Möglicher Erfolg der Demokraten in Georgia Roter Staat auf der Kippe

Im tief konservativen Bundesstaat Georgia liegen die Demokraten zum ersten Mal seit Jahrzehnten mit den Republikanern gleichauf. Anhänger beider Parteien haben dafür sehr unterschiedliche Erklärungen.
Von Ralf Neukirch, Atlanta
Wahlkampf für Harris, Biden und die Demokraten: Barack Obama mobilisiert Wähler in Atlanta, Georgia

Wahlkampf für Harris, Biden und die Demokraten: Barack Obama mobilisiert Wähler in Atlanta, Georgia

Foto: BRANDON BELL / REUTERS

Die junge Schwarze, die aus dem Pfarrgebäude der Ebenezer Baptist Church in Atlanta tritt, hat eine klare Meinung zum Präsidenten. "Ich habe damit gerechnet, dass Joe Biden klar gewinnt", sagt sie. "Ich will, dass der orange Pavian aus dem Weißen Haus verschwindet. Damit können sie mich zitieren!" Ihren Namen will sie dann aber doch nicht nennen.

Die Ebenezer Baptist Church ist nicht irgendeine Kirche. Martin Luther King hat hier als Pfarrer gearbeitet und gepredigt. Raphael Warnock ist der aktuelle Pastor und zugleich der Kandidat der Demokraten für den Senat. Er hat am Dienstag von 21 Kandidaten die meisten Stimmen bekommen. Weil er die absolute Mehrheit deutlich verfehlte, gibt es im Januar eine Stichwahl.

Amy ist eine zurückhaltende ältere Dame, die im Souvenirshop der Kirche arbeitet. Sie würde den Präsidenten nie als "orangen Pavian" bezeichnen, aber sie macht keinen Hehl daraus, dass sie Donald Trump verachtet. "Er hat die Gültigkeit der Wahl angezweifelt, bevor sie beendet ist", sagt sie. "Welcher Präsident macht so etwas?" Dass Trump die Wahl in Georgia juristisch anfechten will, wundert Amy nicht. "Das erzählt er doch seit Monaten."

Während sie das sagt, werden die Stimmen in dem US-Bundesstaat noch immer ausgezählt – und mit jeder Stunde, die vergeht, schrumpft der Vorsprung des amtierenden US-Präsidenten. Georgias 16 Wahlleute könnten am Ende an den Demokraten gehen, es wäre das erste Mal seit 1992.

Kampf gegen Wählerunterdrückung

Georgia nimmt unter den Staaten, die über den Ausgang der Präsidentenwahl entscheiden, eine Sonderstellung ein. Knapp ein Drittel der Bevölkerung sind Afroamerikaner, so viele wie in kaum einem anderen Staat. Große Städte wie Atlanta oder Savannah haben schwarze Bürgermeister.

Zugleich galt Georgia bislang als tief konservativ. Die Republikaner stellen derzeit den Gouverneur und beide Senatoren in Washington. Trump gewann 2016 mit fast fünf Prozentpunkten Vorsprung.

In diesem Jahr ist Georgia neben Arizona der einzige Staat, in dem die Demokraten die jahrzehntelange Vorherrschaft der Konservativen attackieren konnten. Das liegt auch den schwarzen Wählern. "Es ist ein gutes Zeichen, dass die Demokraten diesmal ebenbürtig sind", sagt Amy. "Es zeigt, dass wir es geschafft haben, mehr Wähler als sonst zu mobilisieren."

Stacey Abrams im Wahlkampf: "Dafür gesorgt, dass die massive Unterdrückung von Wählern nicht möglich sein wird"

Stacey Abrams im Wahlkampf: "Dafür gesorgt, dass die massive Unterdrückung von Wählern nicht möglich sein wird"

Foto: Brynn Anderson / AP

Stacey Abrams, die bekannteste Demokratin im Land, hatte schon zuvor auf einen anderen Faktor hingewiesen, der sich diesmal zugunsten ihrer Partei auswirkt. Seit dem Ende des Bürgerkriegs waren die Weißen in Georgia äußerst erfolgreich darin, Schwarze am Wählen zu hindern. Noch bei der Gouverneurswahl im Jahr 2018, die Abrams knapp verlor, strichen die Republikaner Zehntausende Wähler wegen kleinster Unregelmäßigkeiten aus den Wählerlisten.

"Wir haben dafür gesorgt, dass die massive Unterdrückung von Wählern nicht möglich sein wird", sagte Abrams am Wahltag bei einer Kundgebung vor ein paar Dutzend Anhängern am Rande von Atlanta. "Wir lassen uns die Wahl nicht wieder stehlen." Falls Warnock im Januar gewinnt, wäre er der erste Afroamerikaner, den Georgia jemals in den Senat entsendet.

Konservativer als Attila der Hunne

Für die Demokraten ist das knappe Ergebnis ein Zeichen dafür, dass sie Wähler mobilisiert und Betrug verhindert haben. Die Erklärung der Gegenseite klingt ein wenig anders.

Die republikanische Version der Ereignisse kann man auf der Facebook-Seite von Kelly Loefflers nachvollziehen. Loeffler ist die amtierende Senatorin, sie hat es ebenfalls in die Stichwahl im Januar geschafft. Sie sagt, sie sei "konservativer als Attila der Hunne", und rühmt sich, "zu 100 Prozent" mit Donald Trump gestimmt zu haben.

In einem Facebook-Kommentar gratuliert Sheriff Randy Shirley der Senatorin zum Erfolg und sichert ihr die Unterstützung weiterer Kollegen zu – auch gegen den "massiven Betrug" mit Briefwahlzetteln, der in Georgia stattfinde. Es ist die Erzählung Donald Trumps, die er seit Monaten ohne Beleg wiederholt. Wenn er verliert, dann wegen Betrugs.

Shirley ist Sheriff in Stephens County, einer ländlichen Region im Nordosten Georgias. Am Telefon will er nicht mehr von massivem Wahlbetrug sprechen. Er habe sich nur auf Informationen von CNN und anderen Medien bezogen. Es wäre "ein Wunder", wenn der Ausgang der Wahl in Georgia und im Land vom Wahlbetrug abhänge.

Also Entwarnung? So will der Sheriff nun auch nicht verstanden werden. "Natürlich gibt es Betrug in Fulton County", sagt er. Das sei bei jeder Wahl so. Wie groß der ist? "Das wissen nur die Leute, die in den Wahllokalen sitzen."

Der Staat bleibt gespalten

Fulton County ist der Landkreis, zu dem der größte Teil Atlantas gehört. Es ist eine Hochburg der Demokraten. Bei dem knappen Wahlausgang zählt jede Stimme. Die Senatskandidaten bereiten sich bereits auf die Stichwahl vor. Warnock, der Nachfolger Martin Luther Kings, spricht in einer Erklärung von der Verbesserung der Krankenversicherung, einer Reform des Sozialwesens und dem Kampf gegen Wählerunterdrückung. Loeffler sagt: "Jetzt beginnt der eigentliche Krieg." Sie trete jetzt gegen einen der radikalsten Demokraten im ganzen Land an.

Auch das zweite Senatsrennen könnte in die Verlängerung gehen. Der Republikaner David Perdue und sein Herausforderer Jon Ossoff liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zwar liegt Perdue knapp vorne, doch erhält er nicht mehr als 50 Prozent der Stimmen, gibt es auch hier eine Stichwahl. Der Wahlkampf zwischen Republikanern und Demokraten wäre dann keineswegs beendet – er würde sich ganz auf Georgia konzentrieren.

Egal wie die Wahl ausgeht, Georgia wird bitter gespalten bleiben. In dieser Hinsicht nimmt der Staat keine Sonderstellung ein.

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