Banges Warten in Bidens Heimatstadt Scranton "Er wird gewinnen, ich spüre es"

Pennsylvania ist Bidens Heimatstaat, hier könnte sich die Wahl entscheiden. "Er ist einer von uns", sagen die einen. "Die Wahl ist eine Schande", sagen die anderen. Besuch in seiner Geburtsstadt Scranton.
Aus Scranton, Pennsylvania, berichtet Alexandra Rojkov
Biden ist in Scranton und seinem Geburtshaus allgegenwärtig: Er besuchte die Kearns, die nun dort leben, immer wieder

Biden ist in Scranton und seinem Geburtshaus allgegenwärtig: Er besuchte die Kearns, die nun dort leben, immer wieder

Foto: Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Im Flur von Robert und Anne Kearns hängt ein Gemälde, es zeigt ihre Tochter im weißen Hochzeitskleid, gerahmt in Gold. Das Bild birgt ein Geheimnis.

Wenn man es abnimmt, sieht man, dass die Wand dahinter beschriftet ist. Dort steht in schwarzen Lettern: "Aus diesem Haus ins Weiße Haus mit der Gnade Gottes." Und drunter: Joe Biden

Martin Kearns mit dem Hochzeitsbild seiner Schwester: Versteckte Botschaft

Martin Kearns mit dem Hochzeitsbild seiner Schwester: Versteckte Botschaft

Foto: Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Die Schrift ist drei Tage alt. Am Dienstag, dem 3. November, war Biden hier. Während Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner ihre Stimme abgaben, besuchte er dieses Haus in Scranton, Pennsylvania. Die Gegend ist nicht reich: Viele der Arbeiter leben hier – Menschen, die inzwischen oft Donald Trump wählen. Bidens Besuch sollte ein Symbol sein: Ich bin einer von euch. "Das ist er wirklich", sagt Martin Kearns.

Das Haus der Kearns – drei Geschosse, Dachgiebel, von denen die Farbe abblättert – war Bidens erstes Zuhause. Hier lebte er, bis er zehn Jahre alt war – danach zog die Familie nach Delaware. "Aber er kam oft zurück", erzählt Martin Kearns. "Bis heute." Martin Kearns ist in Bidens Elternhaus groß geworden: Seine Familie kauften es, als die Bidens auszogen. Auch Martin lebt inzwischen nicht mehr hier. In diesen Wochen ist er nur zurückgekehrt, um seine Mutter vor den Reportern abzuschirmen, die beinahe täglich an seiner Tür klingeln.

Alle wollen wissen: Wie lebt es sich in Bidens ehemaligem Haus? Wie sehen ihn die Menschen in seiner Heimat Scranton? Man könnte vermuten, dass Martin Kearns die Fragen auf die Nerven gehen. Es wäre verständlich, wenn er Journalisten die Tür nicht mehr öffnen und die Biden-Fans, die immer wieder klopfen, von seinem Gelände verscheuchen würde.

Stattdessen hat der 50-Jährige seine Handynummer in der Einfahrt angebracht. Trotz Corona beantwortet er Fragen und trifft sich mit der Presse. "Ich wünschte, die Leute würden Joe kennen, wie ich ihn kenne", sagt Kearns. "Dann hätten viele nicht für Trump gestimmt – sondern für ihn."

Foto: Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Immer wieder wird Biden vorgeworfen, elitär zu sein, abgehoben – Teil einer Politikerkaste, die sich von der Bevölkerung entfremdet hat. Kearns zeichnet ein anderes Bild. "Immer wenn Joe in der Stadt war, besuchte er das Haus", sagt er. Einmal brachte Biden seine Mutter mit – er wollte ihr das Haus und den Stadtteil zeigen, in dem sie einst lebten. "Er hat sie selbst herumgefahren. Dabei war er damals schon Vizepräsident – er hätte einen Fahrer beauftragen können. Aber Joe wollte sich selbst kümmern."

Während Martin Kearns erzählt, steht die Präsidentschaft auf der Kippe. Biden liegt in vielen Bundesstaaten vorn: 253 von 270 nötigen Wahlmännern sind ihm sicher. Doch noch reicht es nicht. "Er wird gewinnen, ich spüre es", sagt Kearns. "Aber das Warten ist unerträglich."

Ironischerweise würde Pennsylvania, Bidens Heimatstaat, zum Sieg genügen: Er müsste nur hier gewinnen und schon wäre er Präsident. Doch die Stimmen in Pennsylvania werden noch ausgezählt . Ob der Bundesstaat sich für den Demokraten entscheidet, ist ungewiss. Vor allem in ländlichen Gegenden fremdeln die Menschen mit Biden. Viele identifizieren sich eher mit Trumps derber Rhetorik als mit Bidens zurückhaltender Art. Dass Trump reich geboren wurde und in New York aufwuchs, ändert daran nichts.

Auch die North Washington Avenue, die Straße, in der Bidens ehemaliges Wohnhaus liegt, ist gespalten – wie ganz Amerika. Man sieht viele Biden-Schilder, Spaziergänger tragen Buttons oder Kappen mit seinem Namen. "Er muss Präsident werden. Wir halten die Spannung kaum aus", sagt eine ältere Dame, die in der Straße lebt. Viele scheinen ihn persönlich zu kennen. Eine Schülerin erzählt, Biden sei der beste Freund ihres Großvaters gewesen. "Fast alle in dieser Nachbarschaft haben irgendeine Verbindung zu ihm", sagt sie.

"Diese Wahl ist eine Schande"

Doch nicht alle möchten ihn im Weißen Haus sehen. Hinter einigen ungeschmückten Vorgärten verbergen sich Trump-Anhänger. Und die, die sich offen zu ihm bekennen, müssen ihre Schilder regelmäßig erneuern. "Meine ersten Schilder wurden geklaut", sagt Arlene Hopkins.

Hopkins lebt nur einige Fußminuten von Bidens Haus entfernt. Auch sie ist angespannt – aber aus anderen Gründen. "Diese Wahl ist eine Schande", sagt Hopkins. "Ein Schandfleck auf unserer Geschichte!" 

Arlene Hopkins in ihrem Vorgarten: "Was hat er je für Scranton getan? Nichts."

Arlene Hopkins in ihrem Vorgarten: "Was hat er je für Scranton getan? Nichts."

Foto: Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

Während viele in Scranton hoffen, dass Bidens Sieg möglichst bald offiziell wird, fürchtet die 66-Jährige sich davor. "Ich denke, dass es bald vorbei ist, und er zum Gewinner erklärt wird", sagt Hopkins. "Aber ich möchte es am liebsten nicht wissen."

Die Rentnerin hat die Nachrichten abgeschaltet: Sie kann sie nicht mehr ertragen. Ihre Gedanken kreisen trotzdem darum, was passiert, wenn Biden Präsident wird. "Biden behauptet, er sei einer von uns", sagt sie. "Aber was hat er je für Scranton getan? Nichts."

Podcast Cover

Hopkins sagt, sie habe Trump vor allem wegen seiner Wirtschaftspolitik gewählt. Und weil er daran arbeitet, Abtreibungen in Zukunft zu erschweren – das ist Hopkins, die streng katholisch ist, wichtig. Doch vor allem scheint sie getrieben von Angst. Angst, die Trump und sein Wahlkampfteam in den vergangenen Jahren geschürt haben.

Während des Gesprächs wird Hopkins immer aufgeregter. Sie glaubt, dass Biden den Sozialismus einführen wolle und dass man ihr bald Haus und Besitz wegnehmen wird. Nichts davon hat Biden vor. Trotzdem verbreitet Trump seit Monaten solche Falschbehauptungen.

"Wenn es jemand schafft, dann Joe"

Genauso wie die haltlose These, das Ergebnis der Wahl sei gefälscht. Hopkins glaubt das trotzdem. "Ich bin sicher, dass die Wahl nicht fair gelaufen ist", ruft sie. "Bald wird unser Land nicht mehr frei sein."

Menschen wie Hopkins die Panik zu nehmen, wird eine von Bidens schwierigsten Aufgaben, sollte er in den kommenden Tagen zum Gewinner der Präsidentschaftswahl erklärt werden. "Er hat keinen leichten Job", sagt Martin Kearns, der Mann, der in Joe Bidens Haus aufwuchs. "Er muss Amerika wieder einen. Aber wenn es jemand schafft, dann Joe."

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