Mikhail Zygar

Das Privatleben des russischen Präsidenten und die Medien Putins größtes Geheimnis

Mikhail Zygar
Eine Kolumne von Mikhail Zygar
Jedes russische Medium kennt das Tabu: die Familie des russischen Präsidenten und die Frauen in seinem Leben. Doch immer kam es zu spektakulären Enthüllungen – nur ein Rätsel können auch Journalisten nicht lösen.
Ein Bild aus längst vergangener Zeit: Wladimir Putin, damals noch Premierminister, und seine frühere Frau Ljudmila. Das Bild stammt aus dem Jahr 2010

Ein Bild aus längst vergangener Zeit: Wladimir Putin, damals noch Premierminister, und seine frühere Frau Ljudmila. Das Bild stammt aus dem Jahr 2010

Foto: IMAGO

Wladimir Putin ist wahrscheinlich der geheimnisvollste Politiker der Welt. In Russland ist das bekannt, daher war niemand von einer Recherche überrascht, die vor einigen Tagen von der unabhängigen russischen Medienagentur Vazhniye Istorii (Istories) und dem SPIEGEL veröffentlicht wurde: Es stellte sich heraus, dass Putins jüngste Tochter Katerina mehrere Jahre mit einem Schauspieler namens Selensky verheiratet war, einem ehemaligen Mitarbeiter des Münchner Balletts . Das russische Internet explodierte vor Witzen: Es heißt, Putin sei verwirrt, der falsche Selensky schlafe mit seiner Tochter.

Seit Jahren betrachten die russischen Medien das Privatleben des Präsidenten als ein Tabu, für das sich zu interessieren nicht im Sinne der journalistischen Ethik sei. Der heilige Schrecken, der das Privatleben des russischen Präsidenten umgibt, hat sich allmählich auf alles ausgeweitet, was ihn betrifft: seine Vergangenheit, seine Freunde, seine Lebensweise und vor allem die Gründe für seine Entscheidungen.

Dabei war Wladimir Putin bei Weitem nicht immer eine tabuisierte Persönlichkeit. Als er zum ersten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, gab er eine Reihe von Interviews, die in Form eines Buchs mit dem Titel »Aus erster Hand« veröffentlicht wurden. Wenig später erschien ein weiteres Buch, das aus Interviews mit seiner Frau Ljudmila Putina bestand. Sie erzählte dem Journalisten Oleg Blotsky einige unangenehme Geschichten aus dem Leben ihres Mannes. Ihrer Meinung nach hatte Putin sie jahrelang moralisch missbraucht. Das Buch wurde verboten und kam nie in die Regale der Buchhandlungen, aber Auszüge davon sind im Internet zu finden.

Offenbar hat Ljudmila Putina mit der Zeit aufgehört, Angst vor ihrem Mann zu haben. Langjährigen Bekannten der Familie zufolge war sie wahrscheinlich die einzige Person, die überhaupt keine Angst vor ihm hatte: Es war ihr egal, dass er Präsident war, sie hörte nicht besonders auf seine Meinung.

Das Tabu, das alle russische Journalisten lernen

In den frühen Nullerjahren arbeitete ich beim »Kommersant«, der größten unabhängigen Zeitung Russlands. Der damalige Chefredakteur pflegte zu sagen: Wir können es uns leisten zu schreiben, dass der Präsident falsch liegt, einen Fehler gemacht hat oder dass er schrecklich aussieht – aber wir können nicht über seine Frau schreiben. Die First Lady und die Familie des Präsidenten waren das erste Tabu, das russische Journalisten lernten. Es sei unethisch, seine Frau zu kritisieren – mit dieser These waren alle einverstanden. (Abgesehen von der Ehefrau des Präsidenten gab es nur ein vergleichbar riskantes Thema – Tschetschenien).

Warum war dies der Fall? Es gab viele Erklärungen. Putin hatte offenbar das Gefühl, dass die übermäßige Öffentlichkeitswirkung seiner Frau ihn angreifbar machte. Er hatte offensichtlich das Beispiel seines ehemaligen Chefs, des Sankt Petersburger Bürgermeisters Anatoli Sobtschak (1991–1996), vor Augen. Dessen Frau, Ljudmila Narusowa, stand immer im Rampenlicht, war politisch aktiv und immer Zielscheibe scharfer Kritik von Journalisten. Ihre Unbeliebtheit wurde weithin als einer der Gründe für Sobtschaks Niederlage bei den Wahlen 1996 angesehen.

Ein weiterer Faktor für Putins Geheimhaltung ist natürlich das Erbe des KGB. Der Grundsatz lautete: Je weniger Außenstehende über die Familie wissen, desto sicherer ist sie. Das gleiche Prinzip wurde von allen sowjetischen Führern bekräftigt.

Dieses unerschütterliche Tabu wurde 2008 gebrochen, als ein obskures Boulevardblatt, das dem Bankier Alexander Lebedew gehörte, schrieb, Putin lasse sich angeblich von seiner Frau scheiden und heirate die Olympiasiegerin in rhythmischer Gymnastik, Alina Kabajewa. Putin ließ die Geschichte sofort zurückziehen, der Bankier schloss die Zeitung, hatte aber bereits den Zorn der Behörden und der kremlnahen Medien auf sich gezogen. Lebedew, der früher ein Förderer der kremlnahen Partei Gerechtes Russland war, wurde aus der Partei ausgeschlossen und seines versprochenen Senatssitzes beraubt.

Lebedew zog von Moskau nach London und kaufte den »Evening Standard«. Der Fall war beispielhaft: Die Aufmerksamkeit für Putins Privatleben ist ein Verbrechen, das unweigerlich geahndet wird.

Gleichzeitig wirkte die Veröffentlichung wie ein vom Kreml organisiertes Leck – die Berichte über die Affäre des Präsidenten mit der Athletin schadeten seinem Image keineswegs, im Gegenteil. Putin hat jedoch den Medien und der Öffentlichkeit beigebracht, dass niemand über sein Leben berichten darf.

Seitdem thematisieren russische Medien Putins Privatleben überhaupt nicht mehr – bis Putin 2013 es selbst öffentlich tat. Er ging demonstrativ mit Ljudmila Putina ins Ballett und erzählte danach plötzlich Journalisten, dass sie bereits geschieden seien. Außerdem stellte er fest, dass die First Lady »acht, ja neun Jahre lang ihren Mann gestanden hat« – mit anderen Worten: Er bestätigte die Veröffentlichung aus dem Jahr 2008, die Affäre mit der Sportlerin.

Alina Kabajewa

Alina Kabajewa

Foto: Valery Sharifulin / ITAR-TASS / IMAGO

Erstaunlicherweise kam die Ankündigung von Putins Scheidung genau zu dem Zeitpunkt, als die Propagandaschlacht »für traditionelle Familienwerte« in Russland an Fahrt aufnahm. Der Kreml beschloss damals, die konservative Wählerschaft aus den Provinzen zu mobilisieren. Offiziell traten also keine Frauen mehr in Putins Leben.

Jahre später geht immer wieder das Gerücht um, Putin und Alina Kabajewa hätten geheiratet. Der belarussische Präsident Lukaschenko ist bei Gerüchten besonders eifrig – er liebt es, in Gesprächen mit Ausländern, insbesondere mit Journalisten, die Belarus nur selten besuchen, über Putins Privatleben zu tratschen.

Nicht jeder hielt sich jederzeit an das Tabu

Dennoch schien das Verbot, über Putins Privatleben zu berichten, jahrelang so sakrosankt zu sein, dass kein unabhängiger Journalist sich darüber hinwegsetzte. Als ich 2014 das Buch »All the Kremlin's Men« (Endspiel) schrieb, glaubte ich aufrichtig, dass Putins Privatleben keinen Einfluss auf die Politik hat. Sein Pressesprecher sagte: »Putin ist mit Russland verheiratet«. Und auch ich war der Überzeugung, dass es keine Rolle für die Entscheidungen im Kreml spielt, mit wem Putin schläft.

Doch 2015 wurde den unabhängigen russischen Journalisten plötzlich klar, dass die mangelnde Aufmerksamkeit für die Familie des Präsidenten eine Sünde und eine Schwäche ist, und dass eine wirklich freie Presse solche Tabus nicht zulassen kann. Und so begann es.

Am 28. Januar 2015 veröffentlichte die Zeitung »RBC« eine Recherche über eine Frau namens Ekaterina Tichonowa. In dem Bericht wurde behauptet, sie habe enormen Einfluss erlangt, die wichtigste Universität Russlands, die Moskauer Staatsuniversität, sich untertan gemacht und kontrolliere riesige Ressourcen, einschließlich Immobilien. »RBC« verschwieg nur einen Punkt: dass die Frau die jüngste Tochter des Präsidenten war. Dies kam erst am Tag nach der Veröffentlichung ans Licht. Der Journalist Oleg Kashin lüftete das Geheimnis in seinem Blog und schloss seinen Beitrag mit dem Satz »Keine Angst!«.

Zwei Tage vor der Veröffentlichung der Untersuchung, am 26. Januar, erhielt »RBC« eine offizielle Warnung von der russischen Aufsichtsbehörde Roskomnadzor. Der offizielle Vorwand war die geplante Veröffentlichung einer Zeichnung der Zeitschrift »Charlie Hebdo«. Laut Roskomnadzor verletzte die Zeichnung die religiösen Gefühle von Muslimen und schürte religiösen Zwist. Der wahre Grund war aber offenbar, dass der Kreml von der bevorstehenden Veröffentlichung über Katerina Tichonowa erfahren hatte und nun ein Warnsignal sendete: besser diese Ausgabe nicht veröffentlichen.

Wer berichtete, bekam Probleme

Aber der Geist war längst aus der Flasche. Russische Journalisten begannen, über die Verwandten des Präsidenten zu schreiben, als ob sie ein langjähriges psychologisches Trauma aufarbeiten wollten. Zunächst wurde bekannt, dass der Ehemann von Putins Tochter Eigentümer eines Großteils von Gazprom war. Die wenig bekannte Boulevardzeitung Sobesednik berichtete, dass Ljudmila Putina zum zweiten Mal geheiratet und ihren Nachnamen geändert hatte. Am 31. Januar 2016 veröffentlichte die unabhängige Zeitschrift »The New Times« einen Artikel über Putins älteste Tochter Maria. In dem Text ging es um ihren niederländischen Ehemann Jorrit Faassen, der bei Gazprom arbeitete, ihren Beruf und ihr luxuriöses Leben.

Quellen aus dem inneren Kreis um Putin sagten damals, dass der Text über Maria ihn verärgert habe – vor allem solche Details wie die Veröffentlichung ihrer Adresse und eines Fotos ihres Hauses. Der ehemalige KGB-Offizier sah darin etwas höchst Bösartiges und Gefährliches.

Putins jüngere Tochter Ekaterina Tichonowa

Putins jüngere Tochter Ekaterina Tichonowa

Foto: Eastnews /IMAGO

Im Laufe des Jahres gerieten »RBC« und »The New Times« in allerlei Schwierigkeiten. Durchsucht wurden Unternehmen, die dem »RBC«-Eigentümer Mikhail Prokhorov gehören. Wie der Bankier Lebedew vor ihm nahm er die Sache in die eigene Hand: Er entließ den Chefredakteur und alle wichtigen Mitarbeiter seiner Publikation. Und die »New Times« wurde vom Gericht zu einer absurd hohen Geldstrafe verurteilt. Diese Strafe war offensichtlich dazu da, die Zeitschrift zu zerstören – aber mithilfe von Crowdfunding gelang es der Redaktion, den erforderlichen Betrag in vier Tagen aufzubringen. Erst später wurde sie jedoch ohnehin eingestellt.

Praktisch alle traditionellen Medien in Russland wurden in den vergangenen zehn Jahren geschlossen. Die Veröffentlichungen der letzten Zeit ähnelten Guerillaeinsätzen: Viele russische Enthüllungsjournalisten berichteten online und richteten kleine investigative Internetseiten ein. In den vergangenen zwei Jahren wurde bekannt, dass Putin möglicherweise eine Geliebte und eine uneheliche Tochter hatte, dass seine beiden ehelichen Töchter geschieden waren und dann wieder geheiratet haben. Jedes Mal wurden diese Ermittlungen von unglaublichen Details darüber begleitet, wie viel Geld Putins weibliche Verwandte erhielten, wie sie Haushaltsmittel verwendeten und wie die ihnen Nahestehenden an das ehemalige Staatseigentum gelangten.

Die staatlichen Medien haben sogar Putins Töchter interviewt – aber es wurden ihnen nie sinnvolle Fragen gestellt.

Die älteste Tochter soll Propaganda in einer WhatsApp-Gruppe ihrer ehemaligen Uni machen

Die Gelegenheit, in die Seele der ältesten Tochter des Präsidenten zu blicken, bot sich erst letzte Woche: Der russische Journalist Dmitri Kolezev veröffentlichte Screenshots aus einem Chatroom von Absolventen der medizinischen Fakultät der Uni Moskau. Mehr als 170 Personen beteiligen sich an der Korrespondenz, und Maria V. (Bekannte behaupten, es handele sich um Maria Woronzowa – der Name, unter dem Putins älteste Tochter bekannt ist) ist besonders aktiv. Sie äußert sich zu allen politischen Themen und sagt genau dasselbe wie die russischen Propagandasender. »Keiner im Westen will, dass unser Land gedeiht. Es wurde immer alles getan, um dies zu verhindern. Und das wird sie auch weiterhin tun«, schreibt Maria V. in einer Chatgruppe für ehemalige Studenten.

Alle dem Kreml nahestehenden Quellen versichern uns jedoch, dass es keine enge Kommunikation zwischen Putin und seinen Töchtern gibt. Sie genießen natürlich alle Vorteile der endlosen russischen Korruption, sie haben Zugang zu Staatseigentum und zu Haushaltsmitteln – darin unterscheiden sie sich nicht von einer großen Gruppe von Kindern russischer Spitzenbeamter, Putins Genossen. Dmitrij Patruschew, der Sohn des Sekretärs des Sicherheitsrats und ehemaliger Direktor des FSB, ist Landwirtschaftsminister. Der Sohn des Präsidentenberaters und ehemaligen Verteidigungsministers Sergej Iwanow, Sergej Iwanow jr., leitet das staatliche Diamantenförderungsunternehmen Alrosa. Der Sohn des ehemaligen Premierministers und ehemaligen Chefs des Auslandsgeheimdiensts, Michail Fradkow, ist Chef der Promsvyazbank, einer staatlichen Bank, die Dienstleistungen für die Rüstungsindustrie erbringt. Es gibt viele solcher Beispiele. Im Vergleich sind die Positionen von Putins Töchtern sehr bescheiden.

Doch noch besser geschützt als die Details aus dem privaten (und nicht sehr privaten) Leben des Präsidenten sind die seines geistigen Lebens, seines Denkens. Welche persönlichen Motive Putin antreiben und was ihn dazu bringt, die Opfer des Krieges in der Ukraine ohne Mitleid und Mitgefühl zu behandeln, sind wohl das bestgehütete Geheimnis Russlands.