Corona-Vorbild Vietnam Entwicklungshilfe aus Hanoi

Vietnam hat die Pandemie bislang gut im Griff. Als solidarische Geste will nun eine Gruppe engagierter Bürger Masken an Deutschland spenden - doch sie stoßen auf Hürden.
Rollerfahrer mit Atemschutz in der vietnamesischen Provinz Hai Duong: Social Distancing ist im Feierabendverkehr kaum möglich

Rollerfahrer mit Atemschutz in der vietnamesischen Provinz Hai Duong: Social Distancing ist im Feierabendverkehr kaum möglich

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Kham/ REUTERS

Es ist eine eher ungewöhnliche Geste der humanitären Unterstützung. Ja, richtig, sagt Nguyen Phuc Hien, er wolle Hilfsgüter von einem eher armen Land in ein sehr reiches Land schaffen. Tausende Atemschutzmasken hat seine Gruppe engagierter vietnamesischer Bürger gekauft. Hien erklärt: "Meine Idee entsprang meinem Herz für Deutschland, weil euer Land gegen die tödliche Pandemie ankämpft, während Vietnam sie erfolgreich unter Kontrolle gebracht hat." Er habe einfach etwas für die Deutschen tun wollen. Deshalb wollten sie Masken schicken.

Corona wirft weltweit die Verhältnisse um. So kommt es, dass Menschen aus einem Partnerland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit nun ihrerseits Deutschland mit Gütern versorgen, die deutsche Firmen bislang aus eigener Kraft nicht ausreichend bereitstellen können. Es sollte ein kleiner Akt internationaler Solidarität sein in einer Zeit, in der Regierungen auf dem Weltmarkt um Masken kämpfen .

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Tatsächlich kann man in Vietnam auf den Gedanken kommen, dass medizinische Schutzkleidung hierzulande dringender benötigt wird. Denn der kommunistische Einparteienstaat hat Covid-19 besser eingedämmt als andere Länder.

Vietnam verzeichnet bisher keinen Covid-19-Toten

Obwohl Vietnam schon am 23. Januar seine ersten beiden Fälle registrierte, steht die Zahl der Infektionen heute nach offiziellen Angaben bei nur 270. In den vergangenen zwölf Tagen kamen gerade mal zwei neue hinzu, 222 Patienten wurden als geheilt entlassen. Todesfälle verzeichnet die offizielle Statistik bisher nicht. Dass die Regierung den am 1. April verhängten Lockdown in der vergangenen Woche deutlich gelockert hat, spricht für ihre Zuversicht, die Lage im Griff zu haben.

Zwar bleiben Masken in dem Land Pflicht und die Schulen bis auf Weiteres geschlossen. Doch Menschenansammlungen bis zu 20 Personen sind wieder erlaubt, Inlandsflüge starten wieder, Shoppingcenter öffnen. Unternehmen wie Honda und Toyota fahren die Produktion hoch.

"Ich bin extrem stolz auf Vietnam", sagt Leong Hoe Nam, ein Experte für Infektionskrankheiten am Mount Elizabeth Novena Hospital in Singapur. Das Land sei ein Modell, was die Bekämpfung der Seuche angehe - auch wenn die Maßnahmen anderswo wohl nicht einfach so zu replizieren sind.

Die Gruppe um Nguyen Phuc Hien, die Masken für Deutschland organisiert, setzt sich aus ehemaligen Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) zusammen. Nachdem Hien auf die Idee gekommen war, aktivierte er ehemalige Kommilitonen über die Messenger-App Zalo. In kurzer Frist wuchs die Chat-Gruppe auf über 450 Mitglieder an. 

"Wir fühlen uns verpflichtet, Deutschland etwas zurückzugeben"

Pham Hung Tien

Als exemplarisch für ihre Lebensläufe mag der von Pham Hung Tien gelten, einer der ersten Freunde, die Hien kontaktierte. Der heute 51-Jährige studierte ab 1986 in der DDR Politische Ökonomie an der damaligen Karl-Marx-Universität in Leipzig. Während der friedlichen Revolution demonstrierte er mit den Leipzigern gegen das SED-Regime, nach der Wiedervereinigung promovierte er in BWL. Heute arbeitet er für eine deutsche politische Stiftung in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. "Wir haben von Deutschland viel bekommen", sagt Tien. "Jetzt fühlen wir uns verpflichtet, etwas zurückzugeben."

Die Gruppenmitglieder spendeten insgesamt 300 Millionen vietnamesische Dong, umgerechnet knapp 12.000 Euro - viel Geld in Vietnam, wo das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 2019 bei rund 2500 Euro lag. Einer der früheren DAAD-Stipendiaten arbeitet in einem Militärhospital in Hanoi und half, Kontakte zu Produzenten herzustellen. Insgesamt orderten sie 4000 FFP-3- und N-95-Masken, die auch Ärztinnen und Pflegern Schutz bieten.

"Mit der Aktion wollen wir Deutschland moralisch - und ein bisschen materiell - unterstützen", sagt Tien. Als Bürger Vietnams seien sie in der komfortablen Lage, nun an andere zu denken.

Der Repressionsapparat hilft bei der Seuchenbekämpfung

Nach der Sars-Epidemie 2003 hat das Land mit erheblichen Finanzhilfen aus den USA sein System zur Seuchenbekämpfung ausgebaut. Es lag sicher auch an dieser erhöhen Aufmerksamkeit, dass die politische Führung sich früh alarmiert zeigte: "Die Epidemie zu bekämpfen, bedeutet, den Feind zu bekämpfen", sagte Premierminister Nguyen Xuan Phuc schon im Januar. Noch im selben Monat schloss die Regierung sowohl die Schulen als auch die Grenzen zu China.

Bald durften Touristen nicht mehr einreisen, heimkehrende Vietnamesen wurden in Kasernen oder Studentenwohnheimen unter Quarantäne gestellt. Als erstes Land nach China riegelte Vietnam eine ganze Gemeinde ab, als dort lebende Arbeiter, die aus Wuhan zurück nach Hause gekommen waren, positiv getestet wurden.

Dazu kam eine straffe Informationspolitik. Täglich verschickt das Gesundheitsministerium Corona-Neuigkeiten per SMS an sämtliche Handybesitzer. Aus Lautsprechern im öffentlichen Raum tönt in normalen Zeiten Parteipropaganda, in ländlichen Gemeinden auch der Wetterbericht oder Tipps zu Aussaat und Ernte. Zurzeit nutzt die Regierung diese Infrastruktur, um die Bevölkerung für den Gesundheitsschutz zu mobilisieren. Wer in den Sozialen Medien Falschnachrichten über das Virus verbreitet, muss damit rechnen, dass die Polizei ihn einbestellt. Ende März hatten schon 800 Nutzer dafür eine Strafe kassiert.

Für die Eindämmung der Krankheit hat das autoritäre Regime seinem Repressionsapparat eine neue Rolle zugewiesen. Über das Land verteilte Spitzel, die sonst politische Auffälligkeiten melden, denunzieren nun Quarantänebrecher. Nachdem mutmaßlich ein britischer Pilot bei einem Besuch in einem Grillrestaurant in Ho-Chi-Minh-Stadt das Virus verbreitet hatte, schwärmten mehr als 300 Polizisten und Soldaten aus, um weitere Gäste aufzuspüren. Angeblich ist auch der Geheimdienst involviert.

Für die Masken findet sich kein deutscher Adressat

Die Gruppe um Hien und Tien hat unterdessen andere Schwierigkeiten mit staatlichen Autoritäten. Sie warten auf eine Exportlizenz, um die Masken außer Landes schaffen zu dürfen. Nicht zuletzt fehlt ihnen ein deutscher Adressat, an den sie sie schicken können: Zuerst hätten sie das Bundesgesundheitsministerium in Berlin angefragt, erzählt Tien, doch das habe auf die Gesundheitsministerien der Länder verwiesen. "Wir hoffen jetzt, dass Nordrhein-Westfalen mitmacht", sagt Tien. Parallel habe die deutsche Botschaft in Hanoi signalisiert, dass das Auswärtige Amt eventuell als Abnehmer einspringen könnte.

Tien sagt, er habe Verständnis für die Verzögerung. Die deutschen Behörden hätten ja jetzt so viel zu tun.

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