Internationale Presseschau "Der schlimmste Verlierer"

"Trump klammert sich mit allen Mitteln an die Macht": Die internationale Presse reagiert entsetzt auf die Ankündigung des US-Präsidenten, die Auszählung der Stimmen beenden lassen zu wollen.
Aktuelle Ausgabe der "Le Monde" zur US-Wahl

Aktuelle Ausgabe der "Le Monde" zur US-Wahl

Foto: Francois Mori / AP

"Wir werden vor den Supreme Court ziehen. Wir wollen, dass alles Wählen endet": In einer bizarren Ansprache rief sich US-Präsident Donald Trump noch in der Wahlnacht bereits als Sieger aus, obwohl in vielen Bundesstaaten die Auszählung noch längst nicht beendet war.

Lesen Sie hier eine Auswahl der Kommentare in der internationalen Presse zu Trumps denkwürdigem Auftritt :

"Le Monde", Frankreich: "Eine der ältesten Demokratien der Welt, die Vereinigten Staaten (von Amerika), befindet sich in einer nie dagewesenen Situation: Ein amtierender Präsident stört absichtlich einen föderalen Wahlprozess, beansprucht den Sieg noch während der Auszählungen für sich und droht damit, diese durch einen unabhängigen Rechtsspruch zu unterbrechen (...). Dies ist eine Missachtung des allgemeinen Wahlrechts. Die Funktion der Wahl, die ein wesentlicher Bestandteil des demokratischen Systems ist, wird geleugnet."

"The Guardian", Großbritannien: "Sollte Donald Trump gehen – und es gibt kaum Anzeichen dafür, dass er dies ohne einen Kampf tun würde –, wird seine Hinterlassenschaft eine Politik der Wut und des Hasses sein. Für Amerika ist es eine Tragödie, dass eine gefährliche Spaltung zur Norm wird, statt eine Ausnahme zu bleiben. In den USA besteht die Sorge, dass die kulturellen Spaltungen nicht mehr rückgängig zu machen sind. Für die Amerikaner sollte es vor allem darum gehen, möglichst zu verhindern, dass die politische Kluft so weit aufreißt, dass die beiden verfeindeten – und teils bewaffneten – Lager nicht mehr miteinander reden können.

"Independent", Großbritannien: "Trump hatte die Chance, aus dieser Wahl – ob siegreich oder nicht – mit einem Anschein von Würde hervorzugehen. Eine sorgfältige PR-Kampagne in den letzten 48 Stunden hätte das bewirken können. Stattdessen hat er den Weg des schlimmsten Verlierers gewählt."

"La Vanguardia", Spanien: "Das Fehlen schlüssiger Ergebnisse bedeutet, dass ein bereits polarisiertes und gereiztes Land noch nicht weiß, ob sein zukünftiger Präsident Trump oder Biden heißen wird. Um den Gewinner zu ermitteln, muss auch die letzte per Post abgegebene Stimme gezählt werden... Den Sieg im Voraus zu reklamieren und die Demokraten des Betrugs zu beschuldigen, trägt nichts dazu bei, die Stimmung in einer nervösen und gespaltenen Gesellschaft zu beruhigen. Trump verachtet die Demokratie. (...)"

"De Standaard", Belgien: "Donald Trump lässt keinen Zweifel daran, dass er seine Präsidentschaft mit allen möglichen Mitteln verteidigen wird. In einer befremdlichen Rede erklärte er sich bereits zum Sieger. Und er bezeichnete den Urnengang als "schamlose Verfälschung". Bei einem möglichen Sieg Bidens drohte er mit Anfechtung vor dem Obersten Gerichtshof. (...) Ein amtierender Präsident, der damit droht, sich an die Macht zu klammern, und seine Anhänger aufruft, sich dem demokratischen Prozess zu widersetzen: Solche Szenen hat es in der Vergangenheit in den Straßen von Kinshasa, Abidjan und Caracas gegeben. Aber wer hätte gedacht, dass dieses Szenario in Washington, D.C. möglich wäre?"

 "Volkskrant", Niederlande: "Bemerkenswerterweise führte Trumps beispiellose Brüskierung der amerikanischen Wähler und des Wahlsystems kaum zu internationalem Wirbel. Zwar äußerten die Demokratische Partei und die amerikanischen Mainstreammedien (wie das von Trump gehasste CNN) ihre Wut, und sogar Fox News reagierte empört. Doch wo die Welt gewöhnlich lauthals von Schande spricht, wenn sich einige afrikanische Präsidenten mit Einschüchterungen und unbegründeten Wahlbetrugs-Anschuldigungen an die Macht klammern, herrschte jetzt ohrenbetäubende Stille."

 "Gazeta Wyborcza", Polen: "In den USA hat sich das schwärzeste aller möglichen Szenarien erfüllt. Aus Donald Trumps Ankündigungen geht hervor, dass er vor nichts zurückschreckt, nur um die eigene Niederlage nicht zuzulassen. Der Versuch, Hunderttausende Briefwahlstimmen in mehreren Staaten von der Wahl auszuschließen, ist kein Anschlag auf die Demokratie, sondern der Versuch ihrer Beerdigung. …Der Angriff auf die Demokratie wird unumkehrbare Folgen für die internationale Wirkungskraft Amerikas haben. Trump hat vielleicht den Atomknopf sowie die mächtigste Armee und Wirtschaft der Welt. Aber für den Westen wird er nicht mehr nur der Exzentriker im Weißen Haus sein, sondern ein Usurpator. Mit so jemandem kann man zwar Geschäfte machen, als Partner behandeln kann man ihn jedoch kaum."

"Rzeczpospolita", Polen:  Kein amerikanischer Präsident hat es bisher gewagt, dermaßen spektakulär die Grundregel der Demokratie zu untergraben, wonach jede unter festgelegten Bedingungen abgegebene Stimme gleich viel zählt... Zum ersten Mal könnte die Hälfte der Bevölkerung annehmen, dass ein Usurpator an der Spitze ihres Landes steht."

 "Tages-Anzeiger", Schweiz: "Bereits jetzt steht fest, dass die Vereinigten Staaten so tief gespalten sind wie seit dem Bürgerkrieg nicht mehr. Das hat die Wahl verdeutlicht. Wer künftig im Weißen Haus ist, wird Präsident von zwei Amerika, einem roten und einem blauen. Und diese beiden Amerika wollen nichts voneinander wissen und sind sich spinnefeind. Der Schaden ist angerichtet. Biden würde versuchen, die beiden Lager zu versöhnen. Aber das ist eine Aufgabe für Generationen. Und Donald Trump, das wissen wir nun, pfeift auf die Demokratie."

"NZZ", Schweiz: "Die Wahl hat die Spaltung des Landes, von der im Vorfeld so oft die Rede gewesen war, in ihrem ganzen Ausmaß vor Augen geführt. Fast die Hälfte der Wähler hat dem Präsidenten trotz all seinen Lügen und Pöbeleien ihre Stimme gegeben, während die andere Hälfte in ihm einen gefährlichen Potentaten sieht. Wie dieser Graben überwunden werden soll, ist offen… Umso mehr ist zu hoffen, dass die nächsten Tage eindeutige Ergebnisse bringen werden, die beide Lager und auch die Medien vorsichtig interpretieren und schlüssig erklären. Ein Befeuern von Spekulationen könnte gravierende Folgen haben. Die Wahl ist erst entschieden, wenn alle Stimmen gezählt sind."

als/dpa
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