Familienstreit über Trump "Ich halte mir die Nase zu und wähle ihn"

Er hat Trump gewählt - und will es wieder tun: Die ehemalige SPIEGEL-Mitarbeiterin Jiffer Bourguignon kann nicht glauben, dass ihr Vater den US-Präsidenten weiterhin unterstützt. Ein Streitgespräch.
Von Jiffer Bourguignon und Paul Bourguignon
Paul und Jiffer Bourguignon

Paul und Jiffer Bourguignon

Ende vergangenen Jahres hielt mein 74-jähriger Vater um die Hand seiner Lebensgefährtin Sue an. Die beiden wollten im Frühjahr heiraten und freuten sich auf einen sorgenfreien gemeinsamen Lebensabend. Dann brach Corona über alles herein.

Ihre Pläne wurden auf unbestimmte Zeit verschoben, sie verbrachten die meiste Zeit im Haus, gingen nur noch um sechs Uhr morgens zum Einkaufen, wenn die Geschäfte extra für Senioren, die Menschenmengen und Infektionsketten vermeiden wollten, geöffnet hatten. Mit Freunden trafen sie sich höchstens mal im Park, mit Masken und immer mit dem nötigen Abstand.

"Ich habe mich geirrt. Und wie."

Jiffer Bourguignon

Als die Infektionsrate in diesem Sommer exponentiell anstieg und klar wurde, dass es so schnell keinen Impfstoff geben würde, beschlossen mein Vater und Sue, auf eine große Hochzeit zu verzichten und stattdessen eine klein im engsten Kreis zu feiern. Also deckte ich mich mit FFP2-Masken ein und flog 18 Stunden von Hamburg bis nach Charlotte, North Carolina.

Einige Tage später wurde US-Präsident Donald Trump positiv auf das Coronavirus getestet. Ich dachte, dass spätestens Trumps Umgang mit der Pandemie vielleicht dazu führen könnte, die felsenfeste Unterstützung meines Vaters für Trump zu erschüttern. Ich habe mich geirrt. Und wie.

Vor vier Jahren war die ehemalige SPIEGEL-Mitarbeiterin Jiffer Bourguignon entsetzt, als ihr Vater Donald Trump wählte. Kurz vor der Wahl und knapp zwei Monate nachdem Trump ins Amt gekommen war, diskutierten die beiden schon mal im SPIEGEL über den US-Präsidenten.

Nun, rund dreieinhalb Jahre später, trafen sie sich wieder zum Streitgespräch. Und Jiffer kann nicht fassen, dass ihr Vater Trump noch immer gut findet. Ihre Diskussion zeigt, wie sehr beide Seiten, Demokraten wie Republikaner, versuchen, die Deutungshoheit über die Lage in den USA zu behalten.

Zu den Personen
Jiffer Bourguignon und Paul Bourguignon

Jiffer Bourguignon und Paul Bourguignon

Jiffer Bourguignon, 46, ist US-Amerikanerin und hat für das SPIEGEL-Büro in Washington D.C. gearbeitet. Sie ist Redakteurin bei "Intereconomics" und Co-Moderatorin des Podcasts "Amerika Übersetzt: Der Talk zur US-Wahl 2020". Ihr Vater Paul Bourguignon, 74, lebt im US-Bundesstaat North Carolina. Vater und Tochter werden auch in der Dokumentation "Trump, meine amerikanische Familie und ich" am 2. November um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen sein.

Dad: Du musst zugeben: Ohne die Pandemie hätte Trump die Wahl in der Tasche. Trump hat in 46 Monaten mehr erreicht als Biden in seiner 47-jährigen Karriere.

Ich: Das ist wahr - wenn du es für eine Errungenschaft hältst, die amerikanische Demokratie im Alleingang zu gefährden und unser Ansehen in der Welt zu zerstören.

Dad: Sei nicht albern! Er hat mehr erreicht als fast jeder andere Präsident in einer ersten Amtszeit jemals erreicht hat. Viele Politiker machen Versprechungen und liefern nicht, er schon oder hat es zumindest versucht.

Ich: Was sind denn deiner Meinung nach seine größten Hits?

Dad: Er hat mehr als 300 konservative Richter an Bundesgerichten eingesetzt und ist dabei, seinen dritten Richter am Obersten Gerichtshof zu ernennen. Er hat die Steuern gesenkt, die Deregulierung vorangetrieben, und die Wirtschaft war besser als in den vergangenen 40, 50 Jahren.

Ich: Aber das war nicht allein sein Verdienst. Trump kam mitten im Aufschwung ins Amt. Obama dagegen kam mitten in einer globalen Rezession an die Macht, nach der Lehman-Brothers-Pleite. Er hat ein Chaos geerbt und es beendet. Das Beschäftigungswachstum begann schon unter Obama, und die Dynamik hat sich fortgesetzt.

Dad: Es mag mit Obama angefangen haben, aber Trump hat es auf die nächste Stufe gehoben. Die Börse boomt, und das bedeutet, dass viele Menschen mehr Geld in ihren Rentenversicherungen haben. Er hat auch Jobs nach Amerika zurückgeholt, und er hat die Autoindustrie gezwungen, hierzubleiben, anstatt diese Arbeitsplätze ins Ausland zu schicken.

Ich: Und jetzt erleben wir die höchste Arbeitslosigkeit seit der Weltwirtschaftskrise.

Dad: Komm schon! Das liegt nur an der Pandemie! Das kannst du Trump nicht vorwerfen!

Ich: Nein, aber ich kann ihm seinen völlig inkompetenten Umgang mit der Pandemie vorwerfen!

Dad: Ich denke, er hat seinen Job so gut wie möglich gemacht. Er ist derjenige, der vor allen anderen die Flüge aus China gestoppt hat. Er hat sich mit den besten Leuten umgeben und ist ihrem Rat gefolgt.

Ich: Hat er das? Ich erinnere mich, dass er jedem von ihnen in den Rücken gefallen ist und dann auch noch der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ich erinnere mich außerdem, dass er den Zugriff der Bundesstaaten auf medizinische Ausrüstung behindert, demokratische Gouverneure wegen ihrer Schutzmaßnahmen kritisiert und sich lange geweigert hat, eine Maske zu tragen. Und dann auch noch suggeriert hat, man könnte doch vielleicht Bleichmittel gegen Corona ausprobieren…

Dad: Ach, hör doch auf, das hat er nicht wirklich so gemeint.

Ich: Nein? Aber er hat, nachdem Covid-19 überstanden hatte, gesagt, dass er sich so gut fühle wie seit 20 Jahren nicht mehr und dass die Amerikaner nicht zulassen sollten, dass das Virus ihr Leben kontrolliert.

Dad: Er versucht, Stärke zu zeigen und dass er immer noch das Sagen hat.

Ich: Aber was sagst du dazu, wenn er zugibt, die Pandemie absichtlich heruntergespielt, das amerikanische Volk also angelogen zu haben? Du bist seit sechs Monaten nicht mehr aus dem Haus, du bist kaum zum Supermarkt gegangen, hast Freunde nur selten und wenn, dann im Park mit Abstand und Maske getroffen. Du hast alle Regeln befolgt - er nicht.

Dad: Würdest du es vorziehen, dass er sich vors amerikanische Volk stellt und sagt: Wir haben ein Problem, es ist Zeit, in Panik zu geraten?

Ich: Du meinst, ob ich es vorziehen würde, dass er die Wahrheit sagt? Natürlich!

Dad: Nun ja, er hätte das Tragen von Masken wirklich früher propagieren sollen, aber ich bin mir sicher, dass er alles versucht hat, um die Wirtschaft zu schonen. Er versucht, den Laden und das Land am Laufen zu halten.

Podcast Cover

Ich: In der Zwischenzeit sind mehr als 220.000 Amerikaner gestorben! Er hat es heruntergespielt, anstatt Verantwortung zu übernehmen und einen Plan auszuarbeiten. Hätte er früher Beschränkungen eingeführt, hätte er möglicherweise viele Leben gerettet, und die Wirtschaft wäre auf lange Sicht besser dran.

Dad: Als ob die Demokraten es besser gemacht hätten! Schau dir doch all die demokratischen Gouverneure an, die sich geweigert haben, auf ihn zu hören und seine Hilfe anzunehmen. Etwa als Trump anbot, die Nationalgarde zu entsenden, um all die Unruhen und Plünderungen zu stoppen, die nach dem Tod von George Floyd begonnen haben. Aber die Demokraten haben nichts getan.

Ich: Die Demokraten wollten das eigentliche Problem - Polizeigewalt und systemischer Rassismus - nicht mit noch mehr Brutalität angehen.

Dad: Die Demokraten hätten härter gegen die Gewalt vorgehen sollen. Aber Biden erwähnt es nicht einmal. Es nicht zu verurteilen, heißt, es zu dulden. Und die Demokraten sprechen einzig darüber, der Polizei das Budget zu kürzen.

"Ich mag seine Twitter-Tiraden auch nicht. Und ich zucke jedes Mal zusammen, wenn er den Mund öffnet. Aber ich mag, was er fürs Land tut. Und deshalb halte ich mir die Nase zu und wähle ihn."

Paul Bourguignon

Ich: Das stimmt nicht. Biden hat ausdrücklich gesagt, er wolle die Polizei nicht abschaffen. Und es ist noch völlig unklar, wer die Menschen sind, die die Gewalt verursachen. Es gibt verschiedene Berichte und kaum Klarheit darüber.

Dad: Nun, ich sag dir eins: Leute wie ich sitzen hier und sehen abends fern und sehen diese Unruhen, die Brände, die Schießereien und so weiter - und wir werden wählen gehen. Das garantiere ich dir. Und ich habe gehört, dass die Waffenverkäufe unter Privatpersonen enorm gestiegen sind, und das alles, weil die Demokraten der Unruhen und Demonstrationen nicht Herr geworden sind.

Ich: Na großartig - Trump weigert sich, Leute wie Kyle Rittenhouse, den 17-Jährigen, der mit einem halb automatischen Maschinengewehr nach Kenosha fuhr und drei Menschen erschoss, zu verurteilen, und lobt ihn sogar dafür, dass er die Sache selbst in die Hand genommen hat. Welche Botschaft, bitte schön, sendet das denn aus? Trump spielt mit den schlimmsten Ängsten der Menschen - und das nicht subtil. Nach Kenosha twitterte er: "Hey, weiße Frauen in der Vorstadt - ihr seid als nächste dran." Das ist rücksichts- und verantwortungslos.

Dad: Ich mag seine Twitter-Tiraden auch nicht. Und ich zucke jedes Mal zusammen, wenn er den Mund öffnet. Ich mag seine Beleidigungen nicht und vieles mehr. Aber ich mag, was er fürs Land tut. Und deshalb halte ich mir die Nase zu und wähle ihn. Und ich bin nicht allein. Der einzige Weg, wie Trump verlieren könnte, wäre, wenn es Wahlbetrug gibt. Diese Briefwahlzettel sind ein Witz - ich habe bereits vier per Post erhalten!

Ich: Glaubst du das wirklich - dass Trump nicht wegen der Willen der Menschen verliert, sondern durch Wahlfälschung?

Dad: Ich denke, er wird trotz der Pandemie gewinnen. Weil es heute mehr Menschen besser geht als vor vier Jahren. Und selbst wenn sie ihn persönlich nicht mögen, denken mehr Amerikaner, dass er gute Arbeit geleistet hat, auch wenn sie Angst haben, es laut auszusprechen. Ich stimme für Trump, den Republikaner, nicht für Trump, den Mann.

Ich: Aber wie kannst du das voneinander trennen? Dies ist nicht mehr die republikanische Partei, für die du sonst gestimmt hast. Es ist Trumps Partei geworden. Sie mag zwar immer noch für niedrigere Steuern und einen kleineren Staatsapparat stehen, aber ansonsten, denke ich, repräsentiert sie dich überhaupt nicht mehr. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hatte man zumindest das Gefühl: Auch wenn man mit der republikanischen Partei nicht einverstanden war, stand sie für etwas, an das sie glaubte. Bei Trump ist es so offensichtlich, dass er nicht für irgendjemanden oder irgendetwas kämpft außer für sich selbst, seinen eigenen Vorteil und sein Ego. Und wenn das ein paar Amerikanern zugutekommt...

Dad: Ein paar Amerikanern? Die Arbeitslosigkeit war für Latinos, Asiaten und Afroamerikaner nie niedriger.

Ich: Und das ist jetzt die Stelle, an der du mir sagst, Trump hätte mehr für Afroamerikaner getan als jeder andere Präsident?

Dad: So ist es!

Black-Lives-Matter-Demo in Atlanta, Georgia: In den USA kam es seit Frühjahr immer wieder zu heftigen Protesten wegen Polizeigewalt gegen Schwarze

Black-Lives-Matter-Demo in Atlanta, Georgia: In den USA kam es seit Frühjahr immer wieder zu heftigen Protesten wegen Polizeigewalt gegen Schwarze

Foto: Sanjeev Singhal/ imago images/The Photo Access

Ich: Ich glaube nicht, dass die Hunderttausenden friedlichen Demonstranten von Black Lives Matter dir da zustimmen würden. Und Trumps Weigerung, Rassisten und andere weiße Hassgruppen deutlicher anzuprangern, gestattet ihnen nun, entsprechend aufzutreten.

Dad: Ich verstehe wirklich nicht, warum es ihm so schwerfällt, sich von diesen extremistischen Gruppen zu distanzieren. Aber noch mal, ich schaue mir an, was er tatsächlich umgesetzt hat: Er hat die Steuern für die Mittelschicht gesenkt und die Unternehmensteuer, was dazu führt, dass die Unternehmen wachsen und mehr Leute einstellen können und diese Leute mehr Steuern zahlen, was wiederum langfristig die Steuersenkungen finanzieren wird.

Ich: Was wäre, wenn Trump erst mal seine eigenen Steuern zahlen würde, anstatt Verluste geltend zu machen und nur 750 Dollar zu zahlen?

Dad: Ach komm! Darüber willst du auch sprechen?

Ich: Ja, klar, warum sollten wir nicht darüber reden? Warum glaubst du nicht, dass er mehr hätte zahlen müssen?

Dad: Weil ich in der Immobilienbranche tätig war. Ich glaube, dass ein Großteil seines Geldes in Immobilien gebunden ist und er wahrscheinlich einfach nicht sehr liquide ist. Und er muss die Verluste abziehen. Außerdem kannst du den liberalen Medien nicht vertrauen.

Ich: Kannst du den rechten Medien vertrauen? Die sind nichts als reine Pro-Trump-Propaganda. Sie können ihn nicht mal mehr verteidigen und versuchen stattdessen, die Leute von dem abzulenken, was er getan oder gesagt hat, indem sie die Demokraten attackieren.

Dad: Natürlich greifen sie die Demokraten an, die sind ja schließlich eine Partei der Sozialisten geworden. Biden würde es nicht durch vier Jahre Amtszeit schaffen, und dann würde die extreme Linke bei den Demokraten übernehmen. Ich habe mir mein ganzes Leben den Hintern aufgerissen, 60 Stunden in der Woche gearbeitet, um meine Familie zu versorgen. Und die Demokraten wollen unsere Grenzen für illegale Einwanderer öffnen, die hereinkommen und kostenlose Bildung und kostenlose Gesundheitsversorgung erhalten. Das ist nicht fair.

Ich: Menschen, die ihr Leben riskieren, um in dieses Land zu kommen, tun das nicht, weil sie in den Urlaub fahren wollen. Sie tun es, weil ihr Leben zu Hause entweder durch Kriminalität oder Armut bedroht ist und sie ein besseres Leben für ihre Kinder wollen - etwas, das du sicher nachvollziehen kannst.

Dad: Nun, wenn sie legal reinkommen und Jobs bekommen und Steuern zahlen, gut, lasst sie alle rein. Es ist mir egal. Aber es muss legal ablaufen!

Ich: Was nehmen sie dir denn weg? Du bist doch ein religiöser Mann. Du gehst regelmäßig in die Kirche, hilfst in der örtlichen Suppenküche aus, spendest Geld und Zeit für soziale Zwecke. Es gibt das alte Sprichwort: "Was würde Jesus tun?" Ich glaube nicht, dass er Kinder an der Grenze in Käfige stecken würde. Findest du das nicht widersprüchlich?

Dad: Mir gefällt, was Trump erreicht hat, nicht die Dinge, die er sagt und wie er handelt.

Ich: Genau, weil Charakter wichtig ist. Und ich denke, es ist dir auch wichtig. Und deshalb ist es für mich so überraschend, dass du über so viel hinwegsehen kannst. Ich kann das nicht. Und ich bin es wirklich leid, meinen Kindern zu erklären, warum sie nicht "Scheißländer" sagen dürfen, obwohl der Präsident es gesagt hat.

"Dies ist wahrscheinlich die wichtigste Wahl in meinem Leben. Ja, wirklich."

Paul Bourguignon

Dad: Ja, ich wünschte wirklich, er würde öfter den Mund halten.

Ich: Jetzt redest du wie ein Demokrat!

Dad: Eines ist sicher: Diese Wahl ist anders. Dies ist wahrscheinlich die wichtigste Wahl in meinem Leben. Ja, wirklich.

Ich: Da stimmen wir ja mal überein. Schockierend, was? Ich bin nämlich auch der Meinung, dass wir hier an einem Scheideweg stehen. Und wenn Trump wiedergewählt wird, werden die nächsten vier Jahre verheerende, lang anhaltende Auswirkungen haben.

Dad: Und ich glaube, wenn die Demokraten gewinnen, wird dieses Land nie wieder das gleiche sein.

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