Kampf gegen die Feuer in Südeuropa Warum Schafe gegen Waldbrände helfen

Griechenland, die Türkei, Italien: In diesem Sommer brannte es in den Wäldern der Mittelmeerregion wie noch nie. Wie sich Brände verhindern lassen – und was Brandenburg von Spanien lernen kann.
Rauchwolken eines Waldbrandes ziehen in Katalonien über eine Schnellstraße

Rauchwolken eines Waldbrandes ziehen in Katalonien über eine Schnellstraße

Foto: Ramon Costa / SOPA / LightRocket / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Wenn das Feuer im Wald auf einen zukomme, sagt Juliane Baumann, höre man es zuerst, man sehe es nicht gleich. Die Flammen knisterten durchs Unterholz. Ihre Kraft reiße die Blätter von dem Bäumen und lasse die Luft flirren. Wenn man das Feuer dann vor sich sehe, meterhoch wie eine glühende Wand, sagt Baumann, werde es eng.

Baumann muss es wissen, sie arbeitete in Spanien fünf Jahre lang als wohl einzige Deutsche für die katalanische Feuerwehr. In dieser Zeit, schätzt sie, habe sie pro Jahr etwa 20 Waldbrände erlebt. Kleinere, gegen die man mit zwei Löschfahrzeugen ankam. Größere, bei denen Hunderte Einsatzkräfte tagelang rund um die Uhr kämpften, Hubschrauber in der Luft kreisten und große gelbe Löschflugzeuge über die Wälder zogen.

Anwohner beobachten die Ausbreitung eines Brandes in der Nähe von Tarragona im Nordosten Spaniens

Anwohner beobachten die Ausbreitung eines Brandes in der Nähe von Tarragona im Nordosten Spaniens

Foto: Joan Mateu Parra / AP

Die Katalanen sind geübt im Umgang mit Waldbränden. Doch nicht immer geht alles gut. Als 2009 fünf Feuerwehrleute bei einem Einsatz verbrannten, war Baumann ebenfalls im Einsatz. Ein anderes Mal, in Lleida, traf es sie beinahe selbst. Das Feuer überraschte sie und kreiste ihre Mannschaft fast ein. Nur mit Glück entkamen sie, Fahrzeug und Ausrüstung waren bereits angesengt.

Die Zahl und die Größe von Waldbränden hat in diesem Jahr historische Ausmaße erreicht: In Italien zählte die Feuerwehr bis 7. August 44.442 Einsätze, die meisten davon auf Sizilien, in Apulien und Kalabrien. In Griechenland mussten Hunderte Menschen mit Schiffen von Inseln evakuiert werden, die Flammen drangen bis wenige Kilometer vor Athen vor. Im ganzen Land gingen mehr als 116.000 Hektar Wald in Flammen auf. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben. Auch in der Türkei und auf dem Balkan wüteten Brände.

»Wir beobachten, dass die Waldbrände in Europa immer schlimmer werden«, sagte Janez Lenarčič, EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, erst vor wenigen Tagen dem SPIEGEL.

Sechs Tonnen Wasser in wenigen Sekunden

Die EU will deshalb mehr Geld für Katastrophenschutz ausgeben und neue Löschflugzeuge kaufen. 73 Maschinen des kanadischen Herstellers Canadair gibt es bereits in den Mitgliedstaaten, sie können auf Land und Wasser landen und bei Bedarf innerhalb weniger Sekunden sechs Tonnen Wasser aufnehmen.

Es sind wichtige Maßnahmen, doch den Ausbruch neuer Feuer wird das in Zukunft kaum stoppen. Und die gemeinsame Brandbekämpfung funktioniert nur, solange nicht zu viele Länder gleichzeitig betroffen sind.

Löschflugzeuge spielen bei der Brandbekämpfung eine wichtige Rolle, die EU will künftig weitere Maschinen anschaffen

Löschflugzeuge spielen bei der Brandbekämpfung eine wichtige Rolle, die EU will künftig weitere Maschinen anschaffen

Foto: Albert Llop / NurPhoto / imago images

Genau davon geht Johann Goldammer vom Global Fire Monitoring Center in Freiburg jedoch aus. »Wir erleben, dass sich die Zeit der Waldbrände bereits verlängert hat«, sagt er. »Inzwischen brennt es in vielen Ländern das ganze Jahr, vor allem auch in trockenen Winterwochen.«

Goldammer berät seit vielen Jahren Regierungen in aller Welt. In Europa empfiehlt er, die bisherigen Strukturen zu modernisieren. Waldbesitzer und Förster müssten selbst löschen können, bevor die Feuerwehr eintrifft. Katastrophenzentren und Behörden sollten sich schneller absprechen.

In Griechenland hat der Feuerökologe bereits 2018 für die damalige Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras dazu ein Konzept erarbeitet. Es sah eine nationale Brandschutzstrategie und mehr Verantwortung für die Forstverwaltung vor. Doch der Plan wurde nie umgesetzt. Auch in anderen Ländern tut man sich schwer, mehr anzustoßen als nur neue Technik. Dabei drängt die Zeit; längst werden die Feuer auch in Skandinavien oder Osteuropa größer.

Graue Wolken eines Brandes ziehen im Juli 2020 über den Wald bei Luhansk, Ukraine

Graue Wolken eines Brandes ziehen im Juli 2020 über den Wald bei Luhansk, Ukraine

Foto: Oleksii Kovaliov / Barcroft Media / Getty Images

In der Ukraine brauchte es offenbar eine Katastrophe, um die Brandbekämpfung zu verbessern. Im vergangenen Jahr tobten auch dort extreme Waldbrände, sie reichten bis in die Nähe der Reaktorruine von Tschernobyl. In diesem Jahr jedoch ist die Zahl der Brände deutlich geringer.

Teils aus Glück, teils wohl aber auch, weil vieles verbessert wurde, sagt Sergiy Zibtsev, Professor für Forstwirtschaft in Kiew. »Der größte Erfolg ist, dass es in diesem Jahr keine Großbrände gab, die Dörfer zerstörten. Niemand wurde getötet.« Brandstiftung werde jetzt strenger bestraft, es gebe mehr Übungen, Videoüberwachung und neue Fahrzeuge. Ein neuer Gefahrenindex helfe, die konkrete Brandgefahr besser zu bewerten.

Es brennt oft dort, wo Menschen abwandern

In vielen Ländern sind die massiven Feuer nicht nur eine Folge des Klimawandels, sondern auch der Abwanderung. Dort, wo früher regelmäßig Felder bestellt und Bäume gefällt wurden, wächst in Europas Peripherie heute oft hohes Gras, das Unterholz in den Wäldern wird dichter. Auch deshalb könnten sich die Brände leichter ausbreiten, sagen Experten. »Bei manchen Feuern kamen wir kaum durch, weil alles zugewachsen war«, erinnert sich Juliane Baumann.

In Spanien hat man daraus inzwischen Schlüsse gezogen. Wo in den vergangenen Jahren die Brandgefahr besonders groß war, sollen nun künstlich angelegte Schneisen zukünftige Brände aufhalten. »Unsere Kollegen legen selbst Feuer, um diese Schneisen zu schlagen«, sagt Asier Larranaga, Inspektor bei der katalanischen Feuerwehr.

Verbrannter Baum nach einem Waldbrand in Katalonien

Verbrannter Baum nach einem Waldbrand in Katalonien

Foto: Albert Llop / imago images/NurPhoto

Doch die Methode hilft nicht überall. In steinigem Gelände und in abgelegenen Regionen lassen sich Brände kaum kontrollieren.

Dafür gibt es jetzt andere Unterstützung: Schafe sind die vielleicht unerwartetsten Helfer im Kampf gegen die Brandgefahr. Die Tiere haben den Vorteil, dass sie die wuchernde Natur weitgehend selbstständig bändigen und nicht viel kosten, vielleicht sogar noch etwas Gewinn abwerfen. Wie früher sollen die Tiere dafür auch wieder in den Wald getrieben werden, nicht nur auf die Wiese.

Schafsherde im Wald bei Vallgorguina, Spanien

Schafsherde im Wald bei Vallgorguina, Spanien

Foto: Miquel Benitez / Getty Images

Im Vall de Lord, einem abgelegenen Bergtal der Pyrenäen im Norden Katalonien, soll der Brandschutz künftig so auch Arbeitsplätze schaffen. Das Konzept sieht vor, dass vier Förster angestellt werden, die wiederum arbeitslose Einheimische ausbilden. Gemeinsam sollen sie die Wälder pflegen. Dort könnten dann Ziegen und Schafe das Gestrüpp zurückhalten, der Verkauf von Biokäse und Milch soll neue Einnahmen aus dem Tourismus ermöglichen und der Abwanderung etwas entgegensetzen.

Es ist ein Konzept, das den betroffenen Regionen langfristig wesentlich besser helfen könnte als nur neue Fahrzeuge und zusätzliche Technik. Es könnte auch auf Sizilien oder in Griechenland funktionieren.

Auch in Brandenburg brennt es

Die Ideen aus dem Vall de Lord sorgen womöglich auch in Brandenburg bald für ein Umdenken. Juliane Baumann, die deutsche Feuerwehrfrau, hat an der Hochschule Eberswalde ihre Abschlussarbeit in Öko-Agrarmanagement über das Thema geschrieben.

Heidewiese bei Mochow in Brandenburg

Heidewiese bei Mochow in Brandenburg

Foto: imago stock&people / imago/allefarben-foto

Auch in Brandenburg, lernte sie dabei, ist die Zahl gefährlicher Waldbrände längst gestiegen. Auch hier hinterlässt die Abwanderung ihre Spuren. Gleichzeitig fehlt es vielerorts an Problembewusstsein. Im Ernstfall stehen freiwillige Feuerwehren oft allein. Es gebe Siedlungen mitten im Nadelwald, die keinen einzigen funktionierenden Hydranten hätten, sagt Baumann.

Vielerorts fehlt es auch an passender Ausrüstung. In den schweren Brandschutzanzügen der deutschen Feuerwehr ließen sich Waldbrände im Freien kaum stoppen, sagt Baumann. In Spanien gebe es deshalb seit jeher leichtere Modelle, die den oft tagelangen Kampf gegen die Flammen zumindest erträglicher machten. Auch die Versorgung mit Wasser sei trotz Trockenheit dort nie ein Problem.

In Brandenburg, berichtet die 43-Jährige, sei das Konzept der Brandbekämpfung durch Weidewirtschaft im Wald noch unbekannt. Schäfer hätten ohne Subventionen kaum eine Chance, Waldbesitzer und Landwirte sähen sich oft eher als Konkurrenten denn als Nachbarn. Die Brandprävention ende oft an der eigenen Grundstücksgrenze.

Baumann hofft, die Ansätze aus Katalonien bald in einem Modellprojekt an der Hochschule Eberswalde umsetzen zu können. Möglichst noch vor der nächsten Waldbrandsaison.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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