Welthunger-Index 2020 37 Länder verlieren Kampf gegen den Hunger

Bis 2030 wollen die Uno-Mitgliedstaaten den Hunger besiegen. Der weltweite Index zeigt aber: Aktuell sind die Fortschritte zu klein, um das Ziel noch zu erreichen. Die Pandemie wirke wie ein "Brandbeschleuniger".
Eine Mutter hält die Füßchen ihres Neugeborenen im Jemen im Juli 2020

Eine Mutter hält die Füßchen ihres Neugeborenen im Jemen im Juli 2020

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Xinhua / imago images

Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Vor einigen Tagen war das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Das Programm hat das erklärte Ziel, den Hunger in der Welt bis zum Jahr 2030 zu beenden. Nun hat die Welthungerhilfe einen Index (WHI) vorgestellt, der die Lage in 107 Ländern analysiert. Das Ergebnis: Die Welt ist angesichts aktueller Krisen, gerade durch die Corona-Pandemie, nicht auf dem Kurs, das verbindliche Ziel "Zero Hunger" bis 2030 zu erreichen.

"Schon vor dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie war die Hungersituation insbesondere in Afrika südlich der Sahara und Südasien alarmierend", heißt es in dem Welthunger-Index 2020 , der gemeinsam mit der Hilfsorganisation Concern Worldwide herausgegeben wird, und weiter: "Covid-19 wirkt wie ein Brandbeschleuniger."

690 Millionen Menschen leiden derzeit Hunger, die Zahl ist gestiegen. 144 Millionen Kinder sind aufgrund chronischer Unterernährung wachstumsverzögert. Im Jahr 2018 starben 5,3 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, häufig infolge von Unterernährung.

Corona-Pandemie beschleunigt Krisen und Mangelernährung

Der WHI spiegelt die Auswirkungen der Coronakrise noch nicht wider. Doch die Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass es durch die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen für Menschen in vielen Ländern noch schwieriger geworden ist, ihre Ernährung sicherzustellen. Außerdem litten die Menschen unter Kriegen, Dürren, Überschwemmungen oder Heuschreckenplagen. Der Klimawandel verschärfe Hunger und Armut.

Etwa 37 Länder werden, sollten die Verbesserungen weiter so schleppend vorangehen, bis 2030 nicht einmal ein niedriges Hungerniveau in dem Index erreichen, prognostiziert der WHI. Konkret heißt das: Bis zu 840 Millionen Menschen könnten in zehn Jahren weiter unterernährt sein.

Der WHI-Wert wird auf der Grundlage von vier Indikatoren ermittelt: Verbreitung von Unterernährung, Wachstumsverzögerung bei Kindern, Auszehrung bei Kindern sowie Kindersterblichkeit. Die Skala reicht von "niedrig" (bei einem WHI-Wert von bis zu 9,9) und "mäßig" (10 bis 19,9) über "ernst" (20 bis 34,9) bis hin zu "sehr ernst" (35 bis 49,9) und "gravierend" (50 und mehr).

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Weltweit ist der Schweregrad von Hunger und Unterernährung demnach 2020 als "mäßig" einzustufen, der WHI-Wert liegt bei 18,2. Im Vergleich zum Jahr 2000 sei der Hunger zwar zurückgegangen, allerdings seien die Fortschritte zu gering, um den Hunger in zehn Jahren tatsächlich besiegt zu haben.

  • In Afrika südlich der Sahara und in Südasien ist die Hungersituation ernst, es gibt dort demnach einen hohen Anteil unterernährter Menschen, bei vielen Kindern ist das Wachstum verzögert.

  • In Subsahara-Afrika erreicht die Kindersterblichkeit den weltweit höchsten Wert.

  • In elf Ländern wird die Lage als sehr ernst oder vorläufig sehr ernst eingestuft, darunter Tschad, Madagaskar, Somalia, Südsudan, Syrien und der Jemen.

  • Von ernstem Hunger sind Menschen in 31 Ländern betroffen.

  • In 46 Ländern, in denen der Hunger mäßig oder schlimmer ist, sind die WHI-Werte seit 2012 zwar gesunken, aber für 14 Länder innerhalb dieser Kategorien weisen die WHI-Werte auf eine Zunahme von Hunger und Unterernährung hin.

Mehr Klimaschutz für weniger Hunger

Selbst in Ländern ohne landesweite Hungerkrisen sei das Ausmaß an Hunger und Unterernährung in Teilen der Bevölkerung besorgniserregend hoch.

Um den Hunger nachhaltig zu bekämpfen, bedürfe es einer nachhaltigen Landwirtschaft vor Ort, der Unterstützung lokaler Kleinbauern, und fairer Handelsbeziehungen. Auch entschiedener Klimaschutz und Erhalt der Artenvielfalt seien wichtig, um Menschen vor den Auswirkungen von Umweltkatastrophen wie Dürre oder Überschwemmungen zu schützen. Diese treiben Menschen in die Armut, nehmen ihnen Existenzgrundlagen, sorgen für Ernteausfälle oder zwingen sie zur Flucht.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

mst
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