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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Roland Nelles

Die Lage: USA 2020 Joe Biden sucht die Super-Vizepräsidentin

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute beschäftigen wir uns mit den möglichen Kandidatinnen der Demokraten für das Vizeamt im Weißen Haus. Außerdem geht es um die neue Pressesprecherin von Donald Trump - und um die wenig schmeichelhaften Umfragen für den Präsidenten.

Dass die Coronakrise auch den US-Wahlkampf auf den Kopf stellt, ist inzwischen eine Binse. Es gibt in diesem Prozess aber etliche spannende Vorgänge und Details, die diesmal so verrückt anders verlaufen, dass man als Beobachter nur noch erstaunt mit dem Kopf schütteln kann.

Dazu gehört die Suche des Präsidentschaftskandidaten nach seinem möglichen Vizepräsidenten, dem "Running Mate". Joe Biden, der designierte Kandidat der Demokraten, hat sich bekanntlich bereits festgelegt, dass er eine Frau nominieren will.

Der designierte Kandidat der Demokraten, Joe Biden, spricht derzeit nur noch per Video oder Podcast aus dem Keller seines Hauses zu seinen Anhängern

Der designierte Kandidat der Demokraten, Joe Biden, spricht derzeit nur noch per Video oder Podcast aus dem Keller seines Hauses zu seinen Anhängern

Foto: Brian Cahn/ imago images/ZUMA Wire

Nun sitzt er in seinem Haus in Wilmington, Delaware, und ist zum Schutz seiner Gesundheit so abgeschirmt, dass er sich nicht einmal mit möglichen Kandidatinnen für den Job treffen kann. Alles, was ihm eigentlich bleibt, sind Telefonate oder Zoom-Meetings.

Biden macht aus der Not eine Tugend und lädt mögliche Kandidatinnen zu öffentlichen Plaudereien in seinem eigenen Podcast "Here's The Deal"  ein. Da spricht er dann mit Senatorin Amy Klobuchar aus Minnesota über die Corona-Erkrankung ihres Mannes oder lästert mit Gretchen Whitmer, der Gouverneurin von Michigan, über US-Präsident Donald Trump.

Angeblich hat Biden neben Klobuchar und Whitmer etwa acht weitere Kandidatinnen auf seiner Liste. Dazu gehören zum Beispiel auch Kamala Harris oder Elizabeth Warren. Die Entscheidung wird irgendwann im Sommer fallen, auf jeden Fall vor dem Parteitag in Milwaukee im August, von dem auch noch nicht klar ist, wie er in der Coronakrise ablaufen soll.

Biden spielt mit dem Thema und macht immer wieder kleine Andeutungen und Witzchen. Auf die Frage eines Reporters, ob er die frühere First Lady Michelle Obama für den Job nominieren würde, antwortete er, er würde sie sofort nehmen. Aber er sei sich nicht sicher, ob "Michelle jemals wieder in der Nähe des Weißen Hauses leben möchte".

Für viele Demokratinnen und Demokraten ein Traum: Michelle Obama im Weißen Haus

Für viele Demokratinnen und Demokraten ein Traum: Michelle Obama im Weißen Haus

Foto: Hau Dinh/ dpa

Klar ist für Biden, dass er eine Kandidatin braucht, die gut mit ihm kann und die zugleich seine Schwächen ausgleicht. Das mag vieles bedeuten: Vor allem wird es wohl darum gehen, eine mögliche Vizepräsidentin zu präsentieren, der die Wählerinnen und Wähler zutrauen, tatsächlich im Fall der Fälle das Präsidentenamt übernehmen zu können. Biden wird in diesem Jahr 78 Jahre alt, da ist nichts ausgeschlossen. Auch nicht, dass die mögliche Vizepräsidentin schneller im Oval Office sitzt, als ihr vielleicht lieb ist.

Die Wahlkampffigur der Woche

Wie sehr US-Präsident Trump auf seine Wiederwahl fixiert ist, zeigt sich an einer seiner jüngsten Personalien im Weißen Haus: Seit einigen Tagen führt dort Kayleigh McEnany die Geschäfte als neue Pressesprecherin des Präsidenten. McEnany, 31, hat im Prinzip keinerlei Regierungserfahrung auf dem Toplevel, ist aber immerhin Harvard-Law-School-Absolventin und eine hart gesottene Wahlkämpferin.

Einem größeren Publikum wurde sie bekannt, weil sie während der Wahl 2016 regelmäßig beim Sender CNN als Trumps größter Fan interviewt wurde. Anschließend war sie unter anderem Pressesprecherin der Republikanischen Partei und von Trumps Wahlkampfteam. Dort verbrachte sie die meiste Zeit damit, Trumps Kritiker in den Medien oder bei den Demokraten zu attackieren.

Kayleigh McEnany ist die neue Pressesprecherin im Weißen Haus. Kaum im Amt, beginnt sie schon damit, sich mit Journalisten zu zoffen

Kayleigh McEnany ist die neue Pressesprecherin im Weißen Haus. Kaum im Amt, beginnt sie schon damit, sich mit Journalisten zu zoffen

Foto: Evan Vucci/ AP

So geht es jetzt weiter. Bei den Journalisten im Weißen Haus hat sich McEnany damit eingeführt, dass sie Reporter dazu anhält, Donald Trump mit mehr Respekt zu behandeln.

Weil eine ABC-Journalistin es wagte, in einem Tweet einfach nur von Trump zu sprechen, wurde sie von McEnany ermahnt, den Staatschef stets mit seinem Titel anzusprechen: "Für sie immer noch Präsident Trump!"

Es dauerte nur wenige Minuten, bis auf Twitter ein alter Tweet von McEnany hervorgekramt wurde, in dem sie Präsident Barack Obama selbst ohne Titel ansprach und auch noch abfällig als "son" (Sohn oder Söhnchen) bezeichnete. Autsch.

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Was wichtig wird

Lockdown-Ende: In den kommenden Tagen laufen in einer Vielzahl von US-Bundesstaaten die Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie aus. Einige Gouverneure, deren Staaten bislang weniger betroffen sind, wollen erste Einschränkungen phasenweise aufheben, andere planen Verlängerungen.

Wie diese genau aussehen werden, wird sich in den kommenden Tagen entscheiden. Im südlichen Bundesstaat Georgia sollen bereits in dieser Woche wieder einige Geschäfte öffnen dürfen, darunter Sportstudios und Friseure. Das dürfte die Debatte in den USA über den Sinn und Unsinn der Lockdown-Maßnahmen weiter verschärfen.

Demos: In einigen Staaten sind in den kommenden Tagen erneut Proteste gegen die von den jeweiligen Gouverneuren verhängten Lockdown-Maßnahmen geplant. Unter anderem wollen am 1. Mai Demonstranten gegen die Einschränkungen in Kalifornien demonstrieren. Dort sind seit März Schulen und die meisten Geschäfte geschlossen. In Los Angeles wird das auch noch mindestens bis zum 15. Mai so bleiben.

Was sagen die Umfragen

Eigentlich ist das eine tolle Zeit für Umfrageinstitute. Die meisten Leute sind zu Hause zu erreichen, viele Menschen haben vielleicht sogar mehr Zeit als sonst, die Fragenkataloge der Institute am Telefon oder Online zu beantworten. Vielleicht entsprechen die Zahlen also mehr der Realität. Wenn dem so ist, sieht es für US-Präsident Donald Trump momentan nicht gut aus.

Podcast Cover
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Im Durchschnitt aller nationalen Erhebungen  liegt Trump derzeit bei 42,5 Prozent, sein Herausforderer Joe Biden kommt auf 48 Prozent. Das ist ein beachtlicher Vorsprung. Üblicherweise würde man sagen, dass die nationalen Zahlen in den USA nicht besonders aussagekräftig sind, weil es letztlich darauf ankommt, wie die Kandidaten in den einzelnen Bundesstaaten abschneiden. Doch dieser deutliche Abstand lässt den Schluss zu, dass es für Trumps Wiederwahl auch in den besonders umkämpften Staaten knapp werden könnte.

Unsere US-Storys der Woche

Diese beiden Geschichten aus unserem US-Wahlkampfteam der letzten Tage möchte ich Ihnen ans Herz legen:

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzlich

Ihr

Roland Nelles

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