Irans Rache für Soleimani Auge um Auge

Der Konflikt zwischen Iran und den USA tritt in eine neue, gefährliche Phase ein. Beide Seiten kämpfen im Verborgenen mit allen Mitteln gegeneinander. Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelstory.
Foto: [M] Getty Images

Von Markus Becker, Konstantin von Hammerstein, Christiane Hoffmann, Peter Müller, René Pfister, Maximilian Popp, Tobias Rapp, Christoph Reuter, Alexandra Rojkov, Marcel Rosenbach, Raniah Salloum, Christoph Scheuermann, Fidelius Schmid, Christoph Schult, Wolf Wiedmann-Schmidt

US-Präsident Donald Trump ist entschlossen, Rache zu üben. Er weiß am 28. Dezember nur noch nicht, wie. Verteidigungsminister Mark Esper und Generalstabschef Mark A. Milley reisen aus Washington nach Florida, wo Trump auf seinem luxuriösen Feriensitz Mar-a-Lago Urlaub macht. Draußen spazieren Touristen am Strand. Drinnen berät die US-Führung, wie sie Iran am wirkungsvollsten bestrafen soll.

Am Tag zuvor haben Verbündete Teherans mit Raketen einen Militärstützpunkt im Nordirak angegriffen und einen Amerikaner getötet. Die USA gehen davon aus, dass Teheran seinen Verbündeten, die Schiiten-Miliz Kataib Hisbollah, mit dem Anschlag beauftragt hat.

Die US-Militärs bereiten einen Vergeltungsschlag vor, sie geben Trump mehrere Optionen. Die meisten davon sind konventionelle Angriffsziele. Trump könne iranische Schiffe unter Beschuss nehmen lassen, raten Offizielle laut "New York Times", Raketenanlagen, Kataib-Hisbollah-Stellungen. Doch pro forma erwähnen Pentagonbeamte auch eine Extremvariante: die Tötung des Generals Qasem Soleimani, des zweitmächtigsten Mannes und militärischen Chefstrategen Irans.

Soleimani gilt zu diesem Zeitpunkt als unantastbar. Er ist der Chefstratege der iranischen Militärpolitik, er steuert als Kommandeur der Quds-Brigade die Aktionen Teherans im Nahen Osten. Trumps Vorgänger George W. Bush und Barack Obama hatten beide eine Tötung Soleimanis abgelehnt. Zu groß war ihre Sorge, dadurch einen unkontrollierbaren Krieg mit Iran auszulösen.

Auch Trump schreckt zunächst davor zurück. Er lässt die US-Luftwaffe am 29. Dezember ausschließlich Stellungen der Kataib-Hisbollah-Miliz bombardieren. Doch das dämmt die Krise nicht ein, im Gegenteil: Zwei Tage später attackieren Islamisten die US-Botschaft in Bagdad – wohl ebenfalls auf Anweisung Irans.

Trump ist außer sich, als er den Vorfall im Fernsehen verfolgt. Die Bilder erinnern ihn an den Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi 2012, bei dem der US-Botschafter ums Leben kam. Die Republikaner machten Außenministerin Hillary Clinton damals persönlich dafür verantwortlich.

Am 2. Januar fasst Trump einen Entschluss, der selbst seine engsten Vertrauten überrascht: Er ordnet die Tötung Soleimanis an. Es ist jene Extremvariante, die im Pentagon bis dahin nur als Theorie diskutiert worden ist.

Trump trifft die wichtigste außenpolitische Entscheidung seiner Amtszeit, eine Entscheidung, die den Nahen Osten erschüttern und die Welt verändern wird, laut US-Medien, ohne seine Iranexperten zu konsultieren. Er handelt aus einem Impuls heraus. Stunden nachdem er den Entschluss gefasst hat, ist Soleimani tot, umgebracht von einer US-Drohne.

Freunde und Feinde Amerikas sind gleichermaßen schockiert. Einen General exekutieren zu lassen, in einem Land, mit dem die USA nicht offiziell im Krieg sind – das sehen viele Experten als Verstoß gegen das Völkerrecht. In Iran, im Irak und im Libanon schwören schiitische Demonstranten Rache. Irans Regime verordnet eine dreitägige Staatstrauer, Millionen von Iranern gehen im Gedenken an den "Märtyrer" auf die Straße.

Mit dem Mord an Soleimani bricht im Nahen Osten eine neue gefährliche Zeit an. Die traditionellen Regeln der Kriegführung gelten nicht mehr, es gilt wieder: Auge um Auge. Bricht der Krieg zwischen den USA und Iran offen aus? Im Verborgenen hat er längst begonnen. Er wird nicht mit Armeen geführt, die gegeneinander in die Schlacht ziehen. Er spielt sich teilweise über Bande ab, im Geheimen, an verschiedenen Schauplätzen, mit wechselnden Akteuren.

Am Mittwoch feuerte Iran als offizielle Vergeltungsaktion rund zwei Dutzend Raketen auf zwei Militärstützpunkte im Irak ab. Es war ein begrenzter Angriff, bei dem keine Menschen zu Schaden kamen. Iran hat damit die ganz große Eskalation vorerst vermieden. Trotzdem ist der Konflikt in eine neue Phase eingetreten.

Wie schnell die Situation außer Kontrolle geraten kann, zeigen Medienberichte, wonach die Boeing 737, die am Mittwoch auf ihrem Weg von Teheran nach Kiew abstürzte, aus Versehen von einer iranischen Luftabwehrrakete getroffen worden sein soll. 176 Menschen starben bei dem Unglück. Kanadas Premierminister Justin Trudeau, der bei dem Unglück 63 Staatsbürger verlor, zitierte entsprechende Geheimdienstinformationen und fordert eine umfassende Untersuchung. Iran dementierte die Berichte. Schon deutete sich der nächste Streit zwischen Teheran und dem Westen an.

Wenn Iran seinen Schattenkrieg gegen die USA fortsetzt, kann es auf das internationale Milizennetzwerk zurückgreifen, das Soleimani aufgebaut hat. Gerade die libanesische Hisbollah hat bewiesen, dass sie in der Lage ist, den Terror weit über den Nahen Osten hinaus zu tragen.

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