Welthunger-Index 2021 »Kinder nehmen Drogen, weil sie Hunger haben«

Der neue Welthunger-Index 2021 warnt vor Rückschlägen im Kampf gegen den Hunger. Konflikte und die Folgen der Pandemie verschärfen Ernährungskrisen – wie im Jemen. Dort droht Hunderttausenden Kindern der Hungertod.
Der Jemen ist eines der Länder mit der schlimmsten Ernährungskrise weltweit

Der Jemen ist eines der Länder mit der schlimmsten Ernährungskrise weltweit

Foto: Giles Clarke / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Jemens Volksdroge wächst an einem Strauch und wirkt ähnlich wie Amphetamin: Wer Khat-Blätter kaut, beruhigt sich, wird euphorisch, fühlt sich nach ein paar Stunden Kauen energiegeladen – auch Militärs und Milizen in dem Bürgerkriegsland putschen sich deswegen mit Khat auf.

Khat zügelt auch den Appetit – der italienischen Journalistin und Filmemacherin Laura Silvia Battaglia zufolge verbreitet sich die Droge mittlerweile als Ersatz für Essen in der gesamten Bevölkerung des Landes.

»Viele Menschen haben nichts zu essen, weil die meisten Lebensmittel importiert werden und sie keine Jobs und kein Geld haben, aber Khat-Sträucher gibt es überall, oder die Droge ist billig zu kaufen«, beobachtet Battaglia, die den Dokumentarfilm »Yemen, despite the War « (Der Jemen, abgesehen vom Krieg) über den Konflikt gedreht und lange dort gelebt hat. »Mittlerweile kauen alle – auch Kinder nehmen Drogen, weil sie Hunger haben.« Die jüngsten seien manchmal erst vier Jahre alt.

Kinder wachsen im Jemen in den Konflikt hinein

Kinder wachsen im Jemen in den Konflikt hinein

Foto: Mohammed Hamoud / Getty Images

Der Jemen war schon immer das ärmste Land der Arabischen Halbinsel, doch seit Ausbruch des Bürgerkriegs 2014 hat sich die Lage dramatisch verschlechtert: Seit sieben Jahren herrscht ein Krieg zwischen den von Saudi-Arabien und anderen Staaten unterstützten Truppen von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi und schiitischen Huthi-Rebellen, hinter denen Iran steht, und eine der schlimmsten Ernährungskrisen weltweit.

»Die Hungerlage ist sehr ernst, 2021 droht eine Hungersnot«, warnt die Welthungerhilfe in ihrem Welthunger-Index 2021 , den sie an diesem Mittwoch gemeinsam mit der Hilfsorganisation Concern Worldwide veröffentlicht hat. »Alle WHI-Indikatoren im Jemen sind besorgniserregend.«

Die Welthungerhilfe warnt zudem weltweit vor Rückschritten im Kampf gegen den Hunger: »Die drei verheerendsten Hungertreiber Konflikte, Klimawandel und die Covid-19-Pandemie bedrohen jegliche Fortschritte der letzten Jahre«, heißt es in dem Bericht.

Die Mehrheit der Bevölkerung im Jemen ist auf humanitäre Hilfe angewiesen

Die Mehrheit der Bevölkerung im Jemen ist auf humanitäre Hilfe angewiesen

Foto: YAHYA ARHAB / EPA

In fast 50 Ländern stuft die Organisation die Hungersituation als ernst, sehr ernst oder gravierend ein – demnach befindet sich ein Land, Somalia, in einer gravierenden Hungersituation. In den fünf Ländern Zentralafrikanische Republik, Tschad, der Demokratischen Republik Kongo, Madagaskar und dem Jemen ist die Hungersituation sehr ernst; in vier weiteren Ländern – Burundi, Komoren, Südsudan und Syrien – wird sie vorläufig als sehr ernst bewertet. Und das Welternährungsprogramm warnt, dass 41 Millionen Menschen weltweit kurz vor einer Hungersnot stehen.

Der Uno zufolge sind im Jemen 20 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, rund zwei Drittel der Bevölkerung. Mehr als fünf Millionen Bürger befinden sich am Rande einer Hungersnot, während Zehntausende bereits unter hungersnotähnlichen Bedingungen leiden. 400.000 unterernährte Kinder könnten dem Welternährungsprogramm WFP  zufolge in diesem Jahr im Jemen sterben, »wenn nicht dringend eingegriffen wird«. Schon jetzt liegt die Kindersterblichkeitsrate bei 5,8 Prozent.

Unterernährtes Baby: Der Uno zufolge sind mehr als elf Millionen Kinder im Jemen auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben; mehr als zwei Millionen Kinder leiden unter akuter Unterernährung

Unterernährtes Baby: Der Uno zufolge sind mehr als elf Millionen Kinder im Jemen auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben; mehr als zwei Millionen Kinder leiden unter akuter Unterernährung

Foto: Mohammed Hamoud / Getty Images

Den Kindern, denen Bushra Aldukhainah im Jemen bei Lebensmittelausgaben und anderen Hilfsprojekten begegnet, sieht sie die Unterernährung sofort an. Die Haare würden gelblich aussehen, ihr Wachstum sei gestört. »Wenn du ein Kind fragst, wie alt es ist, erzählt es dir, dass es zehn oder elf Jahre alt ist«, sagt Aldukhainah, die für die Nichtregierungsorganisation Care International arbeitet. »Aber es sieht kaum aus wie sechs.«

Mehr als 400 Care-Mitarbeiter sind derzeit im Jemen im Einsatz. Für Aldukhainah und ihr Team ist es ein Dilemma, in jemenitischen Gemeinden die Hilfsbedürftigen auszuwählen, die Essensmittel, Gutscheine oder Bargeld von Care International erhalten: »Weil mittlerweile fast alle hilfsbedürftig sind.« Auch Beamte und Mitarbeiter der Regierung seien in die Armut abgerutscht – denn ihre Gehälter werden schon seit Jahren nicht mehr ausgezahlt. Während der Pandemie hat sich die Not nochmals verschärft.

Weltweit sind die Preise für Lebensmittel in der Pandemie gestiegen, auch im Jemen. Im Norden des Landes hat ein Sack Mehl Aldukhainah zufolge vor der Coronakrise 2500 Jemen-Rial gekostet, umgerechnet rund 8,50 Euro. Mittlerweile liege der Preis bei umgerechnet mehr als 60 Euro; im Süden seien die Preissteigerungen noch extremer. Hintergrund für den Preisboom ist auch ein Wirtschafts- und Finanzkrieg  zwischen Regierung und Rebellen, der in einigen Regionen teils zu heftigen Inflationen geführt hat.

Lebensmittel, Wasserprojekte und Arbeitsprogramme: Bushra Aldukhainah von Care International versucht, die Not vor Ort zu lindern

Lebensmittel, Wasserprojekte und Arbeitsprogramme: Bushra Aldukhainah von Care International versucht, die Not vor Ort zu lindern

Foto: CARE International

Auch zu sauberem Trinkwasser haben die meisten Menschen im Land keinen Zugang. Frauen und Kinder müssen meist Wasser holen – sie laufen dafür mit Kanistern oft mindestens vier Stunden zu einer Wasserquelle und schleppen es dann wieder nach Hause. Ihnen drohen dabei nicht nur Gefahren wie Sprengsätze, Luftangriffe oder sexuelle Gewalt auf dem Weg; sie holen das Wasser aus ungesicherten Wasserlöchern oder offenen Brunnen, die laut Aldukhainah oft mehr als 15 Meter tief seien – immer wieder komme es vor, dass Kinder und Frauen beim Wasserholen stürzen und ertrinken.

Schmutziges Wasser, fehlende sanitäre Anlagen und zerstörte Krankenhäuser führten während des Konflikts im Jemen auch zum Ausbruch einer Cholera-Epidemie, Hunderttausende erkrankten. Care International hat in einigen Städten Wasserspeicher und Waschmöglichkeiten installiert, befestigt Wasserstellen so, dass sie sicherer und einfacher zugänglich sind oder baut zusammen mit Communitys vor Ort Märkte wieder auf. Doch all diese Maßnahmen scheinen nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein, solange der Konflikt im Land nicht gelöst ist.

Luftangriffe auf See: Auch Fischer wurden zu Zielen, als die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition begann, Boote zu bombardieren

Luftangriffe auf See: Auch Fischer wurden zu Zielen, als die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition begann, Boote zu bombardieren

Foto: Giles Clarke / Getty Images

Denn Hunger und der beschränkte Zugang zu Essen und Wasser sind im Jemen nicht nur eine Folge des Krieges – sondern eine Kriegswaffe. Die jemenitische Menschenrechtsorganisation Mwatana und Rechtsexperten der Global Rights Compliance werfen allen Konfliktparteien vor, Hunger gezielt als »Methode der Kriegsführung« einzusetzen. Sie hätten »der Zivilbevölkerung überlebenswichtige Ressourcen entzogen und sie ausgehungert, in einigen Fällen bis zum Tod«, heißt es in dem im September 2021 veröffentlichten Bericht »Starvation Makers«  (Hungermacher). Das Ziel: die gegnerische Seite zu schwächen.

Bei den Luftangriffen der von Saudi-Arabien geführten Koalition wurden nicht nur Krankenhäuser , Straßen und Brücken attackiert, sondern auch landwirtschaftliche Betriebe und Flächen, Viehbestand, Nahrungsmittel, Fischerboote und Fischereiausrüstung, Märkte, Trinkwasserversorgung sowie Bewässerungsanlagen zerstört oder beschädigt.

Große Teile des Landes liegen in Trümmern – und die Kämpfe gehen weiter

Große Teile des Landes liegen in Trümmern – und die Kämpfe gehen weiter

Foto: Mohammed Hamoud / Getty Images

Seit 2015 hat die von Saudi-Arabien geführte Koalition zudem See- und Luftlockaden verhängt, die die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten einschränkt.

Doch auch die Huthi-Rebellen haben humanitären Organisationen den Zugang zu Regionen verweigert, Hilfslieferungen und Geld für die Versorgung der Bevölkerung für ihre Kriegskasse abgezweigt  – das Welternährungsprogramm WFP sah sich zwischenzeitlich sogar gezwungen, seine Lebensmittelausgaben einzustellen.

Die Zivilbevölkerung zahlt den Preis dafür, häufig mit dem eigenen Leben. Unterernährung ist der Ärztin Masha Pastrana Durasievich zufolge »nichts Neues im Jemen« – doch seit dem vergangenen Jahr habe die Zahl unterernährter Patienten graduell zugenommen. »Fast täglich kommen stark unterernährte Kinder in unsere medizinischen Einrichtungen, die wir in der Notaufnahme mit lebensrettenden Maßnahmen stabilisieren«, sagt Durasievich, die im Jemen als medizinische Koordination für Ärzte ohne Grenzen arbeitet.

Die Kinder seien oft völlig geschwächt, würden mit Durchfall, Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen kämpfen. Auch die Mütter seien häufig unterernährt, hätten nicht genug Muttermilch, um ihre Kinder zu stillen – da sie sich, wie sie der Ärztin erzählten, selbst oft nur von Brot und Tee mit ein bisschen Zucker ernährten. Hinzu kommen die Covid-19-Patienten.

Das Gesundheitssystem im Jemen steht vor dem Kollaps

Das Gesundheitssystem im Jemen steht vor dem Kollaps

Foto: Abdulnasser Alseddik / Anadolu / Getty Images

»Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs«, glaubt Durasievich. Denn in den zwölf Krankenhäusern, die die Organisation vor Ort unterstützt, werden vor allem Notfälle behandelt. Zu vielen Communitys hätten die Ärzte aufgrund der Gefechte derzeit keinen Zugang; zudem kämen die meisten Menschen erst ins Krankenhaus, wenn ihr Zustand »extrem kritisch« sei – »manchmal kann man dann nicht mehr viel machen«.

Viele Patienten können sich auch schlicht den Transport nicht leisten; die Treibstoffkrise hindert Bürger und sogar Krankenhausmitarbeiter daran, zur Arbeit zu kommen. Und in einigen Krankenhäusern fallen deshalb manchmal auch die Maschinen und das Licht aus.

Und ein Ende des Konflikts im Jemen ist nicht in Sicht; die Friedensgespräche , die in Oman stattfinden, verlaufen schleppend. Battaglia warnt, dass der Jemen schnell Lösungen braucht – denn Generationen seien bereits verloren.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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