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Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

Marc Pitzke

Die Lage: USA 2020 Machterhalt um jeden Preis

Marc Pitzke
Von Marc Pitzke, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute beschäftigen wir uns mit den wachsenden Unruhen in den USA, Trumps mysteriösem Gesundheitszustand - und einem Hollywoodnachruf, der auch politische Rekorde brach.

Neulich reiste ich mit dem Auto durch den Südwesten der USA. Der Roadtrip, mein erster privater Ausflug seit Beginn der Coronakrise, war erhellend: Die majestätisch-menschenleeren Landschaften erinnerten mich daran, was dieses Land so besonders macht und weshalb es mich einst hierherzog. Ich hatte das fast vergessen, seit Donald Trump regiert.

Die paar Leute, die einem unterwegs begegneten, waren alle freundlich, hilfsbereit, zuvorkommend, keiner sprach vom Wahlkampf oder, Gott bewahre, vom Präsidenten. Es war wie eine Zeitreise mit Automatikschaltung und Klimaanlage zurück in eine andere, friedliche, Ära.

Plötzlich verstehe ich, wozu die Quarantäne nach der Heimkehr auch dienen kann: Man braucht sie, um sich wieder einzufinden in Amerikas Realität.

Fernab der Politik: Roadtrip durch den US-Südwesten

Fernab der Politik: Roadtrip durch den US-Südwesten

Foto: Hanna Ki Photography / imago images/Die Videomanufaktur

Denn derzeit liegt Streit in der Luft, es riecht fast nach Bürgerkrieg. Es flackern gewalttätige Scharmützel auf zwischen links und rechts, zwischen der Black-Lives-Matter-Bewegung und ihrem Counterpart von "All Lives Matter", zwischen Biden-Fans und Trump-Fanatikern, zwischen Millennials und Militias. Dieser Konflikt, so fürchte ich, wird spätestens in der Wahlnacht im November eskalieren.

Und Donald Trump tut alles, um den Streit anzuheizen - mit Lügen und um daraus Profit für den Wahlkampf zu schlagen, wie es mein Kollege Roland Nelles beschreibt.

Trump ignoriert schwarze Opfer wie Jacob Blake in Kenosha und macht weiße Opfer wie Aaron Jay Danielson in Portland zu Märtyrern. Er diffamiert Demonstranten als gewalttätigen Mob und spornt rechte Randalierer an. Er spielt tödliche Polizeigewalt herunter, indem er sie mit Patzern beim Golfspiel vergleicht. Er faselt von linken Sturmtruppen, die mit Linienmaschinen einflögen, und beschwört den Untergang von Metropolen wie Portland, behauptet, dass die Stadt angeblich "komplett in Flammen" stehe.

CNN-Korrespondent Josh Campbell versuchte, der präsidialen Hetze etwas entgegenzusetzen, indem er ein Foto der Innenstadt von Portland postete - eine friedliche Sommeridylle: "Noch haben mich keine Schattengangs von Antifa-Kommandos angegriffen."

Lügen, Desinformation, Verschwörungstheorien - um an der Macht zu bleiben, ist Trump jedes Mittel recht. Wir Journalisten müssen versuchen, der trumpschen Aufmerksamkeitsmaschine Paroli zu bieten, indem wir weiter über all die Skandale und Krisen berichten, die dieser Präsident zu verantworten hat.

Zum Beispiel:

  • Offenbar haben Trumps Getreue den Versuch, die Briefwahlen zu manipulieren, nicht aufgegeben. Unter Druck legte der neue Postchef, Louis DeJoy, seine "Reformen" zwar auf Eis, doch keiner weiß, ob das Chaos am Wahltag noch zu verhindern ist. Zudem wurde bekannt , dass Robert Duncan, der Direktoratsvorsitzende der Post, nebenher Wahlspenden für den Chef-Republikaner Mitch McConnell sammelt - also höchst parteiisch ist.

  • Die Datenfirma Hawkfish warnt , dass Trump in der Wahlnacht einen vermeintlichen Sieg erzielen könnte, weil viele Briefstimmen der Demokraten da noch nicht ausgezählt wären. Trump könnte sich dann einfach vorzeitig zum Präsidenten erklären. Hawkfish, eine Firma des New Yorker Ex-Bürgermeisters Mike Bloomberg, nennt dieses Szenario eine "rote Illusion" (Rot ist die Farbe der Republikaner) und "sehr real".

  • US-Geheimdienstchef John Radcliffe, ein Trump-Loyalist, will den Kongress nicht länger über Versuche anderer Staaten informieren, die US-Wahlen zu beeinflussen. Selbst der republikanische Senator Marco Rubio fürchtet  eine "historische" Sicherheitskrise.

  • Die Coronakrise tobt in den USA unentwegt. Die Zahl der Infizierten  hat sechs Millionen überschritten, die der Toten 183.000. Trotzdem tun Trump und Co. so, als sei fast alles vorbei. Die Gesundheitsbehörde CDC schwächt  die Testrichtlinien ab. Der neue Corona-Beauftragte des Weißen Hauses, Fox-News-Kommentator Scott Atlas, propagiert  Herdenimmunität. Die Zulassungsbehörde FDA will Impfstoffe genehmigen , bevor sie vollends geprüft sind. Und weiterhin nur 35 Prozent billigen Trumps Corona-Politik.

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Die Termine der Woche

Noch in dieser Woche will die Commission on Presidential Debates  die Moderatoren für die erste TV-Debatte zwischen Trump und Biden benennen. Eigentlich Routinesache, doch in der Ära Trump ist nichts wie immer. Der Schlagabtausch ist für den 29. September in Cleveland geplant. Unklar ist - wegen Corona - derzeit, ob die Kandidaten vor einem Livepublikum streiten werden oder nur virtuell.

Ebenso unklar ist allerdings auch, ob das Ganze überhaupt stattfindet. Nach der Erfahrung mit Trump im Wahlkampf 2016, kann ich mir vorstellen, dass er die Moderatoren - egal, wer sie sind - als "befangen" ablehnt und die Debatte boykottiert. Eine Moderatoren-Wunschliste hat Trump bereits vorlegt , sie besteht vor allem aus Fox-News-Stars und Pro-Trump-Cheerleadern. Surprise!

Die Umfragen der Woche

Es war einmal ein Amerika, in dem die Wahlparteitage noch wichtige politische Ereignisse waren. Da gab es ein Phänomen namens "convention bounce" - ein sprunghafter Popularitätsanstieg jeweils nach den Konventen, mit dem die Kandidaten dann in die heiße Phase des Wahlkampfes starteten, die traditionell am Labor Day beginnt, dem amerikanischen Tag der Arbeit, der dieses Jahr am Montag ist.

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Doch in diesem Jahr vermasselte die Coronakrise den Parteien ihre Parteitage. Die Republikaner tagten mit weniger Publikum als sonst, die Demokraten ausschließlich virtuell. Zwar mochten - Umfragen zufolge - mehr Amerikaner den Parteitag der Demokraten (53 Prozent) als den der Republikaner (37 Prozent). Doch weder Trump noch Biden selbst legten zu , ihre Popularitätsquoten blieben statistisch gesehen gleich.

Besonders schmerzhaft dürfte es für Trump sein, dass er bei den TV-Quoten der Parteitage  klar verlor. Knapp 24 Millionen Zuschauer schalteten ein, als er am Donnerstag seine große Rede hielt - eine Million weniger als zuvor bei Biden. Noch größer die Distanz zwischen Bidens Vize Kamala Harris und Trumps Vize Mike Pence: 22,8 Millionen vs. 17,3 Millionen. Natürlich bezeichnete Trump diese offiziellen Zahlen als "erfunden".

Quotenflop am Weißen Haus: Trumps Wahlparteitag

Quotenflop am Weißen Haus: Trumps Wahlparteitag

Foto: Evan Vucci / AP

Ebenfalls abgeschmiert ist Trump aber auch bei seiner angeblichen Lieblingstruppe, dem Militär: Eine Befragung  der "Military Times" offenbarte, dass die Hälfte (49,9 Prozent) der Soldaten und Offiziere Trump ablehnen und nur 38 Prozent ihm zustimmen. 37 Prozent wollen Trump wiederwählen - doch 41 Prozent wollen Biden als ihren neuen Oberbefehlshaber.

Bei den landesweiten Wahlumfragen  ist Bidens Vorsprung allerdings leicht geschrumpft, von 9,3 (am 24. August) auf 7,1 Prozentpunkte. In einigen Erhebungen führt er sogar nur noch um drei Prozentpunkte. Wie sich die Ereignisse von Portland und Kenosha auf die Beliebtheitsquoten auswirken, darüber streiten die Experten  noch.

Das Gerücht der Woche

Wer missliebige Gerüchte nicht weiter anfachen will, muss sie ignorieren, statt sie lautstark zu dementieren - und damit aufzuwerten. Gegen diese Regel verstieß Trump, 74, als er jetzt ungefragt klarstellte, er habe mitnichten "eine Serie von Mini-Schlaganfällen" gehabt. Dem folgte ein offizielles Statement seines Hausarztes Sean Conley, der das im Medizinerjargon wiederholte: Die Medien hätten "inkorrekt berichtet".

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Das Problem: Die Behauptung stammt gar nicht aus der Presse, sondern vielmehr von Don Winslow, einem Bestsellerautor und Ex-Privatdetektiv, der Trump seit Jahren in den sozialen und anderen Medien trollt  und neulich einen offenen Videobrief an wankelmütige, doch kritikscheue Republikaner verfasste: Sie könnten doch heimlich für Biden stimmen, ohne das jemandem zu sagen.

Winslows Kampagne begann im August: Da twitterte er angebliche Insiderinformationen, wonach Trump "eine 'Serie' von 'Mini-Schlaganfällen'" erlitten habe. Er postete Videos, auf denen Trump stottert, lallt und ängstlich trippelt. Über Trumps Wohlbefinden wird schon lange gemunkelt, erst recht, seit er neuerdings vor allem mit der rechten Körperseite Schwächeprobleme zu haben scheint.

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"New York Times"-Reporter Michael Schmidt ergänzte diese Woche in seinem neuen Enthüllungsbuch "Donald Trump v. the United States" ein pikantes Detail : Bei Trumps mysteriösem, außerplanmäßigem Termin im Walter-Reed-Militärkrankenhaus im November sei Mike Pence auf "Standby" gewesen, um Trumps Amt notfalls "vorübergehend zu übernehmen".

Am Dienstag, nach Trumps Dementi, setzte Winslow noch einen drauf: Auch "mehr als ein Dutzend Secret-Service-Agenten" wüssten von den Schlaganfällen. Bessere Wahlkampfhilfe kann sich Biden kaum wünschen.

Der Social-Media-Moment der Woche

Der Krebstod des Schauspielers Chadwick Boseman im Alter von 43 Jahren bewegte auch die US-Politik. Der letzte Tweet vom Konto des afroamerikanischen "Black Panther"-Stars, mit dem die Familie sein Ableben bekannt gab, wurde zum populärsten Tweet aller Zeiten, mit 7,4 Millionen Likes und 2,2 Millionen Retweets - und offenbarte, wie sehr Bosemans Tod die Black-Lives-Matter-Nation traf. Der Tweet schlug sogar Barack Obama, der im August 2017, als Reaktion auf Trumps Verharmlosung von Neonazis, mit einem Zitat von Nelson Mandela auf 4,3 Millionen Likes gekommen war.

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Auf Instagram erinnerte sich Obama daran, wie Boseman - dessen Porträts realer Helden und fiktiver Superhelden eine Generation schwarzer Kinder inspirierte - 2013 das Weiße Haus besucht hatte: "Man merkte gleich, dass er gesegnet war." Auch die Demokraten Biden und Harris würdigten Boseman als Vorbild der Versöhnung und Anerkennung von Minderheiten in diesen politisch trüben Zeiten. Bosemans vorletzter Tweet zeigte ihn mit Harris, der ersten schwarzen US-Vizepräsidentschaftskandidatin.

Donald Trump hatte zu Bosemans Tod nichts zu sagen.

Die Storys der Woche

Diese Geschichten unseres USA-Teams möchte ich Ihnen ans Herz legen:

  • Roland Nelles analysiert Trumps riskante "Kenosha-Wette";

  • René Pfister besuchte  Luzerne County, eine Trump-Hochburg in Pennsylvania;

  • Ralf Neukirch berichtet über den Wahlkampf um die Vorstädte.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche!

Herzlich,

Ihr Marc Pitzke

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