Gastbeitrag in der »Zeit« Putin räumt Fehler ein – und zwar die des Westens

Russlands Präsident wendet sich zum Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion an die Deutschen. Er wirbt für eine Partnerschaft mit Europa – und wettert gleichzeitig gegen Brüssels Ukrainepolitik.
Von Christian Esch, Moskau
Wladimir Putin bei einer Gedenkfeier in Moskau zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

Wladimir Putin bei einer Gedenkfeier in Moskau zum Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

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ALEKSEY NIKOLSKYI / AFP

Wladimir Putin hat sich an diesem Dienstag an die Deutschen gewandt. Als Anlass hat er den 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion gewählt, als Form einen Artikel  in der Wochenzeitung »Die Zeit«. Vor zwei Wochen schon, so die Redaktion, habe Russlands Botschafter den Text angeboten. »Offen sein, trotz der Vergangenheit« lautet die Überschrift der Botschaft. Was aber ist ihr Inhalt?

Als Erstes fällt auf: Dies ist kein historischer Artikel. Der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 ist tatsächlich nur Anlass, nicht Thema des Artikels. Das war von vielen anders erwartet worden. Putin äußert sich oft und ausgiebig zu Fragen der Geschichtsschreibung, und das ist nicht bloß persönliches Interesse, sondern staatliche Politik.

Im Kreml ist man nämlich besorgt darüber, dass sich die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg im Westen immer weiter von der in Russland gepflegten entfernt. Es ist genau ein Jahr her, dass Putin in der US-Zeitschrift »The National Interest« einen ausführlichen historischen Artikel  zu den Ursprüngen des Zweiten Weltkriegs schrieb, in dem er sich explizit gegen die These wandte, dass der Hitler-Stalin-Pakt von August 1939 zum Kriegsausbruch beigetragen habe.

Diesmal erwähnt Putin den Konflikt der Narrative nur kurz: »Ungeachtet jüngster Versuche, die Kapitel der Vergangenheit neu zu schreiben, lautet die Wahrheit, dass der Sowjetsoldat seinen Fuß nicht auf deutschen Boden setzte, um sich an den Deutschen zu rächen, sondern um seine edle und große Befreiungsmission zu erfüllen. Das Gedenken an die Helden im Kampf gegen den Nazismus ist uns heilig.« Die Rote Armee habe »die ganze Welt« vor der Versklavung gerettet, behauptet er.

Es fehlt diesmal auch jede persönliche Erinnerung – etwa an das Leid, das der Krieg in Putins eigene Familie gebracht hat. Putins Heimatstadt Leningrad (heute Sankt Petersburg) wurde im Krieg von der Wehrmacht regelrecht ausgehungert, sein älterer Bruder starb damals. Sein Vater wurde schwer verletzt. »Dutzende Millionen Menschen starben«, schreibt Putin knapp über die Verluste der Sowjetunion.

Auch auf die Nachkriegszeit bis hin zum Ende der Sowjetunion wird im Text nur knapp eingegangen. Putin erwähnt die europäische Integration, die deutsch-russische Versöhnung, den Handel mit westdeutschen Röhren gegen sowjetisches Erdgas seit den Siebzigerjahren. Vom Konflikt der Systeme, dem Eisernen Vorhang oder der Berliner Mauer ist nicht die Rede. Auch die Erfahrung der anderen europäischen Länder, die unter sowjetischer Herrschaft standen, fehlt völlig.

Mehr als die Hälfte des Textes ist stattdessen der Zeit nach 1989 gewidmet. Tatsächlich ist dies ein Artikel weniger über den Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges als über das Ende des Kalten Krieges und ihre Folgezeit. Putin wiederholt darin bekannte Vorwürfe: Russland habe seine Beziehung zu den Europäern »in der Logik der Gestaltung eines Großen Europas, das durch gemeinsame Werte und Interessen zusammengehalten würde«, aufbauen wollen. Stattdessen habe es die Nato-Osterweiterung bekommen.

»Seine Sicht der jüngsten europäischen Geschichte«

Bekannt in der Form, unerwartet scharf in der Diktion ist das, was Putin über die Euromaidan-Revolution 2014 in der Ukraine und die Annexion der Krim zu sagen hat: »Europa unterstützte aktiv den bewaffneten verfassungswidrigen Staatsstreich in der Ukraine. Damit hat alles begonnen. Wozu war das nötig? Der damals amtierende Präsident Viktor Janukowitsch hatte ja bereits alle Forderungen der Opposition akzeptiert. Warum organisierten die USA diesen Staatsstreich und unterstützten die EU-Staaten ihn willenlos und provozierten somit die Spaltung innerhalb der Ukraine und den Austritt der Krim aus dem ukrainischen Staat?«, schreibt er.

»Die Zeit« hat dieser grellen, selbstgerechten Darstellung eine schüchterne Note vorangestellt: »Putin legt darin auch seine Sicht der jüngsten europäischen Geschichte dar. Die Ereignisse 2014 in der Ukraine bezeichnet er als von Europa unterstützten ›Staatsstreich‹, schreibt vom ›Austritt‹ der Krim. Die Bundesregierung und die EU dagegen sprechen von ›Völkerrechtsbruch‹ und einer ›Annexion‹ der Krim durch Russland.«

Geradezu skurril wirkt das Ende des Textes. Das allerdings liegt nicht an dem, was Putin schreibt, sondern an dem, was er weglässt. Er wirbt: »Russland plädiert für die Wiederherstellung einer umfassenden Partnerschaft zu Europa. Es gibt viele Themen von gemeinsamem Interesse: Sicherheit und strategische Stabilität, Gesundheit und Bildung, Digitalisierung, Energiewirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Technologie, Lösungen für Klima- und Umweltprobleme.«

Für ein solches breites Gespräch setzen sich seit Jahren deutsche Unternehmen und Nichtregierungsorganisation ein, ebenso wie der von Putin und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder gegründete »Petersburger Dialog«. Aber ebendieses Gespräch und dieses Forum hat Russland gerade selbst torpediert. Ende Mai hat Russlands Generalstaatsanwaltschaft eine der ältesten deutsch-russischen Organisationen – den DRA, ehemals »Deutsch-Russischer Austausch« – faktisch aus Russland verbannt. Er gilt offiziell als »unerwünschte Organisation«, ebenso wie zwei weitere deutsch-russische NGOs.

Putin schreibt versöhnlich: »Wir können es uns einfach nicht leisten, die Last früherer Missverständnisse, Kränkungen, Konflikte und Fehler mit uns herumzuschleppen. Eine Last, die uns an der Lösung aktueller Probleme hindert. Wir sind überzeugt, dass wir alle diese Fehler einzuräumen und zu korrigieren haben.« Man würde gern lesen, welche Fehler er auf Moskaus Seite identifiziert hat.

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