Klimapioniere Helen Clarkson bringt den großen Bossen Umweltbewusstsein bei

Sie berät Unternehmen wie Siemens, Nike und Walmart: Die Chefin der NGO »Climate Group«, Helen Clarkson, sagt, die Privatwirtschaft müsse im Kampf gegen die Klimakatastrophe radikal umdenken.
Ein Interview von Marc Pitzke, New York
Helen Clarkson, Wirtschaftsberaterin und Chefin der NGO »Climate Group«

Helen Clarkson, Wirtschaftsberaterin und Chefin der NGO »Climate Group«

Foto: [M] Climate Group

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SPIEGEL: Haben Sie Hoffnung, dass auf der Uno-Klimakonferenz in Glasgow genug erreicht werden wird, um die Klimakrise einzudämmen?

Clarkson: Ich bin immer hoffnungsvoll, aber das Zeitfenster für einen Wandel schließt sich. Im November wird auf die eine oder andere Weise Geschichte geschrieben werden.

SPIEGEL: Was muss jetzt passieren?

Clarkson: Die Länder, die durch den Klimawandel am stärksten gefährdet sind, müssen finanziell unterstützt werden – sowohl bei der Anpassung an die Krise wie auch beim Übergang zu einer postfossilen Wirtschaft. Ohne eine Umverteilung des globalen Reichtums ist ein gerechter Übergang nicht möglich. Dass dieser Reichtum ohnehin oft auf Kosten der Entwicklungs- und Schwellenländer geschaffen wurde, macht das noch wichtiger.

SPIEGEL: Gibt es einen mächtigen Industriestaat, der dabei besonders gefordert ist?

Clarkson: Ich zeige ungern mit dem Finger auf jemanden. Sagen wir es deshalb andersrum: Es ist großartig, dass die USA wieder dabei sind. Man hat sie in den vergangenen vier Jahren vermisst. Dass sich der zweitgrößte Schadstoffemittent der Welt ausgeklinkt hatte, war einfach schrecklich.

SPIEGEL: Tut Washington heute genug?

Clarkson: Es gibt ermutigende Zeichen. Die meisten US-Ministerien und Behörden – nicht nur die Umweltbehörde EPA – haben das Klima neuerdings in ihrer Aufgabenstruktur verankert. Bei der Climate Week, unserer internationalen Konferenz von Unternehmen und Politikern im September in New York, war etwa die Hälfte der Kabinettsmitglieder anwesend. Und was sie dort gesagt haben, ging über Lippenbekenntnisse hinaus.

SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen?

Clarkson: Robin Carnahan, die Chefin der US-Bundesverwaltung GSA, die alle Behörden managt, hat mir erzählt, dass sie dabei sind, Amerikas bundesstaatliche Fahrzeugflotte mit Elektroautos komplett emissionsfrei zu machen. Das sind die richtigen Marktsignale, und ich habe nicht den Eindruck, dass sie davon abrücken werden. Bidens Präsidentschaft ist erst ein paar Monate alt, aber ich bin optimistisch. Trotzdem müssen wir natürlich weiter Druck ausüben und mehr verlangen. Wir dürfen keine Kompromisse mehr eingehen, und an dem Punkt wird es oft schwierig.

Joe Biden und sein Klimabeauftragter John Kerry

Joe Biden und sein Klimabeauftragter John Kerry

Foto: Joshua Roberts / REUTERS

SPIEGEL: Auch weil die US-Demokraten im Kongress immer noch an Blockierern wie dem Senator Joe Manchin aus West Virginia vorbeimüssen, dem Chef des Energieausschusses, der Spenden aus der fossilen Brennstoffbranche bekommt.

Clarkson: Ich war in West Virginia und habe auch die Bergwerke besucht. Ich fand es faszinierend und verstehe, wie sehr sich die Menschen dort seit Generationen mit dem Bergbau identifizieren und das auch heute noch tun.

SPIEGEL: Ähnlich wie früher im Ruhrgebiet.

Carkson: Wir müssen es schaffen, diese Identifikation mit der Kohleindustrie auf andere, umweltfreundlichere Energiebranchen zu übertragen.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Clarkson: Man kann nicht einfach nur eine Menge neuer Umweltjobs in einer Region abladen und hoffen, dass der Übergang dann irgendwie klappt. Man muss die Gesellschaft in den Wandel einbinden und den Leuten auch für die Zukunft das Gefühl geben, dass sie stolz sein können auf das, was sie tun. Wenn es dann nicht mehr die Kohle ist, dann ist es eben, die Nation mit sauberer Energie zu versorgen.

SPIEGEL: Im September starben bei Überschwemmungen durch den Hurrikan »Ida« im US-Nordosten 46 Menschen, davon allein 16 in New York. Viele waren Arme und Minderheiten, die in Kellerapartments wohnten.

Clarkson: Es gibt noch so viel zu tun. Das ist einer der Gründe, warum Diversität in großen Unternehmen auch so wichtig ist: Aspekte wie die Ungleichheit der Klimakrise müssen im Management erkannt werden. Daher überrascht es mich nicht, dass in Vorstandsetagen, die nicht sehr divers sind, auch weniger darüber nachgedacht wird. Ich hoffe also, dass sich das ändert. Auch das ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Flutschäden in New York City im September 2021

Flutschäden in New York City im September 2021

Foto: Mary Altaffer / AP

SPIEGEL: Ihre Climate Group vereint mehr als 300 internationale Konzerne, darunter auch Siemens, mit Klima-Initiativen, um die CO2-Emissionen bis 2050 auf null zu reduzieren. Doch viele große Firmen fehlen. Warum?

Clarkson: Es ist immer noch so, dass sich nur ein Fünftel aller multinationalen Unternehmen für unsere Kampagnen verpflichtet hat. Das ist zwar eine hohe Zahl, aber es bedeutet auch, dass vier Fünftel das nicht getan haben. Was die Unternehmen tun, ist sehr wichtig, um den Markt zu verändern.

SPIEGEL: Woran liegt diese Zurückhaltung?

Clarkson: Viele Unternehmen haben immer noch das Gefühl, dass sie das Thema nicht wirklich betrifft. Wenn sie Klimaschutz betreiben, dann bisher meistens, weil sie auf ihren eigenen Stromverbrauch schauen statt darauf, was ihre Produkte draußen in der Welt anrichten.

SPIEGEL: Das klingt ziemlich engstirnig.

Clarkson: Ich habe früher viel mit Unternehmen wie Walmart, Target, Nike und Levis zusammengearbeitet, um sie nachhaltiger zu machen. Doch wenn es darum ging, sich eine emissionsärmere Welt im Jahr 2040 vorzustellen, dann war das immer eine schwere gedankliche Herausforderung. So etwas muss von oben kommen. Viele führende Unternehmen werden Klima-bewusster, es sind viel mehr als noch vor vier Jahren. Doch es gibt eben noch viele, die lieber darauf warten, dass ihnen von oben gesagt wird, was sie zu tun haben.

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