraten abarbeiten können.

Unsere US-Storys der Woche

Diese beiden Geschichten aus den vergangenen Tagen möchte ich Ihnen ans Herz legen:

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzlich,

Ihr

Roland Nelles

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