Ölbohrungen in Alaska Junge Menschen weltweit protestieren auf Social Media gegen das »Willow Project«
Ölerkundung in Alaska
Foto:AP
Drei Bohrstellen, 30 Jahre, rund 600 Millionen Barrel Öl: Das »Willow Project« in Alaska ist nicht bloß ob seiner wirtschaftlichen Daten besonders. Rund acht Milliarden Dollar umfasst das Projekt des Konzerns ConocoPhillips, das vergangene Woche von der US-Regierung durchgewinkt wurde. Auch der Gegenwind ist gigantisch. Zumindest in sozialen Netzwerken.
Keine neuen Öl- und Gasförderungen auf staatlichem Boden – das war 2020 eines der Wahlversprechen von US-Präsident Joe Biden. Dass in Alaska nun dennoch gebohrt und im Lebensraum wilder Tiere die Infrastruktur dafür geschaffen wird, ärgert neben Umweltorganisationen, die Bidens Klimaziele gescheitert sehen, vor allem die junge Generation.
#StopWillow trendet seit Wochen bei TikTok und Instagram, Videos werden millionenfach geklickt. Mit eindringlichen Bildern von Bären, Robben und anderen in Alaska heimischen Tieren fordern Nutzerinnen und Nutzer den Stopp des Projekts. Eine Onlinepetition hat inzwischen fast 4,5 Millionen Unterstützende gesammelt.
Es ist vor allem eine weitere Zahl, die die sogenannte Generation Z in Aufruhr versetzt, die Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren sind: 280 Millionen Tonnen. So viel Kohlendioxid wird laut Medienberichten freigesetzt, wenn das Öl aus dem »Willow Project« verbrannt wird.
Der Norden von Alaska ist für seine Ölvorkommen bekannt
Foto: Associated PressAuch deutsche Timelines hat das Thema inzwischen erreicht. Der Tenor: »Die Folgen werden nicht nur in den USA zu spüren sein«, wie eine Nutzerin in einem Video sagt : »Wir alle werden die Folgen dieses Projekts spüren.« Auch deutsche Medien werden kritisiert, die ältere Generation wisse nichts von dem Projekt, heißt es. Weil es kein Thema sei.
Immer wieder rufen Organisationen und Bewegungen in den sozialen Netzwerken zum Protest auf. Der Widerstand gegen das »Willow Project« erinnert an die Demonstrationen um Lützerath. Auch der deutsche Braunkohleort wurde zum Symbol internationaler Klimaproteste, auch bei Lützerath geriet die Regierung bei jungen Menschen heftig in die Kritik.
US-Medien spekulieren, dass der Social-Media-Trend um das »Willow Project« der US-Regierung von Joe Biden schaden könnte. »Es geht um junge Menschen als Ganzes, als Wählerschaft, die sich für eine nachhaltige Zukunft einsetzen«, sagte die Aktivistin Elise Joshi der »Washington Post« .
Politik der kleinen Schritte
Die Willow-Entscheidung verärgert vor allem junge Menschen, die im vergangenen Jahr das von Biden als »historisch« gepriesene Klimagesetz feierten – und kein Jahr später genervt sind von Kompromissen und einer Politik der kleinen Schritte.
@thegarbagequeen #stitch with @.definitelynotray This is really scary stuff we’re dealing with, so it’s okay to feel what you’re feeling. Just don’t let it lead to inaction — or to give up on your future. Together we will address it — no matter what happens with Willow. Don’t feel like you have to carry the weight of all of it in your shoulders though. This is a team effort, and our team is growing in numbers and power every single day. Don’t give up the fight, but don’t be afraid to take steps to protect your mental health. #StopWillow #StopTheWillowProject #WillowProject #ClimateAnxiety #ClimateChange #ClimateGrief
♬ original sound - Alaina Wood
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Die Wissenschaftlerin Alaina Wood, die auch Videos bei TikTok veröffentlicht, sagte der »Washington Post« noch vor der Entscheidung der Biden-Regierung, dass sie noch nie so viele Videos oder Kommentare zu einem Klimathema in den sozialen Netzwerken gesehen habe. Die Masse könne ein Ausdruck der »Klimaangst« von Nutzerinnen und Nutzern sein.
Fehlinformationen über das »Willow Project« würden die Sorgen nur noch mehr verstärken, sagte Wood. Sie selbst teile Videos, um andere zu beruhigen, die denken, der Klimawandel wäre durch das Projekt unumkehrbar, »was nicht stimmt«. Auch unter den deutschen Beiträgen bei TikTok sind Kommentare zu lesen wie: »Warum stresse ich mich wegen Abi, wenn ich danach sowieso nicht mehr lebe?«
Ölbohrungen in Alaska als Kompromiss?
Warum aber wird nun entgegen der Versprechen von US-Präsident Biden doch auf staatlichem Boden gebohrt? Willow wird auch als Kompromiss gesehen. Am Vortag der Entscheidung zur Bewilligung des Projekts schränkte die Regierung in Washington Öl- und Gasbohrungen im Arktischen Ozean ein. Auch die Ausweitung des Schutzes von 5,26 Millionen Hektar im bundeseigenen National Petroleum Reserve Alaska (NPRA), in dem auch das Gebiet Willow liegt, seien geplant.
Ursprünglich umfasste der Vorschlag von ConocoPhillips zudem mehr Infrastruktur, etwa fünf Bohrstellen. Laut Innenministerium trage der reduzierte Umfang dazu bei, die Auswirkungen auf die Natur zu verringern.
Das gesamte Projekt war bereits vor Bidens Amtszeit unter Donald Trump als Präsident genehmigt worden. Wegen einer fehlerhaften Umweltstudie hob ein Bundesrichter die Entscheidung jedoch 2021 auf.
Dennoch gibt es Kritik an US-Innenministerin Deb Haaland, die in einem Video davon spricht, dass es sich um ein »schwieriges und komplexes Thema« handele, das von einer früheren Regierung geerbt worden sei. Als Abgeordnete des Repräsentantenhauses hatte sie das »Willow Project« abgelehnt, nun muss sie es rechtfertigen.
Arbeitsplätze und Aufschwung
Im Öl-freundlichen Alaska ist die Ablehnung nicht so klar. Laut der Nachrichtenagentur AP unterstützten viele Einheimische das Projekt, sie erhoffen sich Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung.
Die Bürgermeister zweier Gemeinden im Norden Alaskas, Asisaun Toovak aus Utqiaġvik und Chester Ekak aus Wainwright, schrieben etwa in einem Debattenbeitrag in den »Anchorage Daily News«, dass die Stimmen der Menschen, deren Heimat am stärksten betroffen ist, weitgehend ignoriert würden: »Wir wissen, dass die Erschließung von Ressourcen und unsere Lebensweise sich nicht gegenseitig ausschließen«.