Waffengewalt in den USA Wo das Unvorstellbare Alltag ist

Die Tat von Uvalde fügt sich in eine lange Reihe von Massentötungen. Viele Täter haben bestimmte Merkmale gemein. Eine Analyse in Zahlen und Grafiken.

Als die offizielle Zahl der Todesopfer auf 19 kletterte, stand fest: Das Massaker an der Robb Elementary School, einer Grundschule in der Kleinstadt Uvalde im US-Bundesstaat Texas, ist das tödlichste an einer Schule in den USA seit 2012. Der 18-jährige Täter erschoss 19 Kinder und zwei Lehrkräfte.

Die Tat in Texas fügt sich in eine Reihe von Massentötungen an Schulen und öffentlichen Gebäuden in den vergangenen Wochen. Vor wenigen Tagen erschoss ein 18-Jähriger zehn Menschen in einem Supermarkt in Buffalo im Bundesstaat New York, ein 68-Jähriger tötete einen Menschen und verletzte fünf weitere in einer Kirche in Laguna Woods in Kalifornien. Im Jahr 2020 waren Feuerwaffen erstmals die führende Todesursache unter Kindern und Heranwachsenden in den USA, noch vor Verkehrsunfällen.

Die kalifornische Forschungseinrichtung Center for Homeland Defense and Security (CHDS) erhebt Fälle von Waffengewalt an US-Schulen und -Kindergärten seit 1971. Der SPIEGEL hat diese Daten mit Blick auf Massenschießereien ausgewertet.

Eine allgemeine Definition von Massentötungen an Schulen gibt es nicht. Wir haben jene Schusswaffenereignisse berücksichtigt, die das FBI als »Active Shooter Attack« kategorisiert. Es sind Verbrechen, bei denen ein oder mehrere Täter mit Schusswaffen in einem begrenzten Bereich aktiv Menschen töten oder es versuchen. Diese Definition entspricht in großen Teilen dem, was in Deutschland häufig als Amoklauf bezeichnet wird.

Die Daten zeigen: Der Tod durch Schusswaffen gehört in den USA mittlerweile zum Alltag. In fast jedem Jahr gab es an US-Schulen mindestens eine »Active Shooter Attack«. Das CHDS hat 191 solcher Angriffe seit 1971 dokumentiert, mit insgesamt 205 Todesfällen.

Die drei tödlichsten Jahre liegen in der jüngeren Vergangenheit. Die hohe Zahl der Todesopfer in diesen Jahren erklärt sich jeweils aus einzelnen, besonders schweren Massentötungen. 2012 starben 20 Kinder und sechs Lehrkräfte und Angestellte an der Sandy Hook Elementary School im Bundesstaat Connecticut. 2018 waren es 17 Todesopfer an der Stoneman Douglas High School in Florida. Und nun 21 Tote an der Robb Elementary School in Texas.

Wer sind die Täter?

Das Motiv des Schützen von Texas ist derzeit unklar. Bekannt ist aber: Der Täter war männlich, 18 Jahre alt. Damit passt er in das Muster der anderen Schützen. Die Täter sind fast immer Männer, meistens selbst im schulfähigen Alter oder knapp darüber. Drei von vier Tätern besuchten die Schule, an der sie schossen, oder hatten sie früher selbst besucht. Die große Mehrheit der Täter ist weiß.

Auch nach dem Massaker in Texas sind, wie häufig nach Amokläufen, erneut Forderungen nach strengeren Waffengesetzen laut geworden. Genau zu erheben, wie viele Waffen in einzelnen Ländern im Umlauf sind, ist schwierig, unter anderem aufgrund der Dunkelziffer an Waffen in illegalem Besitz.

Laut Schätzung der Small Arms Survey des Hochschulinstituts für internationale Studien und Entwicklung in Genf, eine der umfangreichsten Erhebungen auf diesem Gebiet, sind in den USA so viele Waffen in ziviler Hand wie in keinem anderen Land der Welt. Auf 100 Einwohner kamen zuletzt 121 Waffen.

Die National Rifle Association, die mächtigste Pro-Waffen-Lobbyorganisation der USA, behauptet, strengere Waffengesetze würden die Gewalt nicht senken. Täter, so eines der Argumente, wären nicht diejenigen, die ihre Waffen legal erwerben.

Mit der Realität deckt sich das nicht. Das US-Magazin »Mother Jones« hat in einer Datenbank Massenschießereien seit 1982 gesammelt. Darunter sind Taten an Schulen, aber auch außerhalb von Bildungseinrichtungen. Demnach ist die Lage eindeutig: Bei rund fünf von sechs Massenschießereien wurden legal erworbene Waffen verwendet. Auch der Schütze von Texas hatte seine beiden Sturmgewehre mutmaßlich legal gekauft.