Foto:

Edel Rodriguez/ DER SPIEGEL

René Pfister

Die Lage: USA 2020 Melanias Weichspülprogramm

René Pfister
Von René Pfister, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute beschäftigen wir uns mit der Frage, ob Melania Trump ihren Mann stützen oder stürzen will. Und warum die Eltern in den USA so stoisch den Schulausfall ihrer Kinder ertragen.

First Lady Melania Trump: "Wir sollten niemals Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe beurteilen."

First Lady Melania Trump: "Wir sollten niemals Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe beurteilen."

Foto: BRENDAN SMIALOWSKI / AFP

War das nun ein Akt der Emanzipation? Oder doch nur ein geschicktes Wahlkampfmanöver? Als Melania Trump am Dienstagabend in den Rosengarten des Weißen Hauses trat, holte sie erst einmal tief Luft und begann erst dann ihre Rede. Sie tat etwas, was ihr Mann und auch dessen Söhne vorher nicht geschafft hatten: Sie sprach von dem Leid, das die Corona-Pandemie über die USA gebracht hat und von den vielen betroffenen Familien, für die sie tiefes Mitgefühl empfinde. Sie sprach auch von dem Rassismus, der in den USA grassiere. Sie sagte: "Wir sollten niemals Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe beurteilen." Und sie rief als First Lady dazu auf, dass die Bürger der USA trotz allen politischen Streits endlich wieder zusammenfinden sollten.

Am Ende der Rede rieb man sich die Augen und fragte sich: Ist das jene Melania Trump, die mit einem Mann verheiratet ist, der die Coronakrise so schlampig managt, dass inzwischen fast 180.000 Amerikaner den Tod fanden? Ist das die Frau, deren Gatte einst Wahlkampf führte, in dem er offen infrage stellte, ob der erste schwarze Präsident überhaupt in den USA geboren sei? Und der das Land mit seinen Tweets und seinen Reden auseinandergetrieben hat wie wahrscheinlich keiner seiner Vorgänger?

Nach der Rede Melanias berichteten amerikanische Fernsehsender, die First Lady habe die Ansprache mit ihrem Büro eigenständig verfasst und nicht vorab ihrem Mann vorgelegt. Das mag stimmen oder nicht. Es war auf jeden Fall, soviel lässt sich sagen, eine bemerkenswerte Rede. Die allerdings, hätte Melania Trump ihre Worte wirklich ernst genommen, mit dem Satz hätte enden müssen: "Und deswegen dürfen Sie, liebe Mitbürger, bei der Wahl am 3. November niemals für meinen Mann stimmen." Aber das sagte sie natürlich nicht.

Trump will schwarze Wähler gewinnen

Dennoch war der zweite Tag der republikanischen Convention ganz erkennbar von dem Bemühen geprägt, dem Präsidenten ein neues, weicheres Image zu verpassen. Offenkundig ist Trumps Strategen klar geworden, dass es nicht genügen wird, wenn der Präsident allein seine weiße Basis mobilisiert. Deshalb präsentierte sich der Mann, dessen zentrales Wahlkampfversprechen es einst war, eine Mauer an der Südgrenze der USA zu bauen und der Mexikaner als Verbrecher und Vergewaltiger beschimpft hatte, plötzlich als verständnisvoller Landesvater, der sich um alle Bürger kümmert, egal welcher Hautfarbe.

Am Dienstag begnadigte der Präsident im Weißen Haus Jon Ponder, der wegen Bankraubes verurteilt worden war und der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis eine Organisation gründete, die ehemaligen Häftlingen hilft, wieder zurück ins normale Leben zu finden. Außerdem überreichte er in einer Zeremonie im Weißen Haus fünf Einwanderern die Einbürgerungsurkunde, darunter einer Tierärztin aus dem Sudan und einem Unternehmer aus Bolivien.

Ob es Trump helfen wird, ist mehr als ungewiss: Derzeit würden 80 Prozent der schwarzen Wähler ihre Stimme eher dem Demokraten Joe Biden als Trump geben, und auch bei den Latinos hat der ehemalige Vizepräsident die Nase deutlich vorne. Dennoch räumten selbst eingefleischte Demokraten ein, dass der zweite Tag des Parteitags deutlich besser für Trump gelaufen sei als der erste, der sich im Wesentlichen in endlosen und schrillen Attacken gegen Biden erschöpft hatte. "Es mag zynisches Kalkül sein", sagte Barack Obamas früherer Chefstratege David Axelrod. "Aber man muss zugeben: Es war gutes Fernsehen."

Was passiert auf Social Media?

Rednerin Guilfoyle: "High-Volume Trumpism"

Rednerin Guilfoyle: "High-Volume Trumpism"

Foto: Susan Walsh / dpa

Den wuchtigsten Auftritt auf dem republikanischen Parteitag hatte bisher zweifellos Kimberly Guilfoyle, Freundin von Donald Trump Jr., dem ältesten Sohn des Präsidenten. Sie trat am Montagabend ans Pult und - man kann es nicht anders sagen - schrie ihre Rede  ins Mikrofon. Ein Scherzbold schrieb danach auf Twitter: "Ich habe die Rede von Kim Guilfoyle gehört - und mein Fernseher war nicht einmal an."

Die Zeitschrift "New Yorker" erblickte in der Rede ein ganz neues Genre: "High-Volume Trumpism" . Und tatsächlich wirkte es so, als wollte Guilfoyle durch die schiere Kraft ihrer Stimme die Amerikaner an die Wahlurne brüllen. Der Auftritt litt freilich etwas darunter, dass die Kamera nach dem furiosen Ende der Rede - "The! best!! is!!!" yet!!!! to!!!!! come!!!!!!" - von der Rednerin wegzoomte, hinein in ein vollkommen leeres Auditorium - was unwillkürlich die Frage aufwarf, warum sich Guilfoyle nicht einfach auf ihr Mikrofon verlassen hat.

Was wichtig wird

Über das Schicksal von Trump wird zweifellos auch die Frage entscheiden, wie amerikanische Eltern darüber denken, dass in weiten Teilen des Landes auch im Herbst die Schulen geschlossen bleiben. Trump hat sich als Präsident zum Vorkämpfer für die Rückkehr zum Regelbetrieb gemacht, aber zumindest bisher trifft er damit eher nicht die Stimmung im Volk. Laut einer Umfrage der "Washington Post" sprechen sich nur 16 Prozent der Amerikaner dafür aus, ihre Kinder wieder Vollzeit in die Schule zu schicken. 39 Prozent wünschen sich reinen Digitalunterricht, 44 Prozent ein gemischtes Modell aus Präsenzunterricht und virtuellem Lernen. Es sind Zahlen, das muss ich gestehen, die mich etwas ratlos zurücklassen. Natürlich ist es gefährlich, Schulen in Staaten wie Georgia oder Arkansas aufzumachen, wo die Pandemie noch immer wütet. Aber in Washington DC, wo ich mit meiner Familie lebe, ist das Virus zumindest leidlich eingehegt, und das gilt auch für die meisten Staaten im Nordosten der USA.

Schüler beim Üben von Abstandsregeln in einer Grundschule in Arizona

Schüler beim Üben von Abstandsregeln in einer Grundschule in Arizona

Foto: CHENEY ORR / REUTERS

Dennoch erhob sich kaum Kritik, als die Washingtoner Bürgermeisterin Muriel Bowser vor Kurzem ankündigte, dass der Unterricht noch mindestens bis November nur digital stattfinden wird. Woran das liegt? Ich kann es mir nur damit erklären, dass die meisten Amerikaner stolze Helikoptereltern sind. Vor drei Wochen erschien in der "New York Times" ein Artikel mit der Überschrift: "Risiken für ihre Kinder, die sie im Pandemie-Sommer nicht vergessen sollten". Zu diesen Risiken gehörten unter anderem: Fahrradfahren, Trampolinspringen, Sonnenbrand. Nach der Lektüre war mir klar, warum amerikanische Spielplätze abgesichert sind wie Freiluft-Gummizellen. Auf die Stimmen genervter Eltern jedenfalls sollte Trump bei der Wahl nicht hoffen.

Unsere US-Storys der Woche

Diese beiden Geschichten von unserem US-Wahlkampfteam der letzten Tage möchte ich Ihnen ans Herz legen:

  • Mein Kollege Roland Nelles beschreibt das Drama  in der Familie der Trump-Beraterin Kellyanne Conway

  • Zusammen mit meinen Kollegen Ralf Neukirch und Ines Zoettl habe ich beschrieben, wie Trump versucht, den Boden für einen Wahlbetrug  bei der Präsidentschaftswahl am 3. November zu legen

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzlich,

Ihr René Pfister

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.