TV-Debatte der Demokraten in Las Vegas Die Entzauberung des Mike Bloomberg

Er gilt als Joker im Vorwahlkampf der US-Demokraten: Erstmals stellte sich der New Yorker Ex-Bürgermeister und Milliardär Mike Bloomberg bei einer TV-Debatte kritischen Fragen - und gab ein miserables Bild ab.
Aus Las Vegas berichtet Marc Pitzke
Fünf gegen einen: Die Demokraten-Kandidaten auf der Bühne in Las Vegas

Fünf gegen einen: Die Demokraten-Kandidaten auf der Bühne in Las Vegas

Foto: Ethan Miller/ AFP

Alles ist fake hier. Der nachgebaute Eiffelturm, der "Arc de Triomphe", der Montgolfier-Ballon: Wie die meisten Prunkbauten in Las Vegas ist das Casinohotel Paris eine einzige Attrappe aus Stahl, Beton und Putz. Es soll den Gästen suggerieren, dass sie in Frankreich sind und nicht mitten in einer Wüstenoase im US-Bundesstaat Nevada.

Die Inszenierung setzt sich drinnen im Hoteltheater fort, dem "Le Théâtre des Arts". Nur haben sie dort dazu diesmal eine amerikanische Kulisse aufgebaut: ein Weißes Haus, das später zu einem riesigen, digitalen Sternenbanner mutiert. Davor verschwinden die sechs Kandidaten fast. Vor allem Michael Bloomberg, der Kleinste von ihnen.

Das liegt nicht nur am Bühnenbild. An diesem Abend in Las Vegas zerplatzt auch eine politische Illusion - die des Bloomberg-Booms.

Enormes Weißes Haus: Die Bühne des Theaters im Casinohotel Paris

Enormes Weißes Haus: Die Bühne des Theaters im Casinohotel Paris

Foto: MARIO TAMA/ AFP

Zum ersten Mal nimmt New Yorks Ex-Bürgermeister in diesem Vorwahlkampf an einer TV-Debatte teil. Der Multimilliardär hat schon fast 400 Millionen Dollar in die Realisierung seines Präsidentschaftstraums gesteckt, das meiste Geld floss in TV-Spots. Während die Rivalen sich durch Iowa und New Hampshire quälten, flog er im Privatjet kreuz und quer durch andere Staaten, die ihm im Terminkalender dieses Wahlkampfs wichtiger sind. Damit konnte er sich in einigen Umfragen sogar bereits auf den ersten Platz schieben, ohne sich aber kritischen Fragen stellen zu müssen. Er ist der Mann der Stunde, den es zu schlagen gilt. Und das wollen die anderen.

Alle auf Bloomberg

Bloombergs Entzauberung erfolgt unverzüglich und unerbittlich. Von der allerersten Minute an zerpflücken die fünf anderen Demokraten den Newcomer in ihrer Runde, attackieren ihn, reizen ihn, stellen ihn bloß, verhöhnen ihn, gönnen ihm keine Atempause. Oder sie lassen ihn einfach nicht zu Wort kommen, einmal sogar eine halbe Stunde lang. Es ist die hitzigste, bissigste, böseste Debatte dieses Vorwahlkampfes.

Das war zu erwarten. Nicht zu erwarten war aber, dass Bloomberg sich dabei so miserabel schlagen würde: Der 78 Jahre alte Ex-Republikaner wirkt angespannt und arrogant, er verhaspelt sich, seufzt immer wieder laut, beißt die Lippen zusammen, bleibt wichtige Antworten schuldig - und erntet sogar mehrmals laute Buhrufe der 1200 Zuschauer im Saal.

Sexismus und andere Probleme

Bloombergs Schwachstellen sind hinreichend bekannt. Weshalb es umso erstaunlicher ist, dass er so schlecht vorbereitet ist auf das Trommelfeuer, in das er hier stolpert.

  • "Stop and frisk": Die umstrittene, weil rassistische Polizeimethode, die Bloomberg als Bürgermeister durchsetzte, hängt ihm bis heute nach. Millionen Unschuldige wurden damals von Polizisten grundlos angehalten und durchsucht, die allermeisten waren Schwarze und Latinos. Bloomberg entschuldigt sich holprig ("Ich habe um Vergebung gebeten"), verschweigt aber, dass nur ein Gerichtsurteil die Praxis beendete. Weder den Rivalen noch dem Publikum reicht das: "Sie brauchen eine andere Entschuldigung", fährt ihn Elizabeth Warren an.

  • Sexismus: Dutzende Mitarbeiterinnen seines Medienkonzerns beklagten sich über ein sexistisches Arbeitsklima, viele wurden zu Geheimhaltungsabkommen genötigt, à la Donald Trump. Auch hier gibt Bloomberg keine überzeugende Antwort: Er zahle Frauen genauso viel wie Männern, sagt er bissig, als ob das die Vorwürfe entwerte. Als ihn die anderen Kandidaten auffordern, alle Frauen hier, in diesem Moment, vor laufenden TV-Kameras von jeder Geheimhaltung freizustellen, rollt er nur genervt die Augen.

  • Das Geld: Mit einem Vermögen von fast 65 Milliarden Dollar ist Bloomberg der reichste Präsidentschaftsbewerber. Das macht ihn prompt zur Zielscheibe der progressiven Rivalen, allen voran Bernie Sanders. So fragt der Senator ihn, wie viele Villen er denn in welchen "Steueroasen" habe. Bloomberg reagiert pikiert: Er habe sich jeden Dollar mühsam verdient und spende das meiste Geld für gute Zwecke - und die politische Zukunft der Demokraten. Seine Antworten wirken jedoch herablassend, als sei er schon ob der Frage beleidigt.

Ansonsten erstickt diese Debatte oft in unverständlichem Geschrei. Die Kandidaten unterbrechen und übertönen sich, schneiden sich das Wort ab, greifen einander persönlich an. Jeder gegen jeden: Die Stimmung ist so aggressiv wie nie zuvor.

Man merkt, dass es inzwischen ums Ganze geht. Am Samstag finden die nächsten Vorwahlen hier in Nevada statt, eine Woche später in South Carolina und kurz darauf stimmen die 14 Bundesstaaten ab, die beim "Super Tuesday" ein Drittel aller Parteitagsdelegierten bestimmen werden - darunter Kalifornien und Texas, die beiden größten. Wer sich bis dahin nicht behauptet hat, ist endgültig raus.

"Nicht meine Lieblingsnacht"

Wer gewinnt also bei dieser existenziellen Debatte in Las Vegas? Bis auf Bloomberg können sich alle zumindest noch mal profilieren. Sanders, der den Abend mit hochrotem Kopf brüllend verbringt, delektiert seine Fans und dürfte seine Spitzenstellung halten. Elizabeth Warren entpuppt sich als gnadenlose Gegnerin, was ihr neuen Aufschwung gibt. Joe Biden, Amy Klobuchar und Pete Buttigieg halten wacker ihre Stellung, viel nutzen wird ihnen das freilich nicht.

"Nicht meine Lieblingsnacht für die Demokratische Partei", klagt Klobuchar, als sie später im "Spin Room" vor den Journalisten auftritt. Vor allem, weil der größte Sieger dieses Gezeters gar nicht dabei ist - US-Präsident Trump.

Michael Bloomberg schleppt sich hingegen angeschlagen aus dem Ring. Anders als fast alle Konkurrenten dieses Abends meidet er anschließend die Reporter.

Stattdessen redet sein Wahlkampfmanager Kevin Sheekey die Debatte schön. "Du weißt, dass du ein Gewinner bist, wenn dich alle Kandidaten angreifen", schreibt er in einer E-Mail. "Alle wollten Mike zerstören. Es ist nicht passiert."

Zu diesem Zeitpunkt ist Bloomberg längst wieder unterwegs. An diesem Donnerstagmorgen hat er sich in Salt Lake City angekündigt, im 650 Kilometer entfernten Utah - einem der "Super Tuesday"-Staaten. Die neue TV-Werbung läuft bereits.

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