Wahlumfragen in den USA Wo war die blaue Welle?

Joe Biden lag in den Umfragen vor der Wahl weit vorn, am Ende wurde es eine Zitterpartie. Dabei hatten die Demoskopen nach 2016 ihre Methoden angepasst. Eine Vermutung, woran es liegt: an Donald Trump.
Ein Video von Fabian Pieper und Jonathan Miske (Animation)
DER SPIEGEL

Donald Trump, US-Präsident  

"Diese unehrlichen Umfragen, diese falschen Umfragen, haben es darauf anlegt, dass unsere Wähler zuhause bleiben, weil sie einen Aufschwung für Joe Biden erschaffen sollten." 

Für Donald Trump ist die Sache klar: Die Umfragen vor der Wahl, von denen einige Biden bis zum Schluss mit über 7 Prozentpunkten vorne gesehen haben, seien gefälscht gewesen. Doch es ist natürlich komplizierter, auf Betrug deutet nichts hin. In der Tat lagen Umfragen und Endergebnis deutlich auseinander. Monatelang  führte Biden, nun ist das Ergebnis sehr knapp. Wie ist der große Unterschied zu erklären? Haben die Umfragen versagt? 

Courntey Kennedy, Pew Research Center 

Ich glaube nicht, dass sich die Umfragen 2020 völlig geirrt haben. Biden gewinnt die nationale Abstimmung. Er ist auf dem besten Weg, auch das Electoral College zu gewinnen. Er ist auf dem besten Weg, eine Reihe von Staaten umzudrehen, in denen Trump in 2016 Jahren gewonnen hat. Ich denke, dass die Hauptsache, an der man sich stören kann, darin besteht, dass die letzten Wochen der Abstimmung gezeigt haben, dass es eine wirklich starke blaue Welle sein könnte und dass die Demokraten den Senat zurückerobern könnten. Das wird sich nicht bestätigen. Aber es sieht so aus, als wenn wir Stichwahlen um zwei Sitze im Senat haben werden. Also, ich meine, es könnte sein, dass das große Ganze, all diese Dinge tatsächlich wahr werden. Wir müssen nur eine sehr lange Zeit warten, um das herauszufinden. Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass die Umfragen es so falsch gesehen haben. 

Dass Wahlumfragen um mehrere Prozentpunkte danebenliegen, ist üblich. Die Fehlerspanne liegt bei etwa 4 Prozent. Doch meist verteilen sich diese Prozente relativ gleichmäßig: Mal erhält der eine Kandidat mehr Prozentpunkte in den Umfragen, mal der andere. Doch bei dieser Wahl fiel die Toleranz vor allem zuungunsten von Donald Trump aus. Wieso?  

Courtney Kennedy, Umfrageforscherin 

Da wo Bürger weniger Bildung haben, da unterstützen sie eher Trump und nehmen weniger an Umfragen teil. Das ist eine unbestreitbare Tatsache, und ich dachte, wir könnten das korrigieren. Ich dachte, ja, Trump-Befürworter nehmen seltener an Umfragen teil, aber das ist in Ordnung. Als Experten können wir das korrigieren. Aber entmutigend ist, dass die Umfragen, die Bildung und Parteizugehörigkeit berücksichtigt haben, immer noch daneben lagen. Das deutet also darauf hin, dass sie mit genügend Republikanern sprechen, aber die Republikaner, die bereit sind, mit Ihnen zu sprechen, waren wahrscheinlich eher moderat, vielleicht waren einige von ihnen eher bereit, zu Biden überzuwechseln, wohingegen ein hartgesottenerer Trump-Anhänger, nicht so wahrscheinlich in der Umfrage war.   

Vor 2016 lagen Wahlumfragen deutlich näher am endgültigen Ergebnis – dann siegte Donald Trump gegen Hillary Clinton. Eine Erkenntnis aus der Wahl vor vier Jahren: Akademiker, die eher Demokraten wählen würden, waren in den Umfragen überrepräsentiert. Dieser Fehler wurde korrigiert – doch 2020 scheinen wieder größere Gruppen nicht erfasst worden zu sein. Was bedeutet das für die Zukunft? 

Courntey Kennedy 

Pew Research Center 

Man kann wohl sagen, dass etwas nicht gestimmt hat, dass die Umfragen anscheinend nicht genug Trumpwähler hatten, zumindest in einigen Regionen. Deshalb denke ich, dass die Wahlforschung sich das ansehen muss, ob man etwas tun kann. Das ist also wahr. Für mich ist es eine wichtige Frage, ob diese Probleme nur bei Wahlen auftreten, bei denen Donald Trump auf dem Wahlzettel steht. Bei den Mid-Term-Wahlen, wo Trump nicht auf dem Wahlzettel stand, haben die Umfragen insgesamt recht gut abgeschnitten, und wir hatten eine ziemlich starke blaue Welle. Also, wissen Sie, ich frage mich, ob sich im weiteren Verlauf, wenn Trump nicht zur Wahl antritt, die Dinge mit den Umfragen wieder normalisieren könnten. Ich denke, das ist eine Möglichkeit. Ich will nicht zu optimistisch sein und es annehnmen, aber es ist möglich.