Debatte über europäische Helfer in Afrika »Es braucht keine Weißen, die zeigen, wo es langgeht«

Prominente wie Madonna oder Ed Sheeran, aber auch Abiturienten aus Europa fahren gern nach Afrika, helfen in einer Organisation und fotografieren sich mit schwarzen Kindern. Nun wächst der Widerstand – »Weiße Retter« sind out.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Weiße Retterin im Kolonialoutfit: Für diesen Auftritt wurde Melania Trump heftig kritisiert

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Foto: Carolyn Kaster/ AP
Globale Gesellschaft

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#africanchild, #FromSlumWithLove, #PutASmileOnAChildsFace: Instagram-Hashtags eines Waisenheimes in Nairobi. Darüber viele Bilder weißer junger Frauen und Männer, die wahlweise schwarze Babys im Arm halten, schwarze Kinder füttern oder schwarze Mädchen schminken. 

»Ich bin hier, um den Kindern und Jugendlichen zu helfen«, wird eine portugiesische – weiße – Frau zitiert. Darüber ein Spendenaufruf. 

Für dieses Phänomen gibt es inzwischen einen Begriff, und er ist nicht positiv gemeint: White Saviorism, also Weißes Rettertum. Weiße als Retter, Schwarze als zu Rettende.

Erst wird getanzt, dann wird gespendet

Besuch beim Inua Mimi Rescue Center, dem Waisenheim in Kenias Hauptstadt, wo diese Bilder aufgenommen wurden. Die Leiterin Paschaliah Nduku steigt eine schmale Treppe hinauf in ein enges Büro, in der Ecke läuft ein alter Fernseher. Nduku findet nichts Falsches an den Fotos. »Ja, das sind unsere Retter«, sagt sie und meint damit die weißen Freiwilligen und Touristen, die zumindest vor Ausbruch der Pandemie hier regelmäßig ein und aus gingen.

Heimleiterin Paschaliah Nduku muss derzeit ohne Freiwillige aus Europa und den USA auskommen

Heimleiterin Paschaliah Nduku muss derzeit ohne Freiwillige aus Europa und den USA auskommen

Foto: Zakaria Ahmed / DER SPIEGEL

»Es ist gut, über das Thema zu diskutieren. Aber warum sollte ich nein sagen, wenn sie mir das Geld bringen?«, fragt Nduku. Die Spenden folgen meist einem festen Ritual: Weiße Touristen buchen eine der vielen Slumtouren in Nairobi. Der Guide bringt sie dann in ein Waisenheim wie das Inua Mimi Rescue Center. Dort angekommen, versammeln sich die Kinder im Halbkreis, beginnen zu singen und zu tanzen. Meist sind es Lieder, die Europäer von Kenia-Urlauben kennen. Am Ende wird gespendet.

Doch derzeit rächt sich diese Abhängigkeit von weißen Wohltätern. Denn seit Beginn der Pandemie bleiben sie aus. Auch die freiwilligen Helfer aus Europa und Amerika, die für einige Wochen in den vielen Waisenheimen und Schulen aushelfen. Das Gefühl, etwas Gutes und Wichtiges geleistet zu haben, kostet meist mehrere Tausend Euro Gebühren. »Das ist alles weggebrochen«, erzählt Paschaliah Nduku. 

»Ich weiß nicht, was das Problem ist mit uns Schwarzen«, sagt sie und zwickt sich dabei selbst in den Arm, als wolle sie auf ihre Hautfarbe hinweisen. »Aber die Spenden bekommen wir von den Weißen, nicht von unseren eigenen Leuten.« 

Alle wollen Fotos mit schwarzen Kindern

Genau diese Selbstwahrnehmung ist für Sophie Otiende das Problem: »Die ganze Hilfsbranche sagt uns Einheimischen seit Jahren, wie wir uns selbst zu sehen haben. Als Menschen, denen von außen geholfen werden muss, die es nicht selbst schaffen können.« Sie findet Bilder mit weißen Rettern »einfach nur grauenhaft«. Die kenianische Aktivistin arbeitet mit Opfern von Menschenhandel, hat mehrere Heime für Überlebende geleitet.  

Sophie Otiende lässt inzwischen die Jugendlichen selbst fotografieren – ohne weiße Retter

Sophie Otiende lässt inzwischen die Jugendlichen selbst fotografieren – ohne weiße Retter

Foto: Zakaria Ahmed / DER SPIEGEL

Immer wieder kamen diese Fragen von weißen Europäern und Amerikanern: »Darf ich mich mit den Kindern fotografieren?«, »Kann ich hier mithelfen?«. Manche der Hilfsbereiten hatten gerade einmal das Abitur in der Tasche. »Um in Europa mit traumatisierten Kindern zu arbeiten, braucht man eine fundierte Ausbildung«, sagt Otiende. »Warum sollte es hier bitte anders sein? Weil Weiße wissen, wie man Afrikanern hilft?«

Sie habe nichts gegen Weiße, die sich engagieren wollen, versichert die 35-Jährige. Ihre Bedingung: Sie müssen mindestens sechs Monate bleiben und über die nötige Ausbildung verfügen. Alle anderen werden abgewiesen, auch die klassischen Retterfotos mit schwarzen Kindern sind tabu. »Mit diesen Bedingungen war es extrem schwer für mich, an Gelder zu kommen. Denn das ganze System basiert auf White Saviorism.«  

Im Privatjet zur Wohltat

Eine deutsche Frau habe sich einmal empört: »Aber das sind doch arme Leute, die brauchen Hilfe.« Otiendes Antwort: »Nicht diese Art von Hilfe.« Die 35-jährige Aktivistin hat nun gemeinsam mit weiteren Organisationen  ein neues Projekt gestartet, es geht um ethische Narrative in der Hilfsbranche. Ohne White-Savior-Motive, Wasserbäuche, laufende Nasen und Fliegen in den Augen. Dafür hat sie Jugendlichen selbst Kameras in die Hand gedrückt, um zu dokumentieren, was sie für wichtig halten.

Andere Verantwortliche von Kinderheimen, die lieber anonym bleiben möchten, erzählen ganz ähnliche Geschichten. »Wir hatten einmal die Anfrage einer reichen Deutschen, die im Privatjet kommen und eine groß angelegte Spendenaktion starten wollte«, erzählt eine Heimbetreiberin. »Eine hoffnungsstiftende Reise ans Meer für Kinder mit traurigen Augen. Als ich ihr erklärt habe, dass die Kinder schon oft am Meer waren und eher Geld für Schulgebühren brauchen könnten, haben wir nie wieder von ihr gehört.«

»Es wird ein Vakuum entstehen, wenn das herkömmliche Narrativ der weißen Retter verschwunden ist«, sagt Otiende. »Die Frage ist, welche Geschichten wir stattdessen erzählen wollen.«

Joshua Kisamwa hat die Antwort für sich bereits gefunden. In Flipflops steht der Filmemacher breitbeinig in einem der ärmeren Viertel von Nairobi, die Ellbogen in den Bauch gestützt. Die Kamera zeigt auf zwei blinde Frauen, sie tragen dunkle Sonnenbrillen und erzählen Geschichten von den unfassbaren Herausforderungen in diesem Teil der kenianischen Hauptstadt. Gleich danach interviewt Kisamwa das Team einer Graswurzelorganisation, das Menschen mit Behinderung vor Ort unterstützt. Von Kenianern für Kenianer. 

Auch seine Geschichten drehen sich oft um die gängigen Themen vom afrikanischen Kontinent: Geschichten von Armut, von Kinderehen, von Leid. Aber immer mit lokalen Helden und einem weiteren Kontext. Vor Kurzem bekamen er und neun weitere Filmemacher einen größeren Auftrag: Die britische Organisation Comic Relief bestellte Kurzfilme. Die Geschichte hinter diesem Auftrag steht für den tief greifenden Wandel, der in der Hilfsbranche gerade im Gange ist.

»Besser, wir erzählen die Geschichten selbst«, findet Filmemacher Joshua Kisamwa

»Besser, wir erzählen die Geschichten selbst«, findet Filmemacher Joshua Kisamwa

Foto: Zakaria Ahmed / DER SPIEGEL

Comic Relief organisiert unter anderem den Red Nose Day, eine Benefizaktion, die auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird. In den vergangenen Jahren ist Comic Relief massiv in die Kritik geraten, vor allem wegen ihrer Fundraisingvideos und -fotos. Der Popstar Ed Sheeran zwischen armen Straßenkindern in Afrika, unterlegt mit trauriger Musik. Die Moderatorin Stacey Dooley hält ein schwarzes Kind im Arm, die klassische weiße Retterin. Die Kritik folgte prompt und sie kam vor allem von Twitter- und Facebook-Accounts schwarzer Aktivistinnen und Aktivisten. 

Ed Sheeran kommt nicht mehr 

Nun will Comic Relief alles besser machen und hat unter anderem Joshua Kisamwa engagiert. »Die Zeiten haben sich geändert, und wir haben das auch«, heißt es reumütig in einer veröffentlichten Pressemitteilung von Comic Relief aus dem Herbst 2020. Statt eingereister internationaler Stars sollen nun einheimische Filmemacher ihre Geschichten erzählen.

Den ersten Film hat Joshua Kisamwa bereits fertig. Es ist die Geschichte von Rehema, einer Frau von der kenianischen Küste, die sich gegen Kinderehen engagiert. »Besser wir erzählen diese Geschichten selbst, als dass Weiße über uns reden«, sagt Kisamwa.

Es gehe dabei auch um Selbstbewusstsein: »Das ist das Erbe der Kolonialzeit, wir waren über Jahrzehnte abhängig und viele hoffen noch immer auf die Hilfe von außen. Wir haben unser eigenes Potenzial nicht erkannt. Das ist der Hauptschaden.«

In der Pandemie denken die Retter zuerst an sich selbst

Auch in der Corona-Pandemie lautet die gängige Erzählung: Der Westen hat Afrika im Stich gelassen, der Kontinent bekommt keine Impfungen ab, bevor Europa und Amerika versorgt sind. »Natürlich stimmt das«, sagt der nigerianische Molekularbiologe Christian Happi. »Aber warum fragen wir immer: Was machen die anderen für uns? Und nicht: Was können wir selbst?«

In seinem modernen Labor  in Ede, Nigeria, forscht Happi seit Monaten rund um die Uhr zum Coronavirus. Sein Team entwickelt derzeit einen eigenen Impfstoff, speziell auf Basis afrikanischer Virus-Sequenzen. In Tierversuchen zeigte die Vakzine eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent. »Niemand hätte für möglich gehalten, dass so etwas in Afrika entwickelt werden kann«, sagt Happi.

Er forscht an einer Corona-Impfung made in Africa – der nigerianische Molekularbiologe Christian Happi

Er forscht an einer Corona-Impfung made in Africa – der nigerianische Molekularbiologe Christian Happi

Foto: PIUS UTOMI EKPEI / AFP

Noch fehlen die Gelder, um die nötigen klinischen Studien an menschlichen Probanden umzusetzen. Virologe Happi hofft, dass die nigerianische Regierung ihren Beitrag leistet. »Gerade die Pandemie hat gezeigt: Wir müssen unser eigenes Potenzial in Afrika ausschöpfen und selbst Lösungen finden.« Denn die vermeintlichen Retter denken derzeit zuerst an sich selbst.

Auch Olivia, Wendy und Kelsey kämpfen auf ihre Weise gegen das koloniale Erbe. Die drei Frauen aus Kampala in Uganda haben die Organisation No White Saviors gegründet und machen selbst ernannten weißen Rettern seither das Leben schwer. Sie haben erfolgreiche Social-Media-Kampagnen organisiert, unter anderem gegen Comic Relief.

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Olivia hat in Uganda für eine kirchliche Organisation gearbeitet, Kelsey – die weiße Amerikanerin – war ihr Boss. Mit 23 Jahren, ohne Auslandserfahrung. »Das System ist kaputt«, erzählen die Frauen. Kelsey kam selbst als weiße Retterin nach Afrika. »Ich dachte, ich muss herkommen, um zu helfen. Irgendwann habe ich erkannt, dass ich Teil des Problems bin«, sagt Kelsey. »Es braucht keine Weißen, die zeigen, wo es langgeht.«

Inzwischen suchen sogar große Organisationen den Rat von No White Saviors. Organisationen wie Care, die pro Jahr 500 Millionen Dollar Einnahmen allein in den USA generieren. »Wir haben die Wahrnehmung verändert«, sagen die Aktivistinnen nicht ohne Stolz. Doch dafür sind sie massiven Anfeindungen ausgesetzt, von US-amerikanischen Konservativen bis hin zu Ugandern, die die Aufregung nicht verstehen.

Von Uganda aus organisieren sie Shitstorms: das Team von No White Saviors

Von Uganda aus organisieren sie Shitstorms: das Team von No White Saviors

Foto: No White Saviors

Lange spielte sich die Debatte über White Saviors nur in England und Amerika ab, doch inzwischen ist sie auch in Deutschland angekommen. Das hat auch Katharina Pauls, die ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, gespürt. Sie betreibt mit Freunden einen Verein, der unter anderem ein Waisenhaus in einem afrikanischen Land finanziert. »Ich habe vorher nie über dieses Thema nachgedacht«, räumt sie ein. 

In den sozialen Netzwerken posteten auch sie Bilder von weißen Helfern mit Waisenkindern. Im vergangenen Jahr kamen plötzlich kritische Kommentare, die schließlich zu einem veritablen Shitstorm anwuchsen. »Da haben wir angefangen zu hinterfragen, ob wir überkommene Stereotype bedienen«, sagt Pauls. Inzwischen haben sie eine eigene Arbeitsgruppe gegründet, die das Thema White Saviorism aufarbeiten soll.

Jahrzehntelange Tradition: Schon Prinzessin Diana gab sich gern als Retterin (1997)

Jahrzehntelange Tradition: Schon Prinzessin Diana gab sich gern als Retterin (1997)

Foto: Jose Manuel Ribeiro / REUTERS

Vor Kurzem lief im deutschen Fernsehen dann ein Bericht über das Heim. Übrig blieb nach dem Schnitt eine weiße Frau, die Hilfsgüter an schwarze Kinder verteilt. »Das hat uns entsetzt, wir haben uns distanziert.«

Muss ein Europäer einfliegen?

Auch viele größere Hilfsorganisationen beschäftigen sich derzeit mit der Frage: Sind wir zu weiß? Muss in Malawi oder Sambia ein Europäer einfliegen, um ein Projekt zu leiten? Warum sind die Führungsetagen so selten mit Menschen aus Afrika besetzt? Denn wenn Kinder in Dörfern bei Hilfseinsätzen Weiße als Manager und Einheimische als Gemanagte wahrnehmen, setzt sich das Image der White Savior weiter fort. 

Die Black-Lives-Matter-Bewegung habe einen heftigen Prozess ausgelöst, sagt Save-the-Children-Vorstandsvorsitzende Susanna Krüger. Save the Children setzt sich für benachteiligte Kinder weltweit ein.

»Das wird uns verändern«, sagt Susanna Krüger von Save the Children

»Das wird uns verändern«, sagt Susanna Krüger von Save the Children

Foto: Save the Children

»Diese Welle hat tief greifende Veränderungen angestoßen.« Die Organisation habe sich in den vergangenen Monaten mit strukturellem Rassismus auseinandergesetzt, mit Machtstrukturen im eigenen Apparat. Nette Fotoshootings von Sponsoren mit schwarzen Kindern seien schon länger tabu, das verbiete der Kinderschutz. »Manche Geldgeber wollen das noch und dann kommen wir nicht zusammen«, erzählt Krüger.

Umstrittene Patenschaften

Nach wie vor hält der US-amerikanische Ableger von Save the Children aber an Patenschaften für arme Kinder in Afrika und Asien fest: »Verhelfen sie einem Kind in Afrika zu einem besseren Leben.« Vorstandsmitglied Susanna Krüger ist darüber nicht sehr glücklich, zu sehr bleibt der Beigeschmack des »weißen Retters«. »In Deutschland haben wir solche Patenschaften nie gemacht«, sagt sie. 

Es geht auch ohne weiße Retter: ein Hilfsprojekt von Unicef und Save the Children

Es geht auch ohne weiße Retter: ein Hilfsprojekt von Unicef und Save the Children

Foto: Ben Curtis / picture alliance / AP Photo

Im Waisenheim Inua Mimi Rescue Center in Nairobi tanzen schon lange keine Kinder mehr für weiße Besucher, denn die Touristen und Freiwilligen bleiben wegen Covid lieber in der sicheren Heimat. Die Heimleiterin Paschaliah Nduku muss nun in der Nachbarschaft nach Spendern suchen. »Mir ist es auch lieber, wenn das Geld hier von vor Ort kommt«, sagt sie. Unter #africanchild finden sich auf Instagram jetzt nur noch Bilder ohne weiße Retter.  

Mitarbeit: Asha Jaffar

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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