Dramatische Lieferengpässe US-Regierung richtet Luftbrücke für Babymilch ein

In den USA ist Muttermilchersatz derzeit so knapp, dass Joe Biden zu ungewöhnlichen Mitteln greift. Der Präsident hat ein Gesetz aus dem Kalten Krieg aktiviert.
Die Amerikanerin Ashley Maddox mit ihrem Sohn Cole: Sie hat Säuglingsnahrung über eine Facebook-Gruppe organisiert, »es war ein Wunder«, noch welche aufzutreiben, sagt sie. Hintergrund des Mangels ist der Ausfall einer Fabrik des größten Herstellers von Säuglingsmilchnahrung in den USA.

Die Amerikanerin Ashley Maddox mit ihrem Sohn Cole: Sie hat Säuglingsnahrung über eine Facebook-Gruppe organisiert, »es war ein Wunder«, noch welche aufzutreiben, sagt sie. Hintergrund des Mangels ist der Ausfall einer Fabrik des größten Herstellers von Säuglingsmilchnahrung in den USA.

Foto: Gregory Bull / picture alliance/dpa/AP

Für viele Eltern in den USA ist die Lage beängstigend. In weiten Teilen des Landes fehlt derzeit ein überlebenswichtiges Produkt in den Supermarktregalen: Babymilch. Mit einer Luftbrücke will die US-Regierung nun gegen die dramatischen Lieferengpässe vorgehen.

Um Familien mit Milchpulver versorgen zu können, greift die US-Regierung auf ein Rüstungsgesetz aus dem Kalten Krieg zurück. US-Präsident Joe Biden entschied, das ursprünglich für Kriegszeiten eingeführte Gesetz Defense Production Act anzuwenden, um die Produktion von Babynahrung anzukurbeln, wie das Weiße Haus am Mittwochabend mitteilte. Konkret ordnete Biden an, dass Hersteller von Säuglingsmilchnahrung von Lieferanten bevorzugt vor anderen Kunden mit den nötigen Zutaten versorgt werden.

Das Gesetz erlaubt es US-Präsidenten, im Interesse der nationalen Sicherheit in die Privatwirtschaft einzugreifen. In der Coronapandemie war die Regelung zuletzt bereits zum Einsatz gekommen, um Unternehmen zur verstärkten Herstellung von medizinischen Geräten und Schutzmasken zu verpflichten. Um den Import von Babymilchpulver zu beschleunigen, habe Biden nun außerdem angewiesen, dass Verkehrsflugzeuge des Verteidigungsministeriums genutzt werden könnten, um Säuglingsnahrung aus dem Ausland in die USA zu bringen, hieß es weiter.

Das Verteidigungsministerium »wird seine Verträge mit kommerziellen Frachtfluggesellschaften nutzen, wie es dies in den ersten Monaten der Covid-Pandemie getan hat, um Produkte aus Fabriken im Ausland zu transportieren«, erklärte das Weiße Haus. Die Umgehung der regulären Luftfrachtrouten spare viel Zeit. Dies biete eine kurzfristige Lösung, bis die Hersteller ihre Produktion weiter hochfahren könnten.

Ausfall einer Fabrik ist Auslöser der Krise

Hintergrund des Mangels ist der Ausfall einer Fabrik des größten Herstellers von Säuglingsmilchnahrung in den USA, Abbott. Der Produzent hatte mehrere Produktlinien zurückgerufen, nachdem womöglich wegen bakterieller Verunreinigungen vier Säuglinge erkrankt und zwei gestorben waren. Die Produktion in einem Werk der Firma im Bundesstaat Michigan wurde vorerst komplett gestoppt.

Die dramatischen Engpässe sorgen bei vielen Eltern für Verzweiflung. Berichten zufolge zirkulieren derzeit alte Rezepte zur Herstellung von Muttermilchersatz zu Hause. Laut Google Trends sind die Suchanfragen für derartige Formeln in den vergangenen Tagen um 2400 Prozent angestiegen. Experten warnen jedoch eindringlich davor, selbst Ersatz zu mischen.

Besonders in den ersten Lebensmonaten eines Kindes seien solche Mittel besonders gefährlich. Ihnen fehle es möglicherweise an wichtigen Nährstoffen, auch könnten die Anforderungen der Sterilität zu Hause nur schwer erfüllt werden. Eine dauerhafte Ernährung mit hausgemachtem Ersatz könne zu schwerer Unterernährung und zum Tod führen, warnt Steven Abrams, ehemaliger Vorsitzender des Ernährungsausschusses der American Academy of Paediatrics, in der BBC .

Europäische Hersteller kündigen außergewöhnliche Lieferungen an

Am Montag hatte die US-Regierung angekündigt, wegen der Engpässe mehr Importe von Babymilchpulver zuzulassen. Die führenden europäischen Hersteller Reckitt Benckiser und Nestlé hatten am Dienstag bekannt gegeben, mehr Babynahrung als gewöhnlich in die USA zu exportieren.

Die US-Arzneimittelbehörde FDA einigte sich eigenen Angaben zufolge auch mit Abbott auf diverse Vorkehrungen, um die betroffene Fabrik wiederzueröffnen. Bis die Produktion dort aber wieder angelaufen sei und Säuglingsmilchnahrung in den Handel ausgeliefert werden könne, werde es mehrere Wochen dauern, teilte das Unternehmen mit.

asc/dpa/afp/Reuters
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