Energiekrise Britischer Ex-Premier Brown befürchtet »Winter in tiefer Armut«

Gasflaute hier, Ölpreis da – auch in Großbritannien werden die kommenden Monate teuer. Gordon Brown, früherer Labour-Premier, sieht sein Land schlecht vorbereitet: Es ticke eine »Zeitbombe«.
Gordon Brown bei einem Wahlkampftermin in Glasgow

Gordon Brown bei einem Wahlkampftermin in Glasgow

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Jeff J Mitchell / Getty Images

In Großbritannien nimmt die Debatte Fahrt auf, wie das Land mit den Belastungen umgehen soll, die sich aus dem Krieg Russlands gegen die Ukraine ergeben. So richtete sich gerade der frühere Premierminister Gordon Brown (Labour Party) mit einem dramatischen Appell an die regierenden Tories: Würden sie nicht umgehend ein Notbudget beschließen, um den Anstieg der Lebenshaltungskosten zu dämpfen, dann »verdammen sie Millionen von schwachen und unschuldigen Kindern und Rentnern zu einem Winter in tiefer Armut«.

Das schreibt Brown in einem Beitrag für die Sonntagszeitung »The Observer« , die berichtet, dass laut neuen Berechnungen der University of York mehr als vier Millionen Haushalte im Herbst ein Viertel ihres Einkommens aufwenden müssen, um ihre Energierechnungen zu bezahlen. Zieht man dann noch Mieten und Lebensmitteleinkäufe ab, bleibt für den übrigen privaten Konsum wenig.

»Schockwellen durch jeden Haushalt«

Gordon Brown, früherer Premierminister

»Die Realität ist düster und unbestreitbar«, schreibt Brown, der unter Tony Blair ab 1997 Schatzkanzler war und von 2007 bis 2010 britischer Premier: »Eine finanzielle Zeitbombe wird für Familien im Oktober explodieren, wenn eine zweite Runde von Kraftstoffpreiserhöhungen innerhalb von sechs Monaten Schockwellen durch jeden Haushalt schickt und Millionen über die Klinge springen lässt.«

Großbritannien gilt Ökonomen als ein westliches Land, das besonders große Schwierigkeiten haben dürfte, durch die Energiekrise zu kommen. Die Bank of England schätzt, dass die Inflation im Oktober auf 13 Prozent steigen könnte. Zudem leidet die britische Wirtschaft unter vielen Nachteilen, die durch den Brexit entstanden sind.

Die Beratungsfirma Cornwall Insight hat laut einem Bericht des »Guardian«  gerade berechnet, dass die durchschnittlichen Energiekosten für britische Haushalte auf über 3600 Pfund pro Jahr steigen könnten. Im Monat davor lag ihre Schätzung noch bei 3300 Pfund. Bislang gibt es im Vereinigten Königreich keine Entlastungspakete für die Bürger, die mit denen in Deutschland vergleichbar wären.

Die Debatte findet vor dem Hintergrund statt, dass das Land zeitgleich in einer Regierungskrise steckt: Premier Boris Johnson ist nur noch übergangsweise im Amt, und die konservative Partei, die über die Stimmenmehrheit im Unterhaus verfügt, sucht eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger.

Die besten Chancen haben Rishi Sunak und Liz Truss, wobei Truss mit ihrem Credo vom kleinen Staat, der sich am besten gar nicht einmischt, wohl kaum nennenswerte Hilfen umsetzen würde. In den Fernsehdebatten mit Sunak zieht sie stets Steuersenkungen vor, in der Hoffnung, die Wirtschaft damit anzukurbeln. Sunak schlägt vor, die Mehrwertsteuer auf Energierechnungen auszusetzen.

Regierung vorübergehend im »Zombie«-Modus

In der Übergangszeit, in der die Tories vor allem mit sich selbst beschäftigt sind, wird politisch wenig umgesetzt – auch das zeigt der »Observer« : In mehr als der Hälfte der Schlüsselressorts der Regierung seien Ministerankündigungen kurzfristig zurückgezogen worden, die Gesetzgebung sei ins Stocken geraten, und Fristen für die Veröffentlichung politischer Dokumente würden versäumt. Die Autoren sprechen von einer »Zombie-Regierung«.

Ganz unvorbereitet ist die gegenwärtige Regierung allerdings nicht. Beschlossen ist für alle Haushalte ein 400-Pfund-Discount auf Stromrechnungen , der ab Oktober über sechs Monate verteilt wird. Außerdem soll es für acht Millionen besonders finanzschwache Haushalte eine Unterstützungszahlung von 1200 Pfund geben. Diese Maßnahmen wurden bereits früher beschlossen, Kritiker sind aber sicher, dass sie nicht ausreichen werden.

mamk
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