Krisen, Kriege, Klimawandel Weltweit sind so viele Menschen im eigenen Land auf der Flucht wie noch nie

59 Millionen Menschen mussten im vergangenen Jahr innerhalb ihres Landes fliehen. Doch die globale Übersicht zeigt, dass längst nicht alle Weltregionen gleich betroffen sind – und andere gleich doppelt.
Ein Mann läuft durch einen Sandsturm in Somalia: Das afrikanische Land leidet aktuell unter der schwersten Dürre seit Jahrzehnten

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Foto: Sally Hayden / SOPA Images / LightRocket / Getty Images
Globale Gesellschaft

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59 Millionen Menschen mussten im vergangenen Jahr innerhalb ihres Landes fliehen. Das geht aus dem jährlichen Bericht über Binnenvertreibung des Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) hervor. Ursache für diese noch nie dagewesene Zahl seien vor allem Krieg und Langzeitkonflikte, aber auch Naturkatastrophen. Zu den am stärksten betroffenen Ländern gehören Äthiopien, Afghanistan, Syrien und die Demokratische Republik Kongo (DRK). Im Jahr zuvor waren 55 Millionen Menschen im eigenen Land auf der Flucht.

Tatsächlich könnten aktuell noch mehr Menschen auf der Flucht sein, als es der Bericht ausweist, warnen die Autoren. »Die Situation ist heute noch viel schlimmer, als es unsere Rekordzahlen vermuten lassen, denn darin sind die fast acht Millionen Menschen nicht enthalten, die vor dem Krieg in der Ukraine fliehen mussten«, so der Generalsekretär des norwegischen Flüchtlingsrats, Jan Egeland. Das IDMC ist Teil der Hilfsorganisation.

Dass die Zahlen nun so hoch sind, liegt vor allem daran, dass Millionen Menschen nicht in ihre Heimatregion zurückkehren können, während weitere Menschen fliehen. Im Jahr 2021 wurden rund 38 Millionen Binnenvertreibungen gemeldet, die zweithöchste Zahl in einem Jahrzehnt. Konflikte und Gewalt lösten 14,4 Millionen Vertreibungen aus, was einem Anstieg von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Straßenschlachten in Myanmar – die Verfolgung der Rohingya gilt seit Jahren als Sinnbild ethnisch motivierter Vertreibung. Doch auch Oppositionelle sind im Land nicht mehr sicher.

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Foto: Stringer / Getty Images

Am stärksten davon betroffen waren afrikanische Staaten, die südlich der Sahara liegen. Mehr als fünf Millionen Vertreibungen gab es allein in Äthiopien – der höchste Wert, der jemals für ein einzelnes Land verzeichnet wurde. Auch die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan und Myanmar verzeichneten 2021 eine noch nie dagewesene Zahl an Vertreibungen.

Der Nahe Osten und Nordafrika erreichten dagegen den niedrigsten Stand seit zehn Jahren, da die Konflikte in Syrien, Libyen und dem Irak deeskalierten. Gleichzeitig, warnen jedoch die Autorinnen und Autoren des Berichts, gehe die Zahl derjenigen, nicht zurückkehren könnten, kaum zurück.

»Der Trend wird sich nicht rückgängig machen lassen, wenn keine sicheren Bedingungen für Binnenvertriebene geschaffen werden, um zurückkehren, sich integrieren oder anderswo neu ansiedeln zu können«, so Alexandra Bilak, Direktorin des IDMC. »Es bedarf friedensfördernder und entwicklungspolitischer Initiativen, um die grundlegenden Probleme zu lösen.«

Extremwetterereignisse sorgen für die meisten Vertreibungen

Die meisten Binnenvertreibungen weltweit wurden nach wie vor durch Katastrophen ausgelöst. Im Jahr 2021 waren es laut dem Bericht 23,7 Millionen. Auf wetterbedingte Gefahren entfielen demnach 94 Prozent der Gesamtzahl, viele davon waren präventive Evakuierungen angesichts von Wirbelstürmen und Überschwemmungen, die dicht besiedelte Gebiete in Asien und der Pazifikregion trafen. China, die Philippinen und Indien verzeichneten mit sechs Millionen, 5,7 Millionen und 4,9 Millionen die höchsten Werte seit fünf Jahren.

Freiwillige packen Lebensmittelpakete für Geflüchtete in der Ukraine – die Folgen des Krieges tauchen in der aktuellen Statistik noch gar nicht auf, sorgen weltweit gesehen aber für einen Rekordanstieg

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Foto: Rick Mave / SOPA Images/ LightRocket / Getty Images

In vielen Ländern kamen militärische Konflikte und Naturkatastrophen jedoch auch zusammen. In Staaten wie Mosambik, Myanmar, Somalia oder dem Südsan sorgte das dafür, dass Menschen mehrfach zur Flucht gezwungen wurden. Der Bericht warnt, dass solche Krisen die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen zusätzlich bedrohten. Durch die Pandemie und die Gefahren von Covid-19 sei die Situation der Binnenvertriebenen im vergangenen Jahr zusätzlich erschwert worden.

Rund 25,2 Millionen der Binnenvertriebenen weltweit waren im vergangenen Jahr Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Für sie fordert das IDMC besonderen Schutz, um weitere Konflikte zu vermeiden.

»Kinder und Jugendliche sind Akteure des Wandels. Sie anzuerkennen, ist von entscheidender Bedeutung, um das Risiko künftiger Krisen zu verringern«, erklärte Alexandra Bilak. »Die Vorbereitung der Welt von morgen muss mit ihrer aktiven Beteiligung beginnen.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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