»NYT«-Auswertung von Regierungsdokumenten USA nahmen offenbar systematisch zivile Opfer bei Drohnenkrieg in Kauf

Fehleinschätzungen, übereilte Raketenabschüsse: Vertrauliche Regierungsdokumente belegen laut der »New York Times«, dass das US-Militär bei Luftangriffen im Nahen Osten Tausende Zivilisten tötete. Das Pentagon wiegelt ab.
Zerbombtes Gebäude in der irakischen Stadt Mossul (Archiv)

Zerbombtes Gebäude in der irakischen Stadt Mossul (Archiv)

Foto: ZAID AL-OBEIDI / AFP

Einem Bericht der »New York Times« zufolge haben die USA bei ihrem Drohnenkrieg im Nahen Osten verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung in Kauf genommen. Wie die »NYT« berichtet , widerlegen eine Reihe vertraulicher Regierungsdokumente mit mehr als 1300 Berichten über zivile Opfer die Darstellung der Regierung über einen Krieg mit »Präzisionsschlägen« gegen Dschihadisten. Demnach belegen die Pentagon-Dokumente, dass bei Luftangriffen zahlreiche Fehler gemacht wurden und es Tausende zivile Todesopfer gab.

Anfang 2017 zerstörte demnach ein US-amerikanisches Kampfflugzeug im Irak ein dunkles Fahrzeug, das an einer Kreuzung im Westen der Stadt Mossul gestoppt wurde. Man dachte, darin sei eine Autobombe versteckt, so heißt es dem »NYT«-Bericht zufolge in den geheimen Dokumenten. Doch in dem Auto sei keine Bombe gewesen, sondern ein Mann namens Majid Mahmoud Ahmed, seine Frau und ihre zwei Kinder. Sie und drei andere Zivilisten wurden getötet.

Im November 2015 bombardierte das US-Militär ein Gebäude in der irakischen Stadt Ramadi, nachdem ein Mann beobachtet wurde, der ein »unbekanntes schweres Objekt« in einen »IS-Verteidigungsposten« trug. Es stellte sich heraus, dass das Objekt eine »Person von kleiner Statur« war – ein Kind. Es starb bei dem Angriff.

»Einfache Motorradfahrer« als »in Formation« fahrend identifiziert und als Angriffszeichen fehlinterpretiert

»Der amerikanische Luftkrieg war geprägt von mangelhafter Aufklärung, übereilten und ungenauen Raketenabschüssen und dem Tod Tausender Zivilisten, darunter viele Kinder«, berichtet die Zeitung. Die Transparenzversprechen aus der Zeit von Barack Obama, der als erster US-Präsident Drohnenangriffe bevorzugte, um das Leben von US-Soldaten zu schonen, seien durch »Undurchsichtigkeit und Straffreiheit« ersetzt worden. »Nicht ein einziger Bericht kam zu dem Schluss, dass ein Fehlverhalten vorlag«.

Innerhalb von fünf Jahren hat die US-Armee mehr als 50.000 Luftangriffe im Irak, in Syrien und Afghanistan geflogen. Das Militär gab zu, dass es seit 2014 bei Luftangriffen in Syrien und im Irak versehentlich 1417 Zivilisten getötet hat. In Afghanistan liegt die offizielle Zahl bei 188 seit 2018 getöteten Zivilisten. Die Recherchen der Zeitung zeigten jedoch, dass die vom Pentagon verlautbarten Zahlen »deutlich untertrieben« seien.

Demnach lagen die US-Streitkräfte mit ihren Einschätzungen über Ziele von Luftangriffen häufig daneben. Menschen, die zu einem bombardierten Ort liefen, wurden als Kämpfer der Gruppe »Islamischer Staat« und nicht als Helfer gesehen. »Einfache Motorradfahrer« wurden als »in Formation« fahrend identifiziert, was als »Zeichen« eines bevorstehenden Angriffs interpretiert wurde.

Den offiziellen Pentagon-Dokumenten zufolge machten Fehlidentifizierungen nur vier Prozent der Fälle mit zivilen Opfern aus. Die Recherche der »New York Times« zeigte jedoch, dass es in 17 Prozent der untersuchten Vorfälle Fehler gab und fast ein Drittel der zivilen Toten und Verletzten auf diese zurückging.

Auch kulturelle Ignoranz spielt offenbar eine Rolle. So glaubte das US-Militär, dass in einem Haus, das sie an einem Tag des Fastenmonats Ramadan überwachten, »keine Zivilisten« anwesend waren. Doch es schliefen tagsüber mehrere Familien darin, um sich vor der Hitze zu schützen.

Schlechte Bildqualität oder zu kurze Beobachtungsdauer trugen ebenfalls zu Fehleinschätzungen bei der Überprüfung von Berichten ziviler Opfer bei. Von den 1311 Fällen, die von der »New York Times« untersucht wurden, wurden nur 216 vom Pentagon als »glaubwürdig« eingestuft. Berichte über zivile Opfer wurden demnach zurückgewiesen, weil auf den Videos keine Leichen in den Trümmern zu sehen waren oder weil die Dauer der Aufnahmen angeblich nicht ausreichte, um Schlussfolgerungen zu ziehen.

Ein Sprecher des Zentralkommandos sagte der Zeitung, dass »selbst bei der besten Technologie der Welt Fehler passieren, sei es durch falsche Informationen oder durch eine Fehlinterpretation der verfügbaren Informationen«. Das Militär tue »alles, um Schaden zu vermeiden«. Es untersuche jeden Verdachtsfall. »Wir bedauern jeden Verlust eines unschuldigen Lebens.«

kry/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.