Bernie Sanders im US-Wahlkampf Der Geheimfavorit

Im Herbst galt der linke Senator Sanders im Rennen um die Kandidatur der Demokraten als abgeschrieben - jetzt ist er zurück und gilt als besonders chancenreich. Kann er seine parteiinternen Rivalen schlagen?
Aus Washington berichtet Roland Nelles
Bernie Sanders auf einer Veranstaltung in Iowa City

Bernie Sanders auf einer Veranstaltung in Iowa City

Foto: SCOTT MORGAN/ REUTERS

Bernie Sanders hat einen Doppelgänger. In der Comedyshow "Saturday Night Live" verkörpert Larry David den Senator aus Vermont als humorlosen Senior, der immer die gleichen Sätze sagt und durch Ungeschicklichkeiten schwarze Wähler vergrault. 

So richtig Lust habe er auf die Bernie-Rolle eigentlich nicht, meint Larry David. Zu viel Stress, zu viel Fliegerei. Aber jetzt müsse er sie vielleicht viele Jahre lang spielen, weil Sanders Präsident werden könnte. "Das wird für mich schrecklich."

Tatsächlich ist Bernie Sanders im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten momentan so etwas wie der neue Geheimfavorit. In gut zwei Wochen beginnen die Vorwahlen mit dem ersten Test in Iowa, und in den USA wächst die Zahl derjenigen, die einen Sieg des 78 Jahre alten Politveteranen durchaus für möglich halten. 

"Natürlich kann Bernie gewinnen", titelte unlängst die "New York Times" auf ihren Meinungsseiten. Und die "Washington Post" orakelte, Bernie Sanders könnte sich schon bald vom Feld der übrigen Kandidaten absetzen. 

Wirklich? Bernie Sanders? 

Noch im Herbst schien es so, als wäre Sanders' politische Karriere bald beendet. Da musste er sich nach einem Herzinfarkt operieren lassen, er verabschiedete sich für mehrere Tage aus dem Rennen. Andere Bewerber rückten in den Mittelpunkt, Elizabeth Warren, Pete Buttigieg, Joe Biden. Nun erlebt der Altlinke ein Comeback. Zwar sind politische Prognosen im US-Wahlkampf mit Vorsicht zu genießen. Doch einige Trends machen seinen Fans Hoffnung - und erschrecken seine Gegner.

In den Umfragen holt Sanders auf, in Iowa sah ihn eine Erhebung gar in Führung. In den vergangenen drei Monaten hat er mehr als 34 Millionen Dollar Wahlkampfspenden eingesammelt, das sind etliche Millionen mehr, als viele der anderen Kandidaten auf ihren Konten verbuchen konnten. Damit finanziert Sanders eine gut geölte Wahlkampfmaschine, die bei Twitter, Instagram und Facebook die immer gleiche Botschaft verbreitet: "Bernie ist der einzige Kandidat, der wirklich in der Lage wäre, Donald Trump zu schlagen."

Sanders hofft, bei den ersten beiden Vorwahlen der Demokraten in Iowa (3. Februar) und New Hampshire (11. Februar) gleich in Führung zu gehen. Diese Siege sollen ihm den nötigen Auftrieb geben, um bei den folgenden Entscheidungen in South Carolina und Nevada ebenfalls gut abzuschneiden. So will er dann beim Super Tuesday am 3. März auch den ersten Hauptpreis einheimsen, Kalifornien.

Zur Erinnerung: Die Nominierung der Demokraten gewinnt, wer bei den Vorwahlen in den Bundesstaaten die meisten Delegiertenstimmen für den Parteitag im Sommer einsammelt. In Kalifornien stehen allein 415 der knapp 4000 Stimmen zur Verteilung an.

Die Entschiedenheit hat Methode

Sanders' Vorteil: Der Politveteran, der bei den letzten Vorwahlen 2016 knapp seiner Konkurrentin Hillary Clinton unterlag, verfügt bei den Demokraten über eine solide Unterstützerbasis. Seine Fangruppe ist bunt gemischt, viele junge Wähler stehen hinter ihm, ebenso wie Alte und Wähler aus unteren und mittleren Einkommensgruppen. Auch linke Stars wie die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez machen für ihn Wahlkampf.

Seine Fans halten Sanders für authentisch und prinzipienfest. Seit vielen Jahrzehnten vertritt er im US-Senat die immer gleichen Positionen. Er lehnt militärische Einsätze der USA im Ausland weitgehend ab, er tritt für eine staatlich verordnete Krankenversicherung für alle Amerikaner ein, er will Studiengebühren abschaffen und die großen Konzerne stärker besteuern.

Sanders' Programm ist Kapitalismuskritik pur. Die Banker an der Wall Street und alle anderen Millionäre sind für ihn Feindbild Nummer eins. Trump wirft er vor, ein Präsident der Reichen zu sein, der nur so tue, als setze er sich für die einfache Bevölkerung ein. "In Wahrheit hilft Trump mit seiner Politik der Klasse der gierigen Milliardäre", sagt Sanders.

Die Entschiedenheit hat Methode. Sanders ist davon überzeugt, dass der Präsident nur mit einer klaren, linken Agenda bezwungen werden kann. Trump habe es geschafft, eine eigene Massenbewegung zu gründen, deshalb könne er auch nur mit einer hoch motivierten, enthusiastischen Gegenbewegung gestoppt werden, meint Sanders. Anders formuliert könnte man auch sagen, Sanders will Trumps rechten Populismus mit einem eigenen, linken Populismus bezwingen.

Kein Wunder, dass die demokratischen Konkurrenten Sanders immer misstrauischer beäugen. Vor allem Elizabeth Warren, die ebenfalls eine linke Agenda vertritt und um die gleichen Wähler buhlt, sieht Sanders als Rivalen. So ist auch zu erklären, warum die beiden jüngst in einen heftigen Streit gerieten. Aus dem Warren-Lager wird Sanders vorgeworfen, er sei frauenfeindlich und habe 2018 erklärt, eine Frau könne gegen Trump nicht gewinnen. Sanders bestreitet dies.

Joe Biden, der als Favorit der eher moderaten Demokraten und auch der schwarzen Wähler gilt, setzt derweil auf eine Abgrenzungstaktik. Er hält Sanders vor, zu weit links zu stehen und Wähler der Mitte zu vergraulen. "Ich liebe Bernie. Aber ich bin kein Bernie Sanders", sagt Biden. 

Im Weißen Haus beobachtet Donald Trump den Aufstieg des Altlinken sehr genau. Sollte am Ende Sanders sein Gegenspieler werden, wird Trump dies nutzen, um vor einer Übernahme Amerikas durch "linke Spinner" und "Sozialisten" zu warnen.

Vorsorglich hat Trump für Bernie Sanders auch schon einen Twitter-Spitznamen parat: "Crazy Bernie" - "Verrückter Bernie".