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Prozess in Avignon Videos der Vergewaltigungen sollen doch öffentlich gezeigt werden – Gericht revidiert Entscheidung

Im Vergewaltigungsprozess von Avignon sollten Fotos und Videos der Taten nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt werden. Klägerin Gisèle Pelicot will, dass alle die Aufnahmen sehen. Dem folgt das Gericht nun.
Gisèle Pelicot vor Gericht in Avignon

Gisèle Pelicot vor Gericht in Avignon

Foto:

Miguel Medina / AFP

Vergewaltigungsopfer Gisèle Pelicot hat sich in Frankreich juristisch durchgesetzt. In dem Gerichtsverfahren gegen ihren Ex-Mann und 50 weitere mutmaßliche Täter sollen Journalisten und Prozessbesucher die Fotos und Videos der Gewaltakte nun doch zu sehen bekommen. Dies sei ein »Sieg«, sagten die Anwälte der 72 Jahre alten Pelicot im südfranzösischen Avignon.

Der Vorsitzende Richter Roger Arata hatte eine frühere Entscheidung rückgängig gemacht. Allerdings sollten die Fotos und Videos nur dann gezeigt werden, »wenn es der Wahrheitsfindung diene«, sagte Arata.

Pelicots Anwälte begrüßten die Entscheidung. »Die öffentlichen Debatten können dazu beitragen, dass andere Frauen nicht in die Situation geraten«, sagte Anwalt Stéphane Babonneau. Mehrere Anwälte der Angeklagten hatten sich gegen die Anwesenheit von Zuschauern und Journalisten ausgesprochen. »Was soll es nützen, diese Abscheu auslösenden Filme zu zeigen?« fragte der Anwalt Olivier Lantelme.

Demonstration in Paris: Unterstützung für Gisèle Pelicot

Demonstration in Paris: Unterstützung für Gisèle Pelicot

Foto: Mohamad Salaheldin Abdelg Alsayed / Anadolu / Getty Images

Fremde an Vergewaltigungen beteiligt

Dominique Pelicot, Ex-Mann der Klägerin, hatte gestanden, seine Frau über Jahre hinweg immer wieder mit Schlafmitteln betäubt und vergewaltigt zu haben. In mindestens 92 Fällen waren auch fremde Männer beteiligt, die Dominique Pelicot in Internetforen kontaktiert hatte. Den Angeklagten drohen Haftstrafen von bis zu 20 Jahren.

Im September waren vor Gericht erstmals mehrere Fotos und Videos gezeigt worden, die Dominique Pelicot selbst von den Taten angefertigt hatte. Auf seiner Festplatte fand sich ein Ordner »Missbrauch« mit zahlreichen Unterordnern, die mit den Pseudonymen der anderen Männer beschriftet waren. Beim ersten Mal mussten die Zuschauer den Saal verlassen, Journalisten konnten bleiben. Später entschied der Vorsitzende Richter, dass auch die Journalisten die Bilder nicht sehen sollten. Dagegen hatten die Anwälte sowohl von Gisèle als auch von Dominique Pelicot protestiert.

Angeklagte wehren sich

Gisèle Pelicot hatte sich von Beginn an dafür eingesetzt, dass der Prozess nicht, wie ursprünglich vorgesehen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. »Die Scham muss die Seite wechseln«, sagte sie. Sie wird dafür regelmäßig auf dem Weg vom und zum Gerichtsaal mit Beifall bedacht.

In den vergangenen Prozesstagen hatten mehrere der Angeklagten den Vorwurf der Vergewaltigung zurückgewiesen. Manche erklärten, dass sie den Eindruck gehabt hätten, die Frau stelle sich bloß schlafend. Ein anderer bezeichnet sich selbst als »Opfer« von Dominique Pelicot und betonte, aus Angst vor ihm gehandelt zu haben. Ein weiterer Angeklagter mutmaßte, dass ihm ebenfalls Drogen eingeflößt worden seien, da er sich an nichts mehr erinnern könne. Dominique Pelicot hingegen sagte mehrfach: »Sie wussten alle Bescheid.«

Warum die Videos der Taten öffentlich gezeigt werden sollten, legt Frankreich-Korrespondentin Britta Sandberg hier im SPIEGEL-Leitartikel  dar.

ptz/AFP