WHO-Bericht Affenpocken treffen in Afrika auch Frauen

In 78 Ländern weltweit wurden bislang Fälle von Affenpocken registriert. Meist verbreitet sich das Virus unter Männern – in Afrika ist das jedoch grundlegend anders, berichten nun Experten. Wie kommt das?
Afrikanische Spezialisten bei der Untersuchung möglicher Affenpocken-Fälle 2017 in der Republik Kongo

Afrikanische Spezialisten bei der Untersuchung möglicher Affenpocken-Fälle 2017 in der Republik Kongo

Foto: Melina Mara / The Washington Post / Getty Images
Globale Gesellschaft

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Seit Wochen sorgt die Ausbreitung der Affenpocken weltweit für Verunsicherung. 98 Prozent der Fälle außerhalb Afrikas werden bei Männern gemeldet, die Sex mit anderen Männern haben, weltweit hat das Virus inzwischen 78 Länder erreicht. In Afrika selbst allerdings, darauf weisen Experten nun hin, verbreitet sich die Erkrankung ganz anders.

Mehr als ein Drittel der Erkrankungen in Afrika trifft Frauen

40 Prozent der Fälle beträfen derzeit Frauen, sagte der Epidemiologe Dr. Otim Patrick Ramadan am Donnerstag auf einer Pressekonferenz des WHO-Regionalbüros in Afrika. Mehr als 80 Prozent der afrikanischen Fälle träten in Ländern auf, in denen es bereits zuvor zu einer Übertragung gekommen war.

In Afrika ist die Erkrankung tödlicher als in westlichen Ländern. In diesem Jahr wurden mehr als 2800 Fälle in elf Ländern gezählt, 103 endeten tödlich. Allein in der vergangenen Woche kamen 766 Neuerkrankungen hinzu, die Zahl der Todesfälle stieg um 28. Außerhalb Afrikas starben bislang hingegen erst eine Handvoll Menschen, weltweit wurden bislang mehr als 25.000 Fälle registriert.

Spuren der Affenpocken-Erkrankung bei einem Betroffenen

Spuren der Affenpocken-Erkrankung bei einem Betroffenen

Foto: Smith Collection / Gado / Getty Images

Anders scheinen offenbar auch die Übertragungswege. Schon seit Jahren gibt es immer wieder Fälle von Affenpocken in afrikanischen Ländern, die bislang aber begrenzt blieben. Ahmed Ogwell Ouma, stellvertretender Direktor des Africa Centres for Disease Control and Prevention (CDC), erklärte auf einer separaten Pressekonferenz, dass es keine Beweise dafür gebe, dass die Übertragung unter homosexuellen Männern ein bedeutender Faktor für die Ausbrüche in Afrika sei.

»Wir sammeln seit 1970 Daten über Affenpocken, und dieser spezielle Indikator, nämlich Männer, die Sex mit Männern haben, ist hier nie ein wichtiges Thema gewesen«, sagte er.

Affenpockenvirus unter dem Rasterelektronen-Mikroskop

Affenpockenvirus unter dem Rasterelektronen-Mikroskop

Foto: Niaid / dpa

Dass viel stärker auch Frauen erkranken, ließe sich gesellschaftlich erklären, so Ouma. In der Regel seien sie es, die sich zu Hause um kranke Angehörige kümmerten – und sich so selbst dem Virus aussetzten. Affenpocken verbreiten sich durch engen Kontakt und Partikel auf gemeinsam genutzten Bettdecken, Handtüchern oder anderen Alltagsgegenständen. In der Regel verursacht das Virus grippeähnliche Symptome und eitrige Hautläsionen.

Bislang kein Impfstoff für Afrika

Anders als in Europa läuft allerdings – erneut – auch die Versorgung mit Impfstoffen gegen das Virus. Nach Angaben des CDC wurden bislang keine Vakzinen gegen Affenpocken nach Afrika geliefert, obwohl Gespräche mit einer Reihe von Ländern und Institutionen über deren Beschaffung laufen. Auch dringend benötigte Testkits seien bislang Mangelware.

Experten vermuten, dass die Ausbrüche des Virus in Nordamerika und Europa ihren Ursprung in Afrika haben könnten, lange bevor die Krankheit auf zwei Raves in Spanien und Belgien durch Sex verbreitet wurde. Die hohen Fallzahlen steigern das Risiko, dass das Virus noch schneller verbreitet wird und mutiert.

Ende Juni warnte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus : »Ich bin besorgt über eine anhaltende Übertragung, denn das würde bedeuten, dass sich das Virus etabliert und auch Hochrisikogruppen wie Kinder, immungeschwächte Menschen und schwangere Frauen betreffen könnte.«

Am 23. Juli erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO den weltweiten Ausbruch zum internationalen Gesundheitsnotfall. Inzwischen sind Affenpocken vor allem in Europa auf dem Vormarsch. In Afrika hingegen sind die bekannten Fallzahlen bislang deutlich geringer – und ließen sich mit vergleichsweise überschaubaren Mitteln womöglich noch weiter reduzieren.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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jpe/Reuters
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