Einweihung des neuen Nationaldenkmals Orbáns Sehnsucht nach einem neuen Groß-Ungarn

In Budapest hat Viktor Orbán das "Denkmal der nationalen Zusammengehörigkeit" eingeweiht. Es erinnert an das zerbrochene Groß-Ungarn. Der Premier weiß um die Mobilisierungskraft dieser Symbolik.
Orbán bei der Einweihung des Denkmals am 20. August in Budapest

Orbán bei der Einweihung des Denkmals am 20. August in Budapest

Foto: BERNADETT SZABO / REUTERS

Eine hundert Meter lange Rampe, die abwärts führt, links und rechts Granitmauern, darin eingemeißelt die Namen von 12.537 Ortschaften, am Ende, in der Tiefe, ein riesiger Granitblock aus sieben Teilen, die durch schmale Spalten getrennt sind, in ihrer Mitte brennt eine ewige Flamme - so sieht es aus: Ungarns gewaltiges neues Nationaldenkmal im Herzen von Budapest, genau gegenüber dem riesigen neogotischen Parlamentsgebäude.

Es trägt den Namen: "Denkmal der nationalen Zusammengehörigkeit". Denn es erinnert an das einstige Groß-Ungarn, an sämtliche seiner Ortschaften und an die "Tragödie des Friedensdiktates von Trianon" - jenen Vertrag aus dem Jahr 1920, durch den Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg zwei Drittel seines Territoriums und sechzig Prozent seiner Bevölkerung verlor.

Am 20. August, in Ungarn der Tag des Staatsgründers Stephan des Heiligen, weihte Ungarns Staatsführung das Denkmal im Rahmen einer militärischen Zeremonie feierlich ein. Ministerpräsident Viktor Orbán hielt dazu eine ebenso pathetische wie doppeldeutige Rede, in der er das Ende des "Jahrhunderts ungarischer Einsamkeit nach Trianon" ausrief und sagte, Ungarn werde "neue Größe und neuen Ruhm" erleben.

Ungarns neues Nationaldenkmal in Budapest

Ungarns neues Nationaldenkmal in Budapest

Foto: Bernadett Szabo / REUTERS

Ungarn sei, so Orbán, das "bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Land im Karpatenbecken" und werde sich "nie wieder den Luxus der Schwäche leisten". Der Premier verkündete die "sieben Gesetze der Erhaltung Ungarns", darunter: "Grenzen hat nur das Land, nicht die Nation!", "Wahrheit ohne Stärke taugt wenig!" und "Jeder Wettbewerb dauert so lange, bis wir ihn gewinnen!"

Zugleich machte Orbán auch eine offene Kampfansage an den Westen, der mit "einem gottlosen Kosmos, Regenbogenfamilien, Migration und offenen Gesellschaften" experimentiere. Dagegen müsse sich Mitteleuropa verbünden, die Region müsse "angestammten Lebensinstinkten" und "Nationalstolz" wieder Geltung verschaffen.

Es ist eine für Orbán typische Rede. Man kann in sie einen beispiellosen Affront an die Adresse der Nachbarländer und großungarischen Revisionismus hineininterpretieren. Fest steht: Die Rede und die Einweihung des neuen ungarischen Nationaldenkmals sind der vorläufige Höhepunkt von einem Jahrzehnt Politik, in dem Ungarns Premier die "nationale Zusammengehörigkeit" und den Trianon-Trauerkult zu einem ideologischen Schlüsselelement seiner Ordnung gemacht hat. Denn das Thema besitzt eine erhebliche Mobilisierungskraft und großen politischen Nutzen.

Schon vor Orbáns Machtantritt 2010 gab es in Ungarn eine weit verbreitete Trianon-Popkultur, die von Zeremonien an den zahlreichen Trianon-Mahnmalen über Kleidung und Souvenirs mit großungarischer Symbolik und populärer patriotischer Folk- und Rockmusik bis hin zum Nostalgietourismus in ehemalige ungarische Gebiete reicht.

Die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern wiederum unterstützt Orbáns Regierung jedes Jahr mit Summen, die umgerechnet im dreistelligen Millionenbereich liegen. Das zahlt sich für Orbáns Partei aus, weil viele Auslandsungarn die ungarische Staatsbürgerschaft und ein damit verbundenes Listenwahlrecht besitzen.

Besucher des neuen Nationaldenkmals in Budapest: Orte, in denen nie ein Ungar gelebt hatte

Besucher des neuen Nationaldenkmals in Budapest: Orte, in denen nie ein Ungar gelebt hatte

Foto: Bernadett Szabo / REUTERS

Noch in den Neunzigerjahren führten weitaus harmlosere Manifestationen einer angeblichen ungarischen Grenzrevisionspolitik zu permanenten diplomatischen Krisen zwischen Ungarn und seinen Nachbarländern. Heute sorgt Orbáns "Politik der nationalen Zusammengehörigkeit" zwar immer wieder für Empörung unter Nationalisten der Region. Doch die meisten Regierungen der Region schweigen dazu oder äußern sich allenfalls beschwichtigend.

Die Gründe dafür sind vielfältig. In der Slowakei, Slowenien, Kroatien und Serbien regieren seit längerem Bewunderer, Freunde oder Verbündete von Orbán, zu denen er enge Beziehungen pflegt und die teils ähnliche innenpolitische Projekte verfolgen wie er. Die Führungen Österreichs, Rumäniens und der Ukraine hingegen wollen sich aus jeweils spezifischen pragmatischen Gründen nicht mit Orbán anlegen. In Rumänien beispielsweise ist die Orbán-treue Partei der ungarischen Minderheit UDMR für Regierungsmehrheiten oft das Zünglein an der Waage.

Dennoch bleibt Orbáns Politik langfristig für die Region ein Spiel mit dem Feuer. Seine Absagen an Grenzveränderungen und an eine mögliche Revision von Trianon sind nicht klar, sondern diffus und lassen viel Raum für Interpretationen. Die Art und Weise seiner Unterstützung der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern fördert deren politische, kulturelle und soziale Desintegration in ihren Heimatländern, die ihrerseits überwiegend eine stark ausgrenzende Minderheitenpolitik betreiben.

Nicht zuletzt unterbindet Orbáns "Politik der nationalen Zusammengehörigkeit" auch jede Debatte über die Ursachen von Trianon: Vor allem die jahrzehntelange aggressive Magyarisierungspolitik im ungarischen Teil des habsburgischen Vielvölkerreiches führte zum Beispiel dazu, dass man mit einem vermeintlich falschen Namen keine Chancen hatte im Land. Das wurde am Ende für Millionen Nichtungarn unerträglich.

Abzulesen ist das auch am neuen Nationaldenkmal. Unter den dort eingravierten Ortsnamen, die aus einem Verzeichnis von 1913 stammen, wurden Tausende einst zwangsungarisiert. Orte, in denen nie ein Ungar gelebt hatte.

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