Weltweiter Anstieg an Krankheiten befürchtet Die Killer im Schatten von Covid-19

Krebs, Masern, Tuberkulose und Malaria: Die Bekämpfung lebensbedrohlicher Krankheiten droht weltweit durch die Coronakrise zunichtegemacht zu werden. Mediziner und NGOs befürchten Millionen Tote.
Masernimpfung in der Demokratischen Republik Kongo: Maßnahmen von Regierungen und NGOs drohen zunichtegemacht zu werden

Masernimpfung in der Demokratischen Republik Kongo: Maßnahmen von Regierungen und NGOs drohen zunichtegemacht zu werden

Foto: JUNIOR KANNAH / AFP
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Die Welt ist mit der Eindämmung und den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus beschäftigt. Medizinische Teams versuchen unter Hochdruck, einen Impfstoff zu entwickeln, der die Covid-19-Krise beenden könnte. Diese Bemühungen sind notwendig. Der globale Fokus auf die neue Infektionskrankheit vermindert jedoch den Blick auf andere lebensbedrohliche Krankheiten - und die Ressourcen, die für ihre Bekämpfung erforderlich sind.

Das hat vermutlich fatale Folgen. Experten befürchten Millionen Tote, die in den kommenden Monaten und Jahren nicht am Coronavirus, sondern als dessen Folge an anderen, eigentlich behandelbaren Erkrankungen sterben werden. Erfolgreiche Maßnahmen von Regierungen und NGOs drohen zunichtegemacht zu werden.

Menschen in einem Slum in Mumbai, Indien warten während des Lockdowns Mitte April auf eine Nahrungslieferung. Sie sind jedoch nicht nur von Coronavirus und Hunger bedroht, sondern haben nun auch ein erhöhtes Risiko, an anderen Krankheiten zu sterben

Menschen in einem Slum in Mumbai, Indien warten während des Lockdowns Mitte April auf eine Nahrungslieferung. Sie sind jedoch nicht nur von Coronavirus und Hunger bedroht, sondern haben nun auch ein erhöhtes Risiko, an anderen Krankheiten zu sterben

Foto: Rajanish Kakade/ AP

Das betrifft europäische Länder wie zum Beispiel Großbritannien, wo laut Cancer Research UK  inzwischen wöchentlich 2300 Menschen mit Krebssymptomen nicht mehr untersucht werden. Vorsorgeuntersuchungen für Brust- und Gebärmutterkrebs von gut 200.000 Frauen pro Woche entfallen derzeit ebenfalls. Früh erkennbare und verhältnismäßig leicht behandelbare Krebserkrankungen werden so zum Gesundheitsrisiko - ebenso wie viele akute Fälle.

Nach The British Heart Foundation  haben im März 50 Prozent weniger Menschen mit Verdacht auf einen Herzanfall die Notambulanzen der Krankenhäuser aufgesucht. Die Folgen sind kaum absehbar. Ärzte fürchten jedoch einen Anstieg von Todesfällen oder schweren Folgeerkrankungen, vermutlich in weiten Teilen Europas.

Weitaus schwerer sind jedoch viele andere Länder weltweit betroffen. Darunter viele ärmere Nationen, die seit Jahren gegen hoch ansteckende Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, HIV oder Masern kämpfen. Und deren Ausbreitung vielerorts sogar gut im Griff hatten. Gleiches gilt für die Tropenkrankheit Malaria. Je nach Land unterscheiden sich die neuen Gefahren der bekannten Krankheiten, die nun durch die Coronakrise wieder auf dem Vormarsch sind. Global betrachtet gibt es aber Gemeinsamkeiten.

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Todesursache Nummer eins unter den Infektionskrankheiten - Tuberkulose

Geschätzte zehn Millionen Menschen infizieren sich jedes Jahr mit der Atemwegserkrankung Tuberkulose. Rund 1,5 Millionen sterben jährlich daran, allein in Indien fallen ihr jeden Tag an die tausend Menschen zum Opfer. Tuberkulose ist damit die Todesursache Nummer eins unter den Infektionskrankheiten. 

Eine neue Studie der internationalen Kampagne "Stop TB Partnership " geht davon aus, dass es weltweit zusätzliche 6,3 Millionen Tuberkulosefälle und zusätzliche 1,4 Millionen Tote zwischen 2020 und 2025 geben wird.

"Der Kampf gegen Tuberkulose ist sehr hart. Sobald man ihn unterbricht, kommt diese schreckliche Krankheit wie eine Vergeltung zurück"

Lucica Ditiu, Medizinerin

"Der Kampf gegen Tuberkulose ist sehr hart. Sobald man ihn unterbricht, kommt diese schreckliche Krankheit wie eine Vergeltung zurück", sagt die rumänische Medizinerin Lucica Ditiu von "Stop TB Partnership". Eigentlich wollte die Organisation Tuberkulose bis 2030 ausgerottet haben.

Doch dieses Ziel ist nun in weite Ferne gerückt. "Wir werden es nicht erreichen, wenn wir nicht dreimal so viel finanzielle Unterstützung bekommen wie bislang." Derzeit hat die Kampagne gut fünf Milliarden Euro pro Jahr zur Verfügung.

Den befürchteten Millionen an zusätzlichen Toten allein durch Tuberkulose stehen derzeit etwas mehr als 250.000 an weltweit Covid-19-Verstorbenen gegenüber. Madhukar Pai, Leiter des "McGill Global Health Program", staunt daher, wie viel mehr Aufmerksamkeit das neue Virus im Vergleich zu Tuberkulose erfährt. 

Eine indische Mutter versucht, ihren kranken Sohn zu einem Krankenhaus zu bringen, öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht. Das Coronavirus wird oft als "Gleichmacher" bezeichnet, dabei verstärkt es soziale Ungerechtigkeiten auf der gesamten Welt

Eine indische Mutter versucht, ihren kranken Sohn zu einem Krankenhaus zu bringen, öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht. Das Coronavirus wird oft als "Gleichmacher" bezeichnet, dabei verstärkt es soziale Ungerechtigkeiten auf der gesamten Welt

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Manish Swarup/ AP

In Indien ist es für Tuberkulosepatienten seit Ausbruch der Pandemie schwierig geworden, behandelt zu werden. Viele private Arztpraxen blieben während des strengen Lockdowns im Land geschlossen. Öffentliche Verkehrsmittel fahren in großen Teilen des Landes nach wie vor nicht, weswegen vor allem Erkrankte aus ländlichen Gebieten keine Ärzte aufsuchen können. Patienten, denen es dennoch gelang, wurden in mehreren Fällen weggeschickt: Tuberkulose löst Husten und Fieber aus - Symptome, die denen von Covid-19 ähneln. Krankenhäuser, die um die Gesundheit ihres Personals und ihrer Patienten fürchten, sollen die Behandlung verweigert haben.

Indien hat ein staatliches Impfprogramm, das sicherstellen soll, dass Kinder gegen mehr als ein Dutzend Erkrankungen geimpft werden, darunter Polio, Masern, Diphtherie, und es gibt sogenannten BCG-Impfungen gegen Tuberkulose. Mindestens 100.000 Kinder haben allein im März ihre BCG-Impfung nicht erhalten. Das hat die Zeitung "Livemint" anhand von Daten  des indischen Gesundheitsministeriums gezeigt.

Das ist zudem gefährlich, weil Menschen mit Tuberkulose möglicherweise einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, an der ebenfalls die Lunge befallenden Covid-19-Infektion zu erkranken. Die Tuberkuloseimpfung ist jedoch nicht die einzige, die derzeit auf der Strecke bleibt. 

Die Impfallianz Gavi, unter anderem die wichtigste Organisation für die Finanzierung von Impfstoffen in ärmeren Ländern, kämpft um finanzielle Mittel und bezeichnet die Auswirkungen der Coronakrise schon jetzt als "verheerend". Gavi geht von 13,5 Millionen Menschen  aus, die nun wichtige Impfungen nicht erhalten. "Covid-19 sollte nicht das weltweite Wiederaufleben anderer Killer wie Polio oder Masern bedeuten", sagt Seth Berkley, CEO der Impfallianz.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte im April, dass weltweit 117 Millionen Kinder  nicht gegen die Masern geimpft werden konnten. Dutzende Länder haben Impfkampagnen pausiert, um die Verbreitung des neuen Coronavirus durch medizinisches Personal zu unterbinden. Außerdem hapert es beim Nachschub des Impfstoffs. Schon jetzt gab es in Bangladesch, Nepal und Pakistan einzelne Ausbrüche der Krankheit, die tödlich enden kann. "Wenn wir nicht aufpassen, dann erleben wir die Rückkehr einer Krankheit, die viel ansteckender ist als Covid-19", sagte der Yale-Ökonom Mushfiq Mobarak dem SPIEGEL.

In Afrika könnte sich die Zahl der Malariatoten verdoppeln

Auch für Malaria sind die Zahlen erschreckend. Ende April veröffentlichte die WHO Modellrechnungen , nach denen sich die Zahl der Malariatoten in Afrika in diesem Jahr verdoppeln könnte. Von vorausgesagten 386.000 Todesfällen auf 769.000. Malaria tritt vor allem in armen tropischen und subtropischen Ländern  auf. In vielen der betroffenen Länder ist die Krankheit eine der Haupttodesursachen.

Neben dem persönlichen Leid, das Malaria verursacht, sind auch die Kosten enorm - für Familien, Gemeinden und Länder. Die direkten Kosten werden auf mindestens 12 Milliarden  US-Dollar pro Jahr geschätzt, so die Centers for Disease Control and Prevention in den USA. Die Schäden, welche die Krankheit durch seinen negativen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum auslöst, sind um ein Vielfaches größer.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bringt Masernimpfungen und medizinische Hilfsmittel per Motorrad in entlegene Regionen, wie hier in der Demokratischen Republik Kongo. Nun ist in vielen Ländern eine Versorgung der Landbevölkerung kaum noch möglich

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bringt Masernimpfungen und medizinische Hilfsmittel per Motorrad in entlegene Regionen, wie hier in der Demokratischen Republik Kongo. Nun ist in vielen Ländern eine Versorgung der Landbevölkerung kaum noch möglich

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HEREWARD HOLLAND/ REUTERS

Laut Schätzungen der WHO infizierten sich im Jahr 2018 weltweit 228 Millionen Menschen mit der von Moskitos übertragenen Krankheit. 93 Prozent davon in Afrika, darunter viele Kinder . Die Zahlen werden 2020 vermutlich um ein Vielfaches steigen.

In den vergangenen Wochen kam es bereits in vielen Ländern zu Unterbrechungen von Lieferketten. Wichtige Malariabekämpfungsmittel wie Schutznetze, Schnelltests und Medikamente kommen wegen Import- und Exportbeschränkungen und des massiven Rückgangs von Flugverbindungen nicht mehr dorthin, wo sie gebraucht werden. "Wir laufen Gefahr, um 20 Jahre zurückgeworfen zu werden", so Pedro Alonso, Direktor des Malariaprogramms der WHO.

Auch Erfahrungen, die während anderer Epidemien in Afrika gemacht wurden, bereiten Sorge. Der Ebolaausbruch in den Jahren 2014 bis 2016 in Guinea, Liberia und Sierra Leone behinderte die Malariabekämpfung zum Beispiel so stark, dass es zu einem massiven Anstieg  der malariabedingten Erkrankungen und Todesfälle kam.

Eine Hochrechnung des Imperial College London besagt, dass dies allein in Guinea zu wahrscheinlich 5600 zusätzlichen Malariatodesfällen geführt hat. Auch verglichen mit den 2543 Ebolatoten im Land, ist das eine erschreckende Zahl.

Es ist davon auszugehen, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie weitaus dramatischer sein werden. In der gesamten Welt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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