Wladimir Putin über Nato und G7 »Alles war gut zwischen uns. Aber jetzt wird es Spannungen geben«

In Turkmenistan gab Wladimir Putin Einblicke in seine Weltsicht. Neben dem Verhältnis zu Finnland und Schweden und dem Kriegsverlauf kommentierte er die nackten Körper von G7-Chefs als potenziell »widerlichen Anblick«.
Kremlchef Wladimir Putin: »Wir sind absolut in der Lage zu wissen, was sich wo befindet«

Kremlchef Wladimir Putin: »Wir sind absolut in der Lage zu wissen, was sich wo befindet«

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Grigory Sysoev / SNA / IMAGO

Russland sieht sich nach Worten von Präsident Wladimir Putin durch einen Nato-Beitritt von Finnland und Schweden nicht bedroht, werde aber militärische Gegenmaßnahmen ergreifen. »Es gibt nichts, was uns mit Blick auf eine Mitgliedschaft Finnlands und Schwedens in der Nato Sorgen machen würde. Wenn sie wollen – bitte«, sagte der Kremlchef vor Journalisten in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat. Doch die Länder müssten sich auf eine russische Reaktion gefasst machen.

DER SPIEGEL

Finnland und Schweden hatten unter dem Eindruck des russischen Angriffs auf die Ukraine beschlossen, ihre jahrzehntelange Neutralität aufzugeben und der Nato beizutreten. Auf dem Gipfel der Allianz in Madrid wurde das Aufnahmeverfahren am Mittwoch gestartet. Durch die Erweiterung wird sich die Grenze Russlands zu dem Bündnis um mehr als 1300 Kilometer verlängern.

»Sie müssen sich klar und deutlich vor Augen halten, dass es für sie früher keine Bedrohungen gab – aber werden dort jetzt Truppen stationiert und Infrastruktur eingerichtet, so werden wir gespiegelt antworten müssen und dieselben Bedrohungen für das Territorium schaffen, von dem aus wir bedroht werden«, wurde Putin von der Nachrichtenagentur Tass zitiert. »Alles war gut zwischen uns, aber jetzt wird es Spannungen geben – das ist offensichtlich, zweifelsfrei, ohne geht es nicht.« Russland hatte bereits nach ersten Plänen zum Nato-Beitritt der beiden Länder mit Konsequenzen gedroht.

Putin argumentierte dennoch, ein Nato-Beitritt von Finnland und Schweden sei etwas ganz anderes als eine Mitgliedschaft der Ukraine. Die These, dass Russland gegen eine Aufnahme der Ukraine in die Nato gekämpft und dadurch die Erweiterung um Finnland und Schweden ausgelöst habe, sei unbegründet. Der Westen habe versucht, die Ukraine zu einem »Anti-Russland« zu machen, von wo aus sein Land habe destabilisiert werden sollen und wo russische Kultur bekämpft worden sei, behauptete Putin. Das gebe es in Finnland und Schweden nicht.

Ukrainekrieg verläuft laut Putin planmäßig

Den Verlauf des Kriegs in der Ukraine bezeichnete Putin als planmäßig. »Die Arbeit läuft ruhig, rhythmisch, die Truppen bewegen sich und erreichen die Linien, die ihnen als Etappenziele vorgegeben wurden«, sagte Putin. »Alles läuft nach Plan«, zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur Tass.

Russische Truppen waren am 24. Februar aus mehreren Richtungen in die Ukraine eingedrungen. Nachdem es ihnen wegen des erbitterten Widerstands ukrainischer Einheiten nicht gelungen war, die Hauptstadt Kiew zu erreichen, konzentrieren sie sich auf das Industriegebiet Donbass in der Ostukraine. Nach Einschätzung westlicher Experten rückt das russische Militär vor, erleidet dabei hohe Verluste und verbraucht in hohem Tempo seine Bestände von Artilleriegeschossen.

Putin wiederholte die bisherige Darstellung zu den Zielen der »Spezialoperation«, wie der Angriffskrieg von der russischen Führung genannt wird. Es gehe darum, den Donbass »zu befreien«, die dortigen Einwohner »zu schützen« und »Bedingungen zu schaffen, die die Sicherheit Russlands garantieren würden«, sagte der russische Präsident. Die Nato habe die Ukraine in einen »antirussischen Brückenkopf« verwandeln wollen, bekräftigte Putin frühere Rechtfertigungen  des Angriffs.

Putin hat den Angriff auf zivile Infrastruktur wie auf das Einkaufszentrum in Krementschuk zurückgewiesen: »Wir sind absolut in der Lage zu wissen, was sich wo befindet«

Putin hat den Angriff auf zivile Infrastruktur wie auf das Einkaufszentrum in Krementschuk zurückgewiesen: »Wir sind absolut in der Lage zu wissen, was sich wo befindet«

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Viacheslav Priadko / dpa

Putin wollte sich nicht dazu äußern, wie lange die Kampfhandlungen noch andauern könnten. »Es wäre falsch, irgendwelche Fristen zu setzen«, sagte er. Intensivere Kampfhandlungen würden höhere Verluste bedeuten und »wir müssen vor allem daran denken, wie wir das Leben unserer Jungs erhalten können«. Die russischen Soldaten bezeichnete Putin als »Helden«. Über sie müssten Lieder und Gedichte geschrieben werden und sie sollten Denkmäler bekommen, sagte er. Ukrainische und internationale Experten haben zahlreiche Fälle von Gewalt gegen Zivilisten durch russische Soldaten dokumentiert, wie etwa die Ermordung von Einwohnern im Kiewer Vorort Butscha. Moskau behauptet, die Gräueltaten seien Inszenierungen.

Zuletzt wurde ein Einkaufszentrum in der ukrainischen Stadt Krementschuk bombardiert. 18 Menschen starben, doch der russische Staatschef wies die Verantwortung für den Angriff zurück. »Unsere Armee greift keine zivile Infrastruktur an. Wir sind absolut in der Lage zu wissen, was sich wo befindet«, sagte er.

Nackte Staatschefs wären laut Putin ein »widerlicher Anblick«

Dass die G7-Staatschefs über Fotos von Putin mit freiem Oberkörper scherzten, kam beim Kremlchef nicht gut an. Hätten die G7-Spitzen sich entblößt, wäre dies ein »widerlicher Anblick« gewesen, konterte Putin.

Die Unterhaltung, auf die Putin einging, ereignete sich beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern bereits am Sonntagnachmittag. Der britische Regierungschef Boris Johnson fragte angesichts der hohen Temperaturen, ob man die Jacketts wohl ausziehe oder nicht, und fügte hinzu: »Wir alle müssen zeigen, dass wir härter sind als Putin.« Der kanadische Premier Justin Trudeau erwiderte unter anderem: Reiten mit nacktem Oberkörper, das müsse man machen. Er spielte damit auf ein bekanntes Foto Putins in solcher Pose an.

Im Jahr 2009 ließ Wladimir Putin sich oberkörperfrei ablichten

Im Jahr 2009 ließ Wladimir Putin sich oberkörperfrei ablichten

Foto: Alexei Druzhinin/ AP

»Ich weiß nicht, wie sie sich ausziehen wollten, oberhalb oder unterhalb der Gürtellinie. Ich denke, es wäre in jedem Fall ein widerlicher Anblick gewesen«, wurde Putin nun von der russischen Nachrichtenagentur Tass zitiert. Für die Harmonie zwischen Körper und Seele müsse man Sport machen, nicht zu viel Alkohol trinken und andere schlechte Angewohnheiten aufgeben, belehrte Putin die Staats- und Regierungschefs der führenden demokratischen Industrieländer. Bis zur russischen Annexion der zur Ukraine gehörenden Halbinsel Krim 2014 war Russland Teilnehmer der erweiterten G8-Gipfel.

muk/dpa
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