Zum Tod von Volkhard Windfuhr Er kannte den Nahen Osten wie kein anderer

Am Montag starb in Kairo Volkhard Windfuhr, 83, der langjährige Nahost-Korrespondent des SPIEGEL. Er interviewte Gaddafi, Arafat und Sadat, er erlebte die Nasser-Revolution und den Arabischen Frühling. Eine Erinnerung.
Ein Nachruf von Bernhard Zand
Volkhard Windfuhr im Juli 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo

Volkhard Windfuhr im Juli 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo

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Scott Nelson

An einem Sonntag im Dezember 2003 rief mich in Kairo Volkhard Windfuhr an: "Sie haben Saddam gefunden. In einem Erdloch bei Tikrit. Wir müssen sofort nach Bagdad."

"Sofort" war für Volkhard Windfuhr ein dehnbarer Begriff, aber an jenem Sonntag eilte es wirklich. Ende 2003, so kurz nach dem Irakkrieg, gab es noch keine Flüge nach Bagdad. Man musste zuerst nach Amman fliegen und dann mit dem Auto weiterfahren, über Nacht, acht Stunden lang durch die irakische Wüste, in der überall Banditen auf der Lauer liegen konnten. Eine Reise, die man nicht gerne antrat - und wenn, dann nur mit jemandem, der viel erlebt hatte und der den Nahen Osten kannte.

Volkhard Windfuhr, 1937 in Essen geboren, hatte im Krieg früh seinen Vater verloren, kurz darauf wurde die Familie ausgebombt. Sehr schwere Jahre folgten. Anfang der Fünfzigerjahre nahm seine Mutter, eine Lehrerin, eine Stelle in Kairo an. Ihr Sohn reiste ihr nach – und sollte fast sein ganzes Leben in der Arabischen Welt verbringen.

Ein Leben in der Arabischen Welt

Er machte in Ägypten das Abitur, studierte Arabisch und begann für Radio Kairo zu arbeiten, den Sender, über den Ägyptens Revolutionär Gamal Abdel Nasser seine neue, panarabische Botschaft verbreitete. 1967 wechselte Windfuhr zum Orient-Institut in Beirut, 1970 zur Deutschen Welle, wo er das arabische Programm übernahm. Dort wurde der SPIEGEL auf ihn aufmerksam, dem er kurz darauf ein Interview mit Libyens Revolutionsführer Gaddafi vermittelte.

Vier Jahre später ging Windfuhr als SPIEGEL-Korrespondent nach Beirut und – nachdem er im Bürgerkrieg eine Entführung überlebte – schließlich nach Kairo. In den folgenden 37 Jahren berichtete er über Ereignisse, die bis heute den Nahen Osten prägen: 1977 begleitete er Ägyptens Präsident Anwar el-Sadat auf seiner Reise nach Jerusalem, 1979 interviewte er Ajatollah Chomeini vor seiner Rückkehr nach Teheran. Er interviewte Könige, Scheichs und Präsidenten, schrieb über den Iran-Irak-Krieg und die Wiedervereinigung des Jemen, über Saddams Kuwait-Invasion, er interviewte mehrfach Jassir Arafat und berichtete über die Intifada und die Schockwellen nach den Anschlägen des 11. September 2001 – sehr schnell machte er danach den Vater des Attentäters Mohammed Atta in Ägypten ausfindig.

Wohl kein Korrespondent hat so lange aus dem Nahen Osten berichtet wie er. Keiner kannte so viele arabische Politiker persönlich, mit denen er sich zwanglos in deren jeweiligen Dialekten unterhalten konnte. Oft bahnte er Gespräche über scheinbar unpolitische Themen an, vor allem über seine Leidenschaft: die Eisenbahn. 1994 gründete er die Vereinigung "Friends of the Railways of Egypt and the Arab World". Zugleich blieb Windfuhr stets al-Almani, der Deutsche, der von Willy Brandt und Walter Scheel bis Guido Westerwelle viele deutsche Politiker auf ihren Arabienreisen begleitete - wie übrigens auch den SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein. 2002 verlieh Bundespräsident Johannes Rau Windfuhr das Bundesverdienstkreuz.

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Erinnerungen an Volkhard Windfuhr

Foto: DER SPIEGEL

Ende 2001 entsandte mich der SPIEGEL zu Windfuhr nach Kairo – als zweiter, jüngerer Korrespondent. Und an jenem Dezembersonntag zwei Jahre später fuhren wir in seinem alten Mercedes zum Flughafen hinaus. Kurz hinter Heliopolis drang plötzlich beißender Rauch aus der Klimaanlage. Windfuhr schaffte es noch, das Auto zu parken, bevor der Motorraum in Flammen aufging. Er alarmierte die Feuerwehr und organisierte jemanden, den Wagen abholen zu lassen. Zwischendurch rief er, in stoischer Ruhe, den Flughafen an, ob die Maschine wirklich pünktlich sei; den Fahrer in Amman, ob er uns auch später abholen könnte; und einen Kontakt in Bagdad, ob sich bereits ein Gesprächstermin ergeben habe.

Die Maschine war pünktlich. Wir verpassten den Flug und mussten ihn um einen Tag verschieben. Die Ressortleitung in Hamburg brauchte das nicht zu wissen, da waren wir uns einig.

Windfuhr blieb zeitlebens von Nassers Polizeistaat geprägt. Geheimnisse mussten geschützt werden, persönliche Nähe wuchs nur mit der Zeit. Erst ein Jahr später bot er mir das Du an; dann aber durfte ich ihn mit "Abu Salah" anreden, seinem Tarnnamen aus den Sechzigerjahren.

Mit Sadat verband ihn auch der Stil

So sehr ihn der Panarabismus und die Nasser-Jahre prägten, so desillusioniert hatten sie Windfuhr zurückgelassen. Politisch stand er Nassers Nachfolger näher, dem weltgewandten Anwar el-Sadat. Windfuhr hat ihn oft interviewt, vor und nach dem Camp-David-Abkommen, zuletzt im Herbst 1981, wenige Tage, bevor Sadat einem Attentat zum Opfer fiel.

Wie Sadat dachte Windfuhr säkular und war zugleich tief mit der arabischen Kultur und Sprache verbunden. Wie Sadat faszinierte ihn zeitlebens aber auch Israel; er hatte auch Hebräisch studiert. Von wenigen Begegnungen erzählte er so lebhaft wie von einer Ägyptenreise mit Israels Sechstagekriegshelden Moshe Dajan.

Und noch etwas verband Volkhard Windfuhr mit Sadat: sein Stil, seine geschliffenen Manieren.

Als wir am Tag nach dem Autobrand in Amman eintrafen und um zwei Uhr früh die jordanisch-irakische Grenze passierten, trug Windfuhr wie immer Hemd, Sakko und Krawatte – nicht zu vergessen seinen Aktenkoffer, den er nie aus den Augen ließ. Die jordanischen Grenzer wunderten sich über die Krawatte, die US-Soldaten auf der irakischen Seite wollten wissen, was in seinem Aktenkoffer sei. Als er wieder ins Auto stieg, schlug der Fahrer die Hintertür zu schnell zu und quetschte Windfuhrs Hand ein. Es war eine ernsthafte, heftig blutende Verletzung, doch Windfuhr setzte die Reise klaglos fort, ließ sich in Bagdad notdürftig verbinden und erst nach unserer Rückkehr in Kairo einen Gips anlegen.

Wir waren schließlich gekommen, um über Saddam Hussein zu berichten und einen der wenigen zu treffen, die ihn nach seiner Festnahme zu Gesicht bekommen hatten. Das wollten auch andere. Wir arbeiteten ein ganzes Notizbuch voll Kontakten ab, die Windfuhr über Jahrzehnte im Irak gesammelt hatte. Ein Tag verstrich, dann ein zweiter und ein dritter, den wir durch die Stadt fuhren, ich wurde nervös, die Ressortleitung ungeduldig. Windfuhr blieb ruhig, selbst am Freitagabend noch, wenige Stunden vor Redaktionsschluss.

Eine Audienz bei Gaddafi in der Wüste

Alle, die je mit Volkhard Windfuhr gearbeitet haben, wissen, wie viel Zeit man mit ihm verbrachte, um auf Termine zu warten. Es waren Tage, wenn es um Emire und Prinzen, und Wochen, wenn es um Muammar al-Gaddafi ging. Nie verlor Windfuhr seine Contenance, nie seine Höflichkeit.

Auch im Dezember 2003, in Bagdad, bekamen wir schließlich unser Gespräch – mit einem Arzt und Politiker, der Saddam in seiner Zelle hatte besuchen dürfen und bereit war, uns davon zu berichten. Wie so oft waren es am Ende Windfuhrs Kontakte, seine Geduld und Hartnäckigkeit, die uns ans Ziel führten. Diese Geduld und Hartnäckigkeit haben ihn nie verlassen.

Als wir 2010 Gaddafi interviewten, warteten wir vier Tage in Tripolis auf eine Audienz, wurden anschließend mit einem Privatjet in seine Geburtsstadt Sirt geflogen. Eine Nacht mussten wir in der Wüste warten. Ein höflicher Beamter überreichte uns frische Pyjamas, ein Vertrauter des Obersts verkürzte uns die Zeit mit Anekdoten. Am folgenden Tag bat Gaddafi in sein Büro - ein einfaches Zelt, ausgestattet mit weißen Plastikstühlen und einem Gartentisch mit Laptop und Drucker. Eine Stunde lang beantwortete er Fragen, schimpfte dabei vor allem auf die Schweiz und vertrieb umherschwirrende Fliegen mit einer Klatsche aus zusammengebundenen Rosmarinzweigen.

Bis 2013 war Volkhard Windfuhr für den SPIEGEL tätig, bis 2002 als Korrespondent, die folgenden Jahre als fester freier Mitarbeiter. Die letzten Artikel, an denen er mitarbeitete, beschrieben den Arabischen Frühling und seine Folgen in Tunesien, Libyen und Ägypten. Den Sturz der alten Regimes begrüßte er, selbst in Ägypten; aber der Aufstieg des politischen Islam machte ihm zu schaffen – so sehr, dass er während des Militärputschs 2013 in Kairo sogar das Vorgehen der Sicherheitskräfte verteidigte.

Am 19. Oktober erlag Volkhard Windfuhr in Kairo einem Krebsleiden. Der SPIEGEL und seine Leser verdanken ihm eine Vielzahl exklusiver Geschichten, Analysen und Gespräche aus über drei Jahrzehnten. Seine früheren Kollegen gedenken eines einzigartigen Menschen. 

Bernhard Zand, Jahrgang 1967, war von 2002 bis 2006 Nahost-Korrespondent mit Dienstsitz in Kairo, später in Dubai. Seit 2012 berichtet er aus China.

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