Zum Tod des ehemaligen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing  Aristokrat und Modernisierer

Valéry Giscard d'Estaing modernisierte Frankreich und kämpfte sein Leben lang für ein einiges Europa. Nun ist er im Alter von 94 Jahren an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben.
Von Britta Sandberg, Paris
Der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing 2011 in seiner Wohnung in Paris

Der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing 2011 in seiner Wohnung in Paris

Foto: Benoit Tessier / REUTERS

Einer seiner letzten öffentlichen Auftritte galt einem anderen französischen Präsidenten: Im September vergangenen Jahres war Valéry Giscard d'Estaing einer der vielen prominenten Besucher des Trauergottesdienstes für den verstorbenen Jacques Chirac. In der Pariser Kirche Saint-Sulpice stand er in einer der ersten Reihen – kahlköpfig, wie er es schon seit Langem war und für 93 Jahre noch erstaunlich aufrecht. Chirac war Premierminister unter Giscard gewesen, die beiden Männer mochten sich nie wirklich, aber nun war er gekommen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. 

Vor Beginn der Messe begrüßte ihn der amtierende Präsident Emmanuel Macron, Giscard schaute ihm lange etwas staunend nach, diesem ersten Präsidenten, der mit 39 Jahren zum Zeitpunkt seiner Wahl jünger als er selbst war, als er in den Élysée-Palast einzog. Macron war auch der einzige Präsident, den Giscard je öffentlich gelobt hat. Weil er die Verantwortung für das europäische Erbe übernommen und ein wirkliches europäisches Projekt habe, so sagte er es nach seiner Wahl im Mai 2017. 

Am Mittwoch, dem 2. Dezember, ist Valéry Giscard d'Estaing nun 94-jährig auf seinem Anwesen in Authon im Départment Loir-et-Cher gestorben, umgeben von seiner Familie, so berichten es die Pariser Nachrichtenagenturen. Er erlag den Folgen einer Covid 19-Erkrankung. Seit November war der ehemalige Präsident mehrmals im Krankenhaus von Tours wegen Herzproblemen behandelt worden. Schon Mitte September wurde Giscard d'Estaing mit Atembeschwerden in das Pariser Krankenhaus Georges Pompidou eingeliefert. Pariser Zeitungen berichteten damals, der ehemalige Präsident leide an einer Lungenentzündung.

Noch am Abend gedenken Abgeordnete in der Assemblée Nationale des ehemaligen Präsidenten mit einer Schweigeminute. Im Senat würdigt Kulturministerin Roselyne Bachelot ihn in einer kurzen Rede als Autor zahlreicher Reformen, die die französische Gesellschaft bis heute prägen. Die Anwesenden applaudieren.

Präsident Emmanuel Macron verschickt noch in der Nacht ein zwei Seiten langes Kommuniqué. Macron nennt den Verstorbenen darin einen »unermüdlichen Diener des Staates«, dessen Amtszeit Frankreich zu einem anderen Land gemacht habe: »Die Neuorientierungen, die er vorgab, leiten unsere Schritte noch heute. Valéry Giscard d'Estaing setzte sich 65 Jahre lang für die Interessen unserer Nation ein, auf allen Ebenen.« Das Ehepaar Macron hatte den ehemaligen Präsidenten noch im Herbst 2019 zu einem privaten Abendessen getroffen. Premierminister Jean Castex würdigte Giscard d'Estaing am Morgen als »einen Mann des Fortschritts und der Freiheit«.

Den ersten Deutschen hat er durch das Zielrohr eines Panzers gesehen

Geboren wurde Valéry Giscard d'Estaing, dessen Namen die Franzosen später mit VGE abkürzen werden, am 2. Februar 1926 in Koblenz, wo sein Vater als Finanzdirektor des französischen Militärs im damals von Frankreich besetzten Teil Deutschlands arbeitet. Kurz nach seiner Geburt zieht die großbürgerliche, aristokratische Familie wieder nach Paris zurück, wo Giscard d'Estaing aufwächst. Er ist 18 Jahre alt, als im August 1944 Paris befreit wird; in der Endphase des Zweiten Weltkriegs wird er Soldat und noch im April 1945 zum Brigadier ernannt. Später wird er einmal sagen, er habe den ersten Deutschen durch das Zielfernrohr eines Panzers gesehen. 

Fotostrecke

Vom Aristokrat zum Reformer

Foto: - / AFP

Nach dem Krieg absolviert er die Verwaltungshochschule ENA und wird Finanzinspektor, bevor er in die Politik geht: 1956 zieht er als Abgeordneter für die damalige rechtsliberale Partei CNIP in die Nationalversammlung ein, 1962 wird er Wirtschaftsminister unter Präsident Charles de Gaulle. Er verantwortet die Umstellung auf den »Nouveau Franc«, die Währungsreform bringt Frankreich auf Wachstumskurs. 1965 erreicht der Staatshaushalt zum ersten Mal seit dem Krieg einen Überschuss. 

Ein neuer politischer Stil: Der Präsident lädt Müllkehrer zum Frühstück ins Élysée

Nach dem Rücktritt de Gaulles im Jahr 1969 unterstützt er den Kandidaten Georges Pompidou. Inzwischen hatte er seine eigene Bewegung gegründet: die »Républicains Indépendants«, die unabhängigen Republikaner. Unter Pompidou wird er erneut Wirtschaftsminister. 1974 dann kandidiert er nach dessen Tod bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen und gewinnt sie im zweiten Wahlgang mit einem hauchdünnen Vorsprung vor dem Sozialisten François Mitterrand

Valéry Giscard d'Estaing, Kind des Großbürgertums, stand damals für einen Stilwechsel in der französischen Politik, das hatte sich schon im Wahlkampf angedeutet. Da stellte er sich neben seiner 13-jährigen Tochter den Fotografen, ließ sein Profil nach amerikanischem Vorbild auf T-Shirts drucken und sich von Prominenten wie Charles Aznavour und Alain Delon unterstützen. 

Auch als Präsident gibt er gern Interviews im Pullover statt im Anzug, bittet demonstrativ Pariser Müllkehrer zum Frühstück ins Élysée und lädt sich regelmäßig zu Abendessen bei »normalen Franzosen« ein – ein Aristokrat, der volksnah sein und das Land verjüngen wollte. Selbst die republikanischen Garden bekommen unter Giscard neue, weniger lange Stiefel und der Schriftzug der offiziellen Einladungen des Élysée, der noch aus der Dritten Republik stammt, wird erneuert.

Der Aristokrat wird zum Reformer

Entscheidender sind die gesellschaftlichen Reformen, die der Präsident angeht: Unter ihm wird das Alter der Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre gesenkt und in einem nach der Politikerin und Frauenrechtlerin Simone Veil benannten Gesetz die Abtreibung für straffrei erklärt. Außerdem lässt er gesetzlich verankern, dass sich Eheleute einvernehmlich scheiden lassen können. Wirtschaftlich setzt der neue Präsident auf Modernisierung und treibt sowohl den Ausbau des Hochgeschwindigkeitszuges TGV wie der Atomenergie voran. 

Schmidt und Giscard bei einem Treffen 1977: Aus der Arbeitsbeziehung entsteht eine Freundschaft

Schmidt und Giscard bei einem Treffen 1977: Aus der Arbeitsbeziehung entsteht eine Freundschaft

Foto: ARCHIVES/ AFP

Giscards Präsidentschaft geht aber auch einher mit dem Ende der sogenannten Trente glorieuses in Frankreich, den glorreichen 30 Jahren von 1945 bis 1975, in denen die Wirtschaft unaufhörlich wuchs und das Bruttosozialprodukt jährlich um sechs Prozent stieg. Die Ölkrise stoppt dieses Wachstum, 1975 erreicht die Zahl der Arbeitslosen erstmals die symbolische Millionengrenze. 

Mit dem deutschen Kanzler Helmut Schmidt verbindet ihn eine hervorragende Arbeitsbeziehung und später eine Freundschaft, die weit über die Zeit seiner Präsidentschaft hinausgehen wird. Der deutsche Sozialdemokrat und der französische Rechtsliberale sind sich in vielen europäischen Fragen überraschend einig. Gemeinsam prägen sie Europa in diesen Jahren: Auf ihre Initiative hin entstanden der Europäische Rat und ein Vorläufer der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Beide sprechen mindestens einmal pro Woche miteinander. (Lesen Sie hier ein SPIEGEL-Gespräch mit den beiden.)

Zum Verhängnis wird Giscard d'Estaing die sogenannte Bokassa-Affäre. Im Oktober 1979 veröffentlicht das Pariser Enthüllungsblatt »Le Canard Enchaîné« einen Artikel, in dem der Präsident beschuldigt wird, vom afrikanischen Diktator Jean-Bedel Bokassa in seiner Zeit als Wirtschaftsminister Diamanten im Wert von einer Million entgegengenommen zu haben. Recherchen ergeben später, dass der Wert des Geschenks wohl weit unter der genannten Summe lag. Giscard d'Estaing verweigert lange eine Aufklärung der Affäre und reagiert mit befremdlicher Arroganz auf die Vorwürfe. Er verspielt damit viele Sympathien bei den Franzosen. 

Bei den Präsidentschaftswahlen 1981 gewinnt François Mitterrand. Giscard d'Estaing geht in ein griechisches Kloster, um die Niederlage zu verarbeiten. Als überzeugter Europäer bleibt er aber politisch aktiv. 1989 zieht er ins Europäische Parlament ein, als Präsident des Europäischen Konvents legt er 2003 den Entwurf einer Europäischen Verfassung vor. Zwei Jahre später scheitert der Entwurf bei einem Referendum an der Ablehnung der Franzosen und Niederländer. 

Entscheidende Verdienste um Europa

Nachdem er sich aus der Politik zurückgezogen hat, verfasst Giscard d'Estaing mehrere Romane, darunter ein eher kurioses Werk mit dem Titel »Die Prinzessin und der Präsident«, in dem er eine Affäre mit Prinzessin Diana andeutet. Später wird er zugeben, diese Liaison habe er frei erfunden. 

Im Mai dieses Jahres leiten die französischen Behörden ein Ermittlungsverfahren gegen den Ex-Präsidenten wegen sexueller Belästigung ein. Die WDR-Journalistin Ann-Kathrin Stracke hatte Vorwürfe erhoben, er habe sie nach einem Interview mehrmals am Po berührt. Giscard d'Estaing bezeichnet die Anschuldigungen der Journalistin als grotesk. 

Mit dem Tod von Valéry Giscard d'Estaing leben nun nur noch zwei der sieben ehemaligen Staatspräsidenten der Fünften Französischen Republik: Nicolas Sarkozy und François Hollande. Sarkozy würdigte Giscard d'Estaing als einer der Ersten kurz nach der Todesnachricht als »einen Mann, für den ich eine tiefe Bewunderung empfunden habe. Es war immer ein Vergnügen, mit ihm zu debattieren«. Sein Tod erfülle ihn mit unendlicher Traurigkeit.

Giscard d'Estaings Verdienste um Frankreich bleiben: Er war es, der katholische Aristokrat, der nach den Protesten von 1968 entscheidende gesellschaftspolitische Reformen auf den Weg brachte und das Land und seine Wirtschaft modernisierte. 60 Prozent aller Franzosen, so ergab es eine Umfrage vor wenigen Jahren, bewerten seine Präsidentschaft positiv. Mit ihm stirbt ein überlebensgroßer Europäer, einer, der es ernst meinte mit dem Zusammenwachsen dieses Kontinents.

Seinen Kampf um Europa würdigte unter anderem der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau, als Giscard d'Estaing 2003 in Aachen der Karlspreis verliehen wurde. Viele der großen Projekte der europäischen Integration, so Rau, gäbe es ohne seine Impulse und Beiträge nicht. Jean Monnet, einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft, hatte ihm zuvor schon in einem Gespräch gesagt: »Die Schaffung des Europäischen Rates, die Ihr Werk ist, ist die wichtigste Entscheidung auf dem Weg zur Einheit Europas seit der Unterzeichnung des Vertrages von Rom

Gemäß seinem Willen wird Giscard d'Estaing im engsten Kreis seiner Familie bestattet werden. Es wird also kein großes Staatsbegräbnis geben, wie noch im September für den anderen ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac.