Proteste gegen Polizeigewalt in den USA "Wir schreien seit 400 Jahren gegen eine Wand"

Seit zwei Wochen protestieren Menschen in den USA gegen Polizeigewalt und Rassismus. Fünf Männer und Frauen erzählen hier, was sie antreibt und was sich ändern muss.
Proteste in Detroit: "Niemand muss von einem Polizisten geschlagen werden, um zu verstehen, dass das falsch ist"

Proteste in Detroit: "Niemand muss von einem Polizisten geschlagen werden, um zu verstehen, dass das falsch ist"

Foto: privat

Seit dem 26. Mai protestieren Menschen gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA. Tagszuvor war der 46-jährige Schwarze George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz gestorben. Derek Chauvin, ein weißer Polizist, hatte neun Minuten sein Knie auf den Hals des am Boden liegenden Floyd gedrückt. Angeblich soll er "gefälschte Dokumente" in einem Supermarkt in Minneapolis verwendet haben.

Floyd erstickte.

Inzwischen protestieren Menschen in allen 50 Bundesstaaten der USA. Der SPIEGEL hat mit fünf Demonstrantinnen und Demonstranten darüber gesprochen, warum sie auf die Straße gehen und was ihre Forderungen sind.

Nakia-Renne Wallace, 23, Aktivistin aus Detroit, Michigan

Aktivistin Nakia-Renne Wallace: Als schwarze Frau nirgendwo mit Respekt behandelt

Aktivistin Nakia-Renne Wallace: Als schwarze Frau nirgendwo mit Respekt behandelt

Foto: privat

"Ich gehöre zu den Mitorganisatoren der Märsche in Detroit. Als ich das Video von George Floyds Ermordung sah, saß ich auf dem Sofa zu Hause. Ich schrie auf die Cops in dem Video ein. Ich flehte sie auf meinem Telefon an, dass sie aufhören sollen. Aber die Polizei in den USA schlachtet Schwarze ab und kommt üblicherweise damit davon.

Kurz vor dem Mord an Floyd war ein weiterer Mann getötet worden. Ahmaud Arbery wurde beim Joggen durch seine Nachbarschaft in Georgia erschossen. In einem weiteren Fall rief eine Frau im Central Park in New York vor laufender Handykamera die Polizei an und sagte, ein afroamerikanischer Mann bedrohe sie - obwohl dieser sie lediglich gebeten hatte, ihren Hund anzuleinen. Zudem wurde mit Breonna Taylor eine schwarze Frau bei einer Polizeidurchsuchung in ihrem Haus getötet. All das passierte innerhalb kürzester Zeit. Jetzt ist die Zeit gekommen, um zu kämpfen.

Unsere Stadt ist es gewohnt, gegen Rassismus aufzustehen. Am Mittwoch kamen 5000 Leute zu den Demos. Wenn man einen Marsch organisiert, muss man seine Leute eng zusammenhalten. Man muss Ärzte organisieren und rechtlichen Beistand. Livestreaming ist extrem wichtig, damit die Masse dokumentieren kann, was geschieht. So sorgt man für die eigene Sicherheit.

Ich bin damit groß geworden, dass Cops unsere Gemeindemitglieder attackieren. Als schwarze Frau werde ich in diesem Land nirgendwo mit Respekt behandelt. Nicht wie ein vollständiger Mensch. Wer als Schwarzer über die Straße geht, fühlt sich wie im falschen Land. Die USA fußen auf Rassismus , Segregation und Unterdrückung. Der Präsident geht gegen seine eigenen Bürger vor. Das muss aufhören.

Niemand muss von einem Polizisten geschlagen worden sein, um zu verstehen, wie falsch das ist.

Nakia-Renne Wallace

Fragen Sie mich nicht nach meiner persönlichen Erfahrung mit Rassismus. Wir brauchen keine Anekdoten, um danach beurteilen zu können, wer überhaupt gegen Ungerechtigkeit aufstehen darf. Meine Erfahrungen sind wichtig, aber nicht entscheidend. Niemand muss von einem Polizisten geschlagen worden sein, um zu verstehen, wie falsch das ist."

Jalen Thompson, 17, High-School-Absolvent aus O'Fallon, Missouri

Jalen Thompson: Hat einen eigenen Protest organisiert, es war der erste seines Lebens

Jalen Thompson: Hat einen eigenen Protest organisiert, es war der erste seines Lebens

Foto: Jalen Thompson

"Nachdem meine Freunde und ich die ersten Proteste im Fernsehen gesehen hatten, wollten wir etwas tun. Also posteten wir einen Aufruf zu einer Demo auf Instagram, Facebook, Snapchat und Twitter. Wir dachten, es kommen Leute, die wir kennen, und unsere Eltern. Aber wenig später landete unser Aufruf auf einer Facebook-Seite mit hoher Reichweite. Er wurde hundertfach geteilt. Viele Leute schrieben, was das solle, und dass wir Gewalt in ihre Stadt bringen würden. Mein Vater holte mich dann von der Arbeit ab, obwohl ich sonst immer allein nach Hause fahre. Er sprach mit dem Chef der örtlichen Polizei. Der hat unseren Protest unterstützt.

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Als ich am Sonntag zu der Stelle kam, von der wir loslaufen wollten, merkte ich: Das sind ganz schön viele Leute - am Ende wohl mehr als 1500. In meiner Stadt wurde noch nie in dieser Form gegen Rassismus protestiert. Hier leben vor allem Weiße, auf meine Schule gehen vor allem Weiße, mein Freundeskreis ist größtenteils weiß. Es wird kaum über Rassismus gesprochen. Aber ich spüre ihn. Ich habe zwar weniger die Angst, angegriffen zu werden. Aber ich wurde schon im Auto angehalten, man hat in der Schule vermutet, dass ich jemand anderen bestohlen hätte.

Meine Eltern haben mir beigebracht, wie ich mich verhalten soll, wenn ich Polizisten begegne.

Jalen Thompson

Meine Eltern haben mir beigebracht, wie ich mich verhalten soll, wenn ich Polizisten begegne. Dass ich respektvoll mit ihnen sprechen soll. Dass, wenn sie mich im Auto anhalten, meine Hände jederzeit sichtbar sein sollten. Dass, wenn sie mir sagen, ich solle meine Brieftasche rausholen, ich trotzdem frage: ‚Ich hole jetzt meine Brieftasche heraus, in Ordnung, Officer?‘ Ich lerne das, so wie es jeder junge schwarze Mann in den USA von seinen Eltern lernt. Es war immer Thema bei uns zu Hause, so lange schon, dass ich mich überhaupt nicht mehr dran erinnern kann, seit wann.

Deshalb sind diese Proteste so wichtig. Damit wir darüber sprechen, auch an Orten wie in meiner Stadt."

Doug Pagitt, 56, Pastor aus Minneapolis, Minnesota

Pastor Doug Pagitt: Strukturelle Veränderungen innerhalb der Polizei vorantreiben

Pastor Doug Pagitt: Strukturelle Veränderungen innerhalb der Polizei vorantreiben

"Ich lebe fünf Kilometer von der Stelle entfernt, an der George Floyd getötet wurde. Als ich am Montag dort war, lagen unzählige Blumen auf dem Boden. Menschen malten Kunstwerke auf den Asphalt. Es ist ein richtiger Schrein entstanden. In der Nähe grillten Leute, Musiker spielten, Aktivisten hielten Reden und es gab Helfer, die Wasser verteilten. Fast fühlt es sich an wie bei einem Straßenfest. Aber sehr ehrwürdig und angemessen.

Wir haben wunderbare Gesetze in Minnesota, die trotzdem nicht verhindern, dass das Polizeisystem der Stadt seine Offiziere bei Fehlverhalten schützen kann. Strukturelle Veränderungen müssen dringend her. Das ist jetzt die wichtigste Aufgabe. Gerade an der Todesstelle waren viele Demos sehr intensiv. Ich möchte hier Zeuge sein und verhindern helfen, dass die Polizei zu brutal gegen die Demonstranten vorgeht.

Ich hoffe, dass diese Proteste Millionen Amerikaner noch einmal klar machen, wie unfähig Donald Trump für das Amt des Präsidenten ist.

Doug Pagitt

Präsident Trump hat in der vergangenen Woche in Washington friedlich Demonstrierende aus dem Weg räumen lassen, damit er vor einer Kirche eine Bibel  für die Kameras hochhalten konnte. Es fällt mir schwer auszudrücken, auf wie vielen Ebenen das falsch ist. Ich bin mit dem Bischof der dortigen Diözese befreundet, habe selbst viele Proteste um diese Kirche herum mitorganisiert. Jeder weiß, dass die St. John's Church in Washington nicht für ein politisches Statement des Präsidenten missbraucht werden darf.

Dass er es trotzdem getan hat und eine Bibel dabei hochgehalten hat, war ein wahrer Akt der Verhöhnung. Ich hoffe, dass diese Proteste Millionen Amerikaner noch einmal klarmachen, wie unfähig Donald Trump für das Amt des Präsidenten ist."

Kevin Rawls, 31, Fotograf aus Houston, Texas

Fotograf Kevin Rawls: "Du redest wie ein Weißer, du willst gern dazugehören"

Fotograf Kevin Rawls: "Du redest wie ein Weißer, du willst gern dazugehören"

Foto: @kandidsxkev

"Ich bin in Austin, Texas, aufgewachsen. Ich war in meiner Schulzeit immer der einzige Schwarze in meiner Klasse. Die Schwarzen, die ich kannte, haben mir gesagt: 'Du redest wie ein Weißer, du klingst wie ein Weißer. Du bist nicht schwarz genug.' Und die Weißen sagten mir: 'Du redest wie ein Weißer, du willst gern dazugehören.' Weil jeder, der sich gewählt ausdrücken kann gleichgesetzt wird mit Weißsein. Aber anstatt über den Rassismus, den ich erlebt habe, zu reden, habe ich geschwiegen. Ich habe mit meinem schwarzen Freundeskreis nicht über diese Dinge gesprochen. Wir sagten uns: Wir sind am Leben, wir werden nicht umgebracht.

All das kam zurück, als ich ein Video von den Protesten sah: Darin diskutieren zwei schwarze Männer - einer ist um die 50, der andere ist 31. Der jüngere bringt einen 16-Jährigen ins Bild und sagt zu ihm: 'Du bist 16. Der Typ hier ist 50 - was er damals gemacht hat, um gegen all die Gewalt zu protestieren, hat nichts gebracht. Denn ich bin 31 und wir protestieren immer noch. Also was auch immer wir tun, es funktioniert nicht. Wir brauchen dich und deine Generation – ihr müsst euch eine bessere Antwort überlegen.'

Es macht mich so traurig, dass wir das seit Jahren mit uns herumtragen und erst jetzt zusammenkommen und unsere Geschichten teilen.

Kevin Rawls

Als ich das gesehen habe, musste ich weinen - weil es all die Erfahrungen hochgeholt hat, die ich als junger schwarzer Mann in den USA gemacht habe. Und ich dachte: Jetzt ist die Zeit, darüber zu sprechen. Noch vor einem Monat wäre all das nur eine weitere Geschichte gewesen. Die Leute hätten mich gefragt: 'Warum kommst du jetzt damit um die Ecke?' Aber jetzt ist die Zeit. Also habe ich meine Erfahrungen auf Facebook und Instagram geteilt, und plötzlich schreiben mir Leute: 'Mir geht es genauso.' Und es macht mich so traurig, dass wir das seit Jahren mit uns herumtragen und erst jetzt zusammenkommen und unsere Geschichten teilen.

Wir schreien seit 400 Jahren gegen eine Wand. Am Anfang haben wir nur gepiepst, dann gewimmert. Dann war es ein gedämpftes Sprechen oder Flüstern. Dann haben wir gerufen. Und jetzt schreien wir, so laut wir können. Und ich habe das Gefühl, jetzt endlich ist da nicht mehr nur diese Wand, sondern eine Tür. Und wir öffnen sie nicht einfach nur, sondern wir treten sie ein. Und egal wer da durch die Tür kommt, wird mir zuhören, denn ich habe etwas zu erzählen – ich habe seit sehr langer Zeit etwas zu erzählen.“

Samantha Blakely, 26, Mitarbeiterin bei der NGO Planned Parenthood aus Mobile, Alabama

Gesundheitsmitarbeiterin Samantha Blakely: "Rassismus wird nicht schlimmer, er wird nur gefilmt"

Gesundheitsmitarbeiterin Samantha Blakely: "Rassismus wird nicht schlimmer, er wird nur gefilmt"

"Die Art und Weise, auf die George Floyd zu Tode kam, hat mich völlig geschockt. Ich bin als schwarzes Mädchen im Süden Alabamas  aufgewachsen. Ich war über das Level an Hass nicht überrascht, auch nicht darüber, dass George Floyds Leben entwertet wurde. Aber er flehte auf der Straße um sein Leben und ein Polizist tötete ihn mit dem Gewicht seines Körpers. Wenn der Aufschrei nicht so groß gewesen wäre, wäre auch dieser Polizist davongekommen. Tagelang war ich wie gelähmt.

Rassismus wird nicht schlimmer, er wird heute nur gefilmt - das hat der Schauspieler Will Smith gesagt. Zum ersten Mal auf die Straße ging ich fünf Tage nach dem Mord. Wir waren etwa 600 Menschen in Mobile. 'Ich kann nicht atmen!', 'Genug ist genug!', 'Sagt ihre Namen!', brüllten wir.

Der Rassismus ist so tief im System verankert, dass viele ihn kaum bemerken.

Samantha Blakely

Als kleines Mädchen hörte ich jeden Tag: 'Oh, du bist wirklich smart für eine Schwarze.' 'Du bist aber nett für ein schwarzes Mädchen.' Immer schwang mit, dass Schwarze eigentlich faul und hässlich seien. Meine Reaktion darauf war, dass ich überall glänzen wollte. Erst später wurde mir klar, dass ich nichts dafür kann, dass andere rassistisch waren.

In den USA ist die Ungerechtigkeit ins System geschrieben. Niemand spricht mehr von Segregation, aber die Schwarzen wohnen immer noch auf einer Seite der Stadt, die Weißen auf der anderen. Dort gibt es Gehsteige und Büchereien, während es auf der anderen Seite nur Billigshops gibt. Investoren kaufen zu Spottpreisen schwarze Viertel auf, bauen Appartements, stellen ein Starbucks und ein Yoga-Studio hin und machen viel Geld. Das ist die neue Unterdrückung, anstelle der Sklaverei.

Alles in diesem Land dreht sich darum, Glück zu erreichen – aber nur ein Teil der Gesellschaft hat die Möglichkeit dazu. Dieser Teil will bestimmen, wo schwarze Menschen leben, was sie mit ihrem Körper anstellen - ob Frauen etwa eine Abtreibung bekommen. Sie werfen uns vor, dass wir keinen Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung haben. Wir bekommen keine Jobs, wenn unsere Namen afroamerikanisch klingen. Wer Lachanda statt Jennifer heißt, kann nicht arbeiten. Der Rassismus ist so tief im System verankert, dass viele ihn kaum bemerken."

Anmerkung der Redaktion:  Eine frühere Version dieses Textes enthielt missverständliche Zeitbezüge, wir haben diese Angaben präzisiert.