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Polen "Wir dürfen nicht weg"

Das polnische Verfassungsgericht hat Anfang Oktober entschieden, EU-Recht nur noch bedingt anzuerkennen. Seither demonstrieren Tausende Menschen in Polen gegen einen möglichen Polexit. Ejchart-Dubois ist eine von ihnen.
aus DER SPIEGEL 42/2021
Maria Ejchart-Dubois

Maria Ejchart-Dubois

Foto: Privat

Die Menschrechtsanwältin Maria Ejchart-­Dubois, 45, ruft ihre polnischen Landsleute auf, für die Demokratie zu kämpfen.

SPIEGEL: Frau Ejchart-Dubois, warum ist es wichtig, dass Polen Teil der EU bleibt?

Ejchart-Dubois: Mein gesamtes Erwachsenenleben habe ich in einer Demokratie verbracht, für die wir hart gekämpft hatten. Es geht uns nicht um Europas Geld, um den Reisepass oder offene Grenzen. Es geht um Werte, Identität, Kultur und Geschichte. Und darum, Teil einer demokratischen Gesellschaft zu sein.

SPIEGEL: Ist Polen denn keine Demokratie mehr?

Ejchart-Dubois: In den vergangenen sechs Jahren hat uns die PiS-Partei das genommen, was uns am wichtigsten war: das Leben in einem demokratischen Land. Als Menschenrechtsanwältin bin ich viel in Ländern unterwegs, um zu erzählen, wie eine junge Demokratie stabil werden kann. Seit die PiS an der Macht ist, fühlt es sich an, als hätte ich kein Recht mehr dazu.

Aus: DER SPIEGEL 42/2021

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SPIEGEL: Gibt es eine rote Linie, bei der Sie sagen würden: Nun verlasse ich mein Heimatland?

Ejchart-Dubois: Ich sage immer: Wir dürfen nicht weggehen! Mein Sohn studiert in den Niederlanden. Viele junge Menschen verlassen Polen, weil sie anderswo bessere Universitäten und Berufschancen haben und weil Polen für sie ein bedrückendes Land geworden ist. Für die Menschen aus meiner Generation ist das etwas anderes: Wir müssen bleiben und uns den Mächtigen entgegenstellen.

SPIEGEL: Was gibt Ihnen Hoffnung?

Ejchart-Dubois: Als Mitglied der »Free Courts Initiative«, die sich gegen den Umbau des polnischen Justizsystems stellt, durfte ich jetzt auf der Demonstration sprechen, zu der Oppositionsführer Donald Tusk aufgerufen hatte. Als die PiS vor sechs Jahren gewählt wurde, wurde viel demonstriert. Doch irgendwann wurden die Leute müde, es änderte sich nichts. Als ich mich nun durch die Straßen Warschaus zur Bühne durchschlug, schrien die Menschen, sangen, schwenkten EU-Flaggen.

SPIEGEL: Wie wird es weitergehen?

Ejchart-Dubois: Wir kämpfen weiter. Denn bei der nächsten Wahl wird die PiS verlieren, und wir werden die Schäden beheben müssen, die PiS-Politiker angerichtet haben.

MUK
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