Putins Krieg gegen die Ukraine So könnte der Konflikt in den kommenden Wochen weitergehen – vier Szenarien

Ein Ende der Attacken gegen die Ukraine, ein Sieg von Putins Truppen oder ein innenpolitischer Wandel in Russland? Wie es im Krieg in Osteuropa weitergeht, ist ungewiss. Hier sind vier mögliche Szenarien.
Ukrainischer Soldat an einem Checkpoint in Kiew: Gibt es Auswege aus dem Konflikt? (Foto vom 5. März)

Ukrainischer Soldat an einem Checkpoint in Kiew: Gibt es Auswege aus dem Konflikt? (Foto vom 5. März)

Foto: ROMAN PILIPEY / EPA

Massiver westlicher Sanktionen und weltweiter Kritik zum Trotz: Russland setzt seinen Angriffskrieg gegen die benachbarte Ukraine fort. Über einige Städte und Regionen hat das Militär des russischen Präsidenten Wladimir Putin inzwischen die Kontrolle erlangt. Zahlreiche Orte und Regionen sind dagegen weiter umkämpft, darunter auch die beiden größten Städte des Landes, Charkiw und die Hauptstadt Kiew.

Auch die Hafenstadt Mariupol ist seit Tagen einer der zentralen Kriegsschauplätze, zuletzt kappten russische Truppen nach Angaben des Bürgermeisters die Trinkwasser- und Stromversorgung der Stadt. Während das Leid für die Menschen in der Ukraine und die Verluste auf beiden Seiten immer größer werden, analysieren Experten den möglichen weiteren Verlauf des Konflikts. Hier sind vier mögliche Szenarien:

1. Szenario: militärisches Patt

Bisher haben die ukrainischen Streitkräfte der russischen Invasion widerstanden: Der Versuch, die Hauptstadt Kiew mit Fallschirmjägern einzunehmen, wurde in den ersten Kriegstagen abgewehrt. Viele Ukrainer haben sich den Verteidigungseinheiten angeschlossen. Mithilfe westlicher Waffen und Geheimdienste könnten die ukrainischen Truppen in der Lage sein, in Kiew auszuharren und ein militärisches Patt zu erzwingen.

Die Schwächung der russischen Wirtschaft durch die Strafmaßnahmen könnten Präsident Wladimir Putin dazu zwingen, sein Kalkül zu ändern. »Der Westen könnte mit seinen Sanktionen Putin dazu bringen, sein zentrales Kriegsziel aufzugeben, die ukrainische Regierung zu enthaupten und eine prorussische Marionette zu installieren«, schreibt Samuel Charap vom US-Thinktank Rand Corporation  laut der Nachrichtenagentur AFP.

2. Szenario: innenpolitischer Wandel in Russland

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Volksaufstand oder Staatsstreich Putin zu Fall bringt, scheint derzeit gering. Beobachter schließen diese Möglichkeit jedoch nicht aus. Der Kreml geht hart gegen unabhängige und ausländische Medien vor. Mehrere ausländische Sender, darunter etwa die britische BBC, die kanadische CBC und auch die deutsche ARD sowie das ZDF haben ihre Arbeit in Russland vorübergehend eingestellt, nachdem Russland ein neues Gesetz zur Zensur der Berichterstattung über den Krieg erlassen hatte. Mit dem Schritt versucht der Kreml, die Meinungshoheit der loyalen Staatsmedien zu festigen.

Zuletzt fanden dennoch in mehreren Städten in Russland Antikriegsdemonstrationen statt, bei denen nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mindestens 6000 Menschen verhaftet worden sein sollen. Auch in der herrschenden Elite bröckelt der Rückhalt für Putin: Einige Oligarchen, Abgeordnete und sogar der private Ölkonzern Lukoil fordern ein Ende der Kämpfe.

»Putins persönliche Sicherheit ist sehr gut und wird auch weiterhin sehr gut sein – bis sie es nicht mehr ist«, sagte Eliot A. Cohen von der Washingtoner Denkfabrik Center for Strategic and International Studies. »Das ist in der sowjetischen und russischen Geschichte schon mehrfach vorgekommen.«

3. Szenario: militärischer Erfolg Russlands

Angesichts der militärischen Überlegenheit Russlands erwarten westliche Verteidigungsexperten, dass Putins Truppen auf Dauer weiter vorrücken werden. Der französische Präsident Emmanuel Macron kam nach einem Telefonat mit Putin am Donnerstagmorgen zum Schluss, dass »das Schlimmste noch bevorsteht«. Putin wolle »die Kontrolle über die gesamte Ukraine übernehmen«.

DER SPIEGEL

Doch selbst wenn es russischen Truppen gelingen sollte, Kiew zu erobern und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj abzusetzen, dürfte es weiter starken Widerstand der ukrainischen Bevölkerung geben. Moskau stünde vor der Herausforderung, ein Land mit 40 Millionen Einwohnern besetzt zu halten.

4. Szenario: Ausweitung des Konflikts

Die Ukraine selbst ist bislang weder Nato- noch EU-Mitglied, grenzt jedoch an vier ehemalige Ostblock-Staaten, die heute der Nato angehören. Wird ein Mitglied angegriffen, gilt das als Angriff auf das gesamte Verteidigungsbündnis. Kaum ein Experte erwartet, dass Putin ein Nato-Mitglied direkt angreift und damit einen Atomkrieg riskiert. Denkbar sind jedoch Provokationen.

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Politikwissenschaftler Charap warnt laut AFP vor den »Risiken eines Unfalls, eines Zwischenfalls oder einer Fehleinschätzung, die zu einem Krieg zwischen der Nato und Russland führen könnten«. Beispielsweise könnte eine verirrte Rakete oder ein Cyberangriff Auslöser für eine Ausweitung des Kriegs sein.

Putins Ideal von einem Russland sowjetischer Dimension und sein Versprechen , russische Minderheiten zu schützen, lassen weitere territorialen Ambitionen befürchten. Nach der Ukraine könnte Moskau auch die einst sowjetische Republik Moldau ins Visier nehmen, wird spekuliert.

Eine direkte Konfrontation zwischen Nato und Russland wurde bislang ausgeschlossen, da dies einen Atomkrieg und die gegenseitige Vernichtung zur Folge hätte. Putin drohte dem Westen jedoch mit Atomwaffen, indem er die nuklearen Abschreckungskräfte in Alarmbereitschaft versetzte. Die genauen Konsequenzen des Schritts blieben jedoch unklar.

Westliche Beobachter sind der Meinung, dass solche Drohungen die Vereinigten Staaten und Europa davon abhalten sollen, Interventionen wie zum Beispiel eine Flugverbotszone über der Ukraine in Betracht zu ziehen. »Diese Ankündigungen richten sich in erster Linie an ein westliches Publikum, um uns Angst zu machen und unsere Gesellschaften zu verunsichern«, sagt Gustav Gressel, Experte für Raketenabwehr beim Thinktank European Council on Foreign Relations. »Sie sind substanzlos.«

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Textfassung hieß es, die Ukraine grenze an »vier ehemalige Sowjetstaaten«. Tatsächlich handelt es sich um einstige Mitglieder des Warschauer Pakts – also um Ostblock-Staaten, keine Sowjetrepubliken.

fek/AFP
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