Putin und die Niederlagen seiner Armee Diktator unter Druck

Die Kreml-Streitkräfte erleben im Nordosten der Ukraine ein militärisches Debakel – nun wird Präsident Putin ungewöhnlich scharf kritisiert: Vor allem Russlands Nationalisten zeigen sich wütend.
Russlands Präsident Wladimir Putin

Russlands Präsident Wladimir Putin

Foto: MIKHAIL METZEL / AFP

Ramsan Kadyrow gilt normalerweise als enger Vertrauter von Russlands Präsident Wladimir Putin und als Mann fürs Grobe. Aber nun hat sich der Präsident der Republik Tschetschenien ungewohnt kritisch zu Putins Armee geäußert. Die Truppe habe im Nordosten der Ukraine Fehler gemacht, so Kadyrow in einer Sprachnachricht. Also in jener Region, in der sich die russischen Streitkräfte teils in großer Hektik vor den vorrückenden Ukrainern zurückziehen mussten und fast 3000 Quadratkilometer Gebiet verloren .

Ein Verband von rund 10.000 russischen Soldaten musste sich beispielsweise hinter den Fluss Oskil zurückziehen. Nach der Einschätzung der US-amerikanischen Militärexperten vom Institute for Study of War übersteigen die ukrainischen Geländegewinne binnen weniger als einer Woche diejenigen der Russen seit April.

Offenbar befürchtet Kadyrow, dass Putin den Ernst dieser Lage nicht begreift. »Wenn heute oder morgen keine Änderungen in der Strategie der militärischen Sonderoperation vorgenommen werden, muss ich mit der Führung des Verteidigungsministeriums und der Führung des Landes sprechen, um ihnen die tatsächliche Situation vor Ort zu erklären«, so der 45-Jährige angesichts der spektakulären Gegenoffensive der Ukrainer.

Kadyrow hatte in diesem Krieg selbst tschetschenische Truppen entsandt. Nun kritisiert er das russische Verteidigungsministerium und fordert eine Erklärung für das Vorgehen. Die Soldaten seien nicht ausreichend vorbereitet gewesen, er verstehe nicht, welche Strategie verfolgt werde, so der Sohn des früheren tschetschenischen Präsidenten Achmat Kadyrow auf Telegram.

Rücktritt Putins gefordert

Kadyrow ist nicht der einzige, der derzeit auf Distanz zu Putin zu gehen scheint. Während Russlands Truppen im Donbass eine Ortschaft nach der anderen verloren, hielt sich Putin, der alleiniger Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte ist, in Moskau auf und weihte anlässlich des 875. Geburtstags der russischen Hauptstadt ein Riesenrad und ein Sportzentrum ein.

Über den Krieg in der Ukraine, der in Russland nicht Krieg genannt werden darf, sprachen andere.

Nicht nur diverse Militärblogger ordnen den Rückzug der russischen Truppen immer deutlicher als Desaster ein, auch manche Lokalpolitiker äußerten sich kritisch. Laut Berichten von »Radio Free Europe«  sollen einige Politiker des Moskauer Stadtbezirks Lomonosovsky den Rücktritt Putins gefordert haben. Der Präsident habe mit seiner aggressiven Rhetorik Russland in die Zeit des Kalten Krieges zurückgeführt. Ähnlich hatten sich bereits sieben Kollegen eines Bezirks von St. Petersburg geäußert und dabei direkt auf den Krieg verwiesen, den sie als Grund für die massiven wirtschaftlichen Probleme Russlands betrachten.

Offenbar wagen angesichts der Niederlage und der vielen toten russischen Soldaten, die im Militärsprech euphemistisch als Verluste bezeichnet werden, auch nationalistisch Gesinnte zunehmend, den Präsidenten öffentlich zu kritisieren.

Ein prorussischer Blogger kritisiert in einem Beitrag  auf Telegram die »Milliarden-Rubel-Party« in Moskau. »Was stimmt nicht mit Ihnen? Nicht zum Zeitpunkt eines so schrecklichen Scheiterns«, hieß es in dem Post. Dabei leide die Armee unter einem Mangel an Ausrüstung und verfüge weder über ausreichende Schutzwesten, Wärmebildkameras, eine ausreichende Anzahl von Hubschraubern noch über Erste-Hilfe-Kästen.

»Gotteslästerlich und wahnsinnig hat heute der Salut in Moskau vor dem Hintergrund der ukrainischen Offensive in Charkiw ausgesehen«, kritisierte etwa ein anderer Blog. Viele Russinnen und Russen halten die Feierlichkeiten wohl für unpassend.

Durch die Geschehnisse dürften nicht nur Putin selbst, sondern auch Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu sowie andere hochrangige Politiker und Militärs unter Druck geraten. Es sei an der Zeit, die Kommandeure zu bestrafen, die solche Dinge erlaubt haben, zitiert die »New York Times«  einen prorussischer Blogger, der aus der Ostukraine berichtet. Angeblich hätten die russischen Streitkräfte nicht einmal versucht, Widerstand zu leisten, als das ukrainische Militär vorrückte.

Wie sich die Situation im politischen Moskau und im Osten der Ukraine weiter entwickelt, dürfte untrennbar zusammenhängen. Noch immer hält Russland gut ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets besetzt, einschließlich der Halbinsel Krim. Trotz des großen Erfolgs der ukrainischen Streitkräfte, bei dem teils auch moderne russische Panzer sowie zahlreiches anderes schweres Kriegsgerät erbeutet wurde, ist der Krieg noch nicht vorbei. Denn die Ukraine steht vor der Herausforderung, das eroberte Territorium auch langfristig zu sichern und den Nachschub an die nach Osten gerückte Front weiterhin zu sichern.

Vom Kremlchef war bisher wenig zur jüngsten Entwicklung in der Ukraine zu hören. Zuletzt telefonierte Putin mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zur kritischen Lage am von Russland besetzten Atomkraftwerk Saporischschja. Putin wies dabei die Schuld für den Beschuss der Anlage erneut den Ukrainern zu.

joe
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