Attentat von Wien Trauer am Tag danach

Am Tag nach dem Terroranschlag ist Wien eine Stadt in Trauer. Vertreter von fünf Glaubensrichtungen sind im Stephansdom zu einem gemeinsamen Gottesdienst zusammengekommen, als Zeichen für den Zusammenhalt.
Polizisten vor dem Stephansdom in Wien: Noch immer in Alarmbereitschaft

Polizisten vor dem Stephansdom in Wien: Noch immer in Alarmbereitschaft

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Herbert Neubauer / dpa

Ümit Vural holt noch mal Luft, als er im Wiener Stephansdom ans Mikrofon tritt, zur wichtigsten Ansprache seines Lebens. Der Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich blickt auf sein Publikum: den Bundespräsidenten, den Kanzler, die versammelte Regierung. Und auf die Kameraleute. Die übertragen den Trauergottesdienst für die Opfer des Terroranschlags an diesem Dienstagabend live in das Land.

Ümit Vural, Ende 30, Kurde, geboren in der Türkei, wird also gleich zur Nation Österreich sprechen. Er, der Muslim, in der berühmtesten Kirche des Landes. Keine 24 Stunden, nachdem ein Anhänger des sogenannten "Islamischen Staates" vier Menschen umbrachte und 22 Menschen teils schwer verletzte.

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn hat Vural und Vertreter der jüdischen, protestantischen und orthodoxen Glaubensgemeinschaften in den Stephansdom geladen zu diesem gemeinsamen Gottesdienst. Der Muslim Vural soll sogar ein islamisches Gebet sprechen.

Vor dem Dom Spezialkommandos in Alarmbereitschaft

Vural steht unter Druck. Ein missverständliches Wort könnte in dieser angespannten Lage genügen, um eine Welle des Hasses zu entfachen gegen Österreichs Muslime. Aber dieser Gottesdienst eröffnet ihrem Vertreter auch eine einmalige Chance: sich und seine Religion vor Hunderttausenden Fernsehzuschauern zu distanzieren von Kujtim F., dem Dschihadisten mit österreichischem und nordmazedonischem Pass. (Lesen Sie hier, wie Kujtim F. sich radikalisierte.)

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Vor der Dompforte stehen bewaffnete Polizisten sowie Mitglieder der Spezialkommandos Cobra und Wega. Sie sind noch immer in Alarmbereitschaft. Nur 500 Meter nördlich von hier, im sogenannten "Bermuda-Dreieck" schoss der 20-jährige F. am Montagabend gegen 20 Uhr anscheinend wahllos mit einem Sturmgewehr auf Passanten. Viele seiner Opfer wollten im beliebten Ausgehviertel noch einmal Freiheit genießen: kurz vor dem neuen Corona-Lockdown. Den nächtlichen Ausgangssperren von 20 Uhr abends bis 6 Uhr morgens, die in Österreich seit Dienstag gelten.

Schon um 20.09 Uhr wurde der Terrorist von Wega-Einheiten getötet. Doch die ganze Nacht lang vermuten die Ermittler, dass F. nicht allein war, dass womöglich andere Killer noch in Wien unterwegs seien. Sie rieten den Wienern, möglichst zu Hause zu bleiben, nach dem verheerendsten Terroranschlag, den Österreich seit 35 Jahren erlebt hat.

Die Innenstadt ist stellenweise menschenleer

Wenn der Terrorist das Ziel hatte, Angst und Schrecken zu verbreiten, hat er es geschafft. Im Web kursieren Videos seiner Morde, tausendfach. Und am Tag danach lassen Hunderte Wiener Eltern ihre Kinder gar nicht erst zur Schule.

Einkaufsstraßen in der Innenstadt sind stellenweise menschenleer, die meisten Geschäfte zugesperrt: ob Svarovski, die Confiserie Heindl, die 197 Jahre alte Glashandlung Lobmeyr. Sogar beim Wienerwald bleibt heute die Küche kalt. Und am Naschmarkt, wo in normalen Zeiten das Leben brodelt, sind Dutzende Stände verrammelt. Corona und Terror halten die Menschen fern.

Wien ist ein trister Ort an diesem November-Dienstag. Rund um das "Bermuda-Dreieck", wo alles geschah, stehen Polizisten mit kugelsicheren Westen und umgehängten Maschinenfeuerwaffen. Passanten dürfen nicht durch. Die Ermittlungen an den sechs Tatorten laufen noch. Es gibt eine neue Hypothese: Könnte womöglich doch ein einziger Täter das alles angerichtet haben?

Kein Hinweis auf zweiten Täter

Max, Anfang 70, ein Einwohner der abgesperrten Zone, schlüpft unter dem rot-weißen Flatterband hindurch in die Außenwelt. Er gehe jetzt spazieren, sagt der Pensionist, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Die Schüsse habe er am Abend gehört, aber es sei schnell vorbei gewesen. Und Furcht vor weiteren Attentaten? Habe er nicht. "Den einen Trottel ham's eh erschossen", sagt er. "Und wenn's no an andern Trottel gab, dann ist der längst weit weg."

Am Nachmittag verdichtet es sich: F. hat das Blutbad wohl allein angerichtet. Die Polizei habe Tausende Augenzeugen-Videos geschickt bekommen, verkündet Innenminister Karl Nehammer. Und die bisher ausgewerteten Filme ergäben "keinen Hinweis auf einen zweiten Täter."

"Möge Trauer zur Hoffnung werden"

Ümit Vural, Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

Es ist eine Erleichterung für Österreich. Aber noch keine Entwarnung: Die Polizei werde weiter in der Wiener Innenstadt präsent bleiben, sagt Nehammer, damit es nicht zu einer Wiederholungs- oder Nachahmungstat komme. Am Abend, vor Beginn der Trauermesse, stehen bewaffnete Einheiten am Stephansdom Spalier für die höchsten Politiker und Religionsvertreter.

Der Wiener Erzbischof will mit der gemeinsamen Messe der fünf Glaubensrichtungen ein Zeichen setzen: gegen Spaltung, für Zusammenhalt. "Die bewährte Einheit der Religionsgemeinschaft und Kirchen in unserem Land darf nicht und kann nicht zerstört werden", predigt Schönborn.

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Ümit Vural

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Ümit Vural

Foto: Herbert Neubauer / dpa

Kurz danach kommt Ümit Vural an die Reihe. Er predigt nicht. Er entschuldigt sich. "Ich möchte zunächst meine tiefe Betroffenheit zum Ausdruck bringen", sagt er, "und diese abscheuliche, feige Tat verurteilen". Am Schluss betet er, zu Allah, im katholischen Dom: "Möge Trauer zur Hoffnung werden. Möge Rache zur Barmherzigkeit werden. Wa-Allah, mache die Welt zu einem Ort des sicheren Friedens. Amen."

Für seine Zuhörer in der Kirche scheint Vural die richtigen Worte gefunden zu haben. Wiens Bürgermeister nennt seine Ansprache "berührend". Ob das Österreichs Bürger auch so sehen, wird sich zeigen.