Innenminister Nehammer "Kein Anschlag wird es schaffen, uns zu spalten"

Am Tag nach dem Terroranschlag in Wien geht die österreichische Polizei von einem Einzeltäter aus. Dennoch hat sie mehrere Verdächtige aus dem Umfeld des Islamisten festgenommen, sagte Innenminister Nehammer.
Österreichs Innenminister Karl Nehammer

Österreichs Innenminister Karl Nehammer

Foto: Georges Schneider / imago images/Xinhua

Österreichische Behörden haben am Tag nach dem Terroranschlag in Wien insgesamt 14 Personen aus dem Umfeld des Mannes festgenommen, der nach Überzeugung der Behörden für die Tat verantwortlich ist. Das gab Österreichs Innenminister Karl Nehammer bekannt. Demnach habe es am Dienstag insgesamt 18 Hausdurchsuchungen gegeben.

Am Montagabend hatte ein islamistischer Attentäter in der Wiener Innenstadt vier Menschen getötet und insgesamt 22 weitere verletzt. Zuvor war von 17 Verletzten die Rede. Nehammer korrigierte die Zahl am Dienstagnachmittag.

Keine Hinweise auf zweiten Täter

Seit dem Attentat seien der Polizei rund 20.000 Handyvideos zugeschickt worden, sagte Nehammer. Darunter seien viele Doubletten gewesen, aber auch zahlreiche unterschiedliche Videos aus verschiedenen Blickwinkeln. "Unsere Experten sind dabei, alle Videos auszuwerten", sagte Nehammer.

Rund die Hälfte der Videos seien mittlerweile ausgewertet. "Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen. Gleichzeitig ergeben die bisher ausgewerteten Videos keinen Hinweis auf einen zweiten Täter." 

Dennoch halte die Polizei ihre hohe Präsenz in der Wiener Innenstadt aufrecht, sagte Nehammer "damit es nicht zu einer Wiederholungs- oder Nachahmungstat kommt." Tatsächlich waren am Nachmittag an einigen Stellen des Zentrums deutlich weniger Polizisten zu sehen als am Morgen.

Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich bei dem Attentäter um den 20-jährigen Kujtim F., der die österreichische und die nordmazedonische Staatsbürgerschaft besitzt. Laut Nehammer wurde er bereits neun Minuten nach Beginn seiner Attacke von Polizisten "neutralisiert". Als er von der Polizei erschossen worden sei, habe der Täter noch viel Munition bei sich getragen, so Nehammer.

Im Jahr 2018 hatte F. versucht, sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien anzuschließen, wurde aber in der Türkei von der Polizei aufgegriffen. Er war bereits im vergangenen Jahr in Wien wegen eines Terrordelikts verurteilt worden. Im vergangenen Dezember sei er jedoch vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden, sagte Nehammer.

Nach Angaben Nehammers hatten die Wiener Behörden ein Verfahren gegen den 20-Jährigen angestrengt, um ihm die österreichische Staatsbürgerschaft aberkennen zu lassen. Es habe aber wohl "zu wenige Hinweise auf das aktive Tun des Attentäter" gegeben, um das Verfahren erfolgreich abzuschließen.

"Tatsache ist, dass der Terrorist es geschafft hat, die Behörden zu täuschen."

Innenminister Karl Nehammer

"Jetzt wird in unserem System eine Bruchlinie sichtbar", so Nehammer. "Ein Gefährder wurde vorzeitig entlassen. Tatsache ist, dass der Terrorist es geschafft hat, die Behörden zu täuschen." Es brauche jetzt eine Evaluierung des Systems. Nehammer betonte, die Gesellschaft müsse jetzt zusammenstehen: "Kein Terroranschlag wird es schaffen, dass unsere Gesellschaft in ihrem Zusammenhalt zerrissen oder gespalten wird."

Zwei Österreicher mit Migrationshintergrund retteten Polizisten

Als Beispiel des Zusammenhalts lobte der Innenminister die Tat zweier Wiener, die noch während Schüsse fielen eine ältere Frau und einen Polizisten aus dem Kugelfeuer retteten. Der Polizist sei mittlerweile operiert und sein Gesundheitszustand stabil.

Seine Retter seien zwei Österreicher mit Migrationshintergrund gewesen, sagte Nehammer. Ihr Beispiel zeige, dass Extremismus keine Chance habe: "Die Toleranz ist ein unteilbares Gut für das Zusammenleben." Die beiden Kampfsportler werden im Netz für ihre Tat gefeiert.

mrc
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