Mikhail Zygar

Putins Angriff auf die Ukraine Nur eine Niederlage kann Russland heilen

Mikhail Zygar
Eine Kolumne von Mikhail Zygar
Russland muss den Krieg in der Ukraine verlieren. Nur so kann sich das Land von seinen imperialen Wahnvorstellungen befreien – und die Demokratie wiederherstellen.
Anti-Putin-Demo in Moskau 2019: Das Verhältnis zur eigenen Geschichte überdenken

Anti-Putin-Demo in Moskau 2019: Das Verhältnis zur eigenen Geschichte überdenken

Foto: ALEXANDER NEMENOV/ AFP

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Während Russlands Führung Pläne schmiedet, wie das erfolgreiche Ende des Ukrainekrieges aussehen soll, diskutieren Emigranten, die aus Protest gegen den Krieg aus Russland geflohen sind, das genaue Gegenteil – die Niederlage. Eine wachsende Zahl von Oppositionellen, die Wladimir Putins Aggression verurteilen, sagt, dass eine vernichtende Niederlage die einzige Option ist, die einzige Chance für eine Zukunft.

Die Kernaussage ist einfach: Die schlimmste Bedrohung für Russland ist der Mythos des nationalen Exzeptionalismus und der Größe des russischen Volkes, der von Putins Propaganda genährt wird; die wahnsinnigen imperialen Ambitionen, die in den letzten Jahrzehnten besonders aktiv gepflegt wurden und den Verstand so vieler Russen vergiftet haben. Russland muss von diesen Großmachtkomplexen geheilt werden. Nur eine vollständige Niederlage kann die russische Bevölkerung davon überzeugen, dass der bisherige Weg in eine Sackgasse führt.

Die imperiale Militärmaschinerie muss besiegt werden

Garri Kasparow, ehemaliger Schachweltmeister und einer der radikalsten Gegner Putins, ist der Meinung, dass ein überwältigender Sieg der Ukraine im Interesse der künftigen russischen Demokratie liegt.

Die imperiale Militärmaschinerie muss besiegt werden – das könnte die Schocktherapie sein, die einem Teil der Gesellschaft helfen würde, die historische Verdummung zu überwinden. Die Rückeroberung der Krim und das Hissen der ukrainischen Flagge über Sewastopol lägen im Interesse wahrer russischer Patrioten, sagt Kasparow. Russland muss aufhören, in imperialen Kategorien zu denken. Das Land muss neu aufgebaut werden – und das kann nur im Falle einer geopolitischen Niederlage geschehen.

Zum Autor
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Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

Mikhail Zygar, geboren 1981, ist ein russischer Journalist und Autor. Von 2010 bis 2015 war er Chefredakteur des unabhängigen russischen Fernsehsenders Doschd. 2015 veröffentlichte er den Bestseller »Endspiel – die Metamorphosen des Wladimir Putin«. Er veröffentlichte zahlreiche weitere Bücher und startete »1917. Freie Geschichte«, ein Onlineprojekt über die Russische Revolution. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine startete er eine Onlinepetition gegen den Krieg, kurz darauf reiste er aus. Zygar befindet sich derzeit in Berlin.

Während solche Ansichten vor einem Monat noch marginal erschienen, sind sie jetzt der politische Mainstream unter Regimekritikern. Die Russen in Tiflis, Tel Aviv und London sind sich einig, dass unser Land das moralische Recht verloren hat, Atomwaffen zu besitzen und als Supermacht zu gelten; Russlands Zukunft ist nur möglich, wenn es sich von seiner imperialen Vergangenheit, seinen geopolitischen Ambitionen und seinen Atomwaffen lossagt.

Es gibt Beispiele in der Weltgeschichte, dass nicht der Sieg ein Grund ist, stolz zu sein, sondern die Niederlage, wie etwa die Niederlage der schwedischen Armee von König Karl XII. bei Poltawa (ironischerweise ist dies das Gebiet der heutigen Ukraine). 1709 siegte die russische Armee von Peter dem Großen und setzte damit den schwedischen Reichsambitionen ein Ende. Expansion und Krieg waren also nicht mehr die vorrangigen Werte – die schöpferische Energie des schwedischen Volkes wurde auf die Selbstentfaltung gerichtet.

Machthaber Putin: Mythos des nationalen Exzeptionalismus

Machthaber Putin: Mythos des nationalen Exzeptionalismus

Foto: ALEXEY DRUZHININ / AFP

Für Russland gilt der Sieg bei Poltawa hingegen bis heute als historischer Meilenstein – danach rief sich Peter I. zum Kaiser aus, und Russlands imperiale Ambitionen begannen weiter zu wachsen. Nach Putin muss die russische Gesellschaft ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Geschichte überdenken.

Der Wunsch, den eigenen Staat zu besiegen

Es muss erwähnt werden, dass Kriegsverweigerung und sogar der Wunsch, den eigenen Staat zu besiegen, in der Vergangenheit auch in Russland zu finden waren. So wünschte sich Anton Tschechow, der berühmteste russische Dramatiker, aufrichtig die Niederlage Russlands im Russisch-Japanischen Krieg 1904. Er hoffte, dass ein militärischer Rückschlag die russische Gesellschaft verändern und im Idealfall zu einer Revolution führen würde. (Tschechow erlebte die Verwirklichung seiner eigenen Idee nicht mehr. Russland verlor, 1905 begann eine Revolution, aber das Regime überlebte und brach erst 1917 endgültig zusammen.)

Einige Jahrzehnte zuvor war der große russische Schriftsteller Alexander Herzen, einer der berühmtesten russischen Emigranten des 19. Jahrhunderts, der in London das damals wichtigste Oppositionsmedium »Kolokol« herausgab, der Meinung, dass Russland den Krimkrieg verlieren sollte. (Sein Wunsch ging in Erfüllung: Der Krimkrieg endete mit einer demütigenden Niederlage Russlands).

Andere berühmte Defätisten, die sich ein frühes Ende des Ersten Weltkriegs wünschten, waren die Bolschewiken Lenin und Trotzki. Tatsächlich ergriffen sie die Macht, unterzeichneten den Frieden von Brest und führten Russland aus dem Ersten Weltkrieg heraus – aber von Anfang an waren sie nicht von Pazifismus und Humanismus getrieben, sie wollten den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg verwandeln – und als sie aus dem einen Krieg herauskamen, begannen sie einen anderen, nicht weniger blutigen. Und er beendete keineswegs die imperialen Ambitionen Russlands, sondern endete im Gegenteil mit der Wiederherstellung des Sowjetimperiums.

Ironischerweise war es Putins Tadel an Lenin, der den Ukrainekrieg auslöste. Er beschuldigte den Schöpfer der UdSSR, die Ukraine innerhalb ihrer heutigen Grenzen künstlich erschaffen zu haben. Und diese Worte Putins arbeiten in den Köpfen der 18-jährigen russischen Soldaten, die in der Ukraine kämpfen. Den Bewohnern der besetzten Siedlungen zufolge erklärte das russische Militär, dass dies russischer Boden sei und dass es die Ukraine nicht gebe und nie gegeben habe – sie sei von Lenin erfunden worden.

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